Wirecard 2014 - 2025

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23.11.25 13:34 #186701 #697 Stopt Stadelheim?
Diese jahrelangen Steuerverschwendungen, Gerichtskosten,  um eine dreiste  Betrügerbande halt ich auch für kokolores. Aber so ist halt Demokratie, da werden auch  Hochstapler und Bluffer von zig Anwälten gepampert....  

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23.11.25 16:27 #186702 Stoppt Stadelheim!
13.08.2025

Kommentar von Klingo Walcher (UnZEIT)

Es klingt manchmal wie eine schräge Theatertruppe auf Tournee – und ist doch der ernsthafte Appell eines Mannes, der offenbar weiß, wovon er spricht: „Stoppt Stadelheim!“ ruft ein Whistleblower den Richtern im Wirecard-Prozess zu. Dramatisch, pathetisch, fast schon übergriffig – und doch: Wer die Aktenlage so obsessiv studiert wie dieser Mann, dem sollte man zumindest zuhören.

Denn die Forderung wirkt nur so lange deplatziert, wie man sie als lautstarke Störung im Gerichtssaal missversteht. Tatsächlich steckt dahinter eine Befürchtung, die jeder ernst nehmen sollte, dem der Rechtsstaat mehr bedeutet als die Genugtuung einer Schlagzeile: Dass der Prozess gegen Markus Braun längst weniger der Wahrheitsfindung dient als der Bestätigung eines Narrativs, das von Anfang an in Stein gemeißelt war: Braun der Schuldige. „Jetzt wird abgerechnet“, der Satz stammt nicht aus einem Giesinger Biergarten – so kommentierte die ZEIT zum Auftakt des Verfahrens!

Natürlich, die Empörung über Wirecard war und ist berechtigt. Milliarden verschwunden, ein DAX-Konzern implodiert, die Republik blamiert. Aber Empörung ist ein schlechter Prozessführer. Wer die Justiz zum Erfüllungsgehilfen öffentlicher Erwartung degradiert, riskiert, dass Urteile wie Justizpossen wirken. Jigajig formuliert es trocken: „Zwischen schwerem Vorwurf und hartem Urteil liegt immer noch der Rechtsstaat!“.

„Stoppt Stadelheim!“ heißt in diesem Kontext nicht, Braun heiligzusprechen. Es heißt: Stoppt den Automatismus, der Haftdauer und Strafmaß wie eine Pflichtübung abspult. Stoppt den Reflex, Zweifel als Nestbeschmutzung zu brandmarken. Stoppt den Prozess, wenn er nur noch Ritual ist – und fangt an, wirklich zu prüfen.

Dass der Ruf ausgerechnet aus der Feder eines Mannes kommt, den manche für einen Querulanten halten, macht ihn nicht wertlos. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der die lautesten Stimmen oft die oberflächlichsten sind, wirkt der monotone Trommelwirbel der Fakten fast schon altmodisch – und vielleicht genau deshalb notwendig.

Wer also über den Slogan lacht, dem könnte das Lachen nach einem Urteil im Halse steckenbleiben. Denn eines ist klar: Wird das Urteil erfolgreich angefochten, ist der Fehlschuss inhaltlich nicht mehr korrigierbar. Deshalb ist „Stoppt Stadelheim!“ kein Klamauk, sondern ein Weckruf. Nicht, weil Braun ein unschuldiger Dreyfus wäre – sondern weil jeder Rechtsstaat Dreyfus-Momente vermeiden sollte. Ein Scheitern des Jahrhundertprozesses wäre das völlige Desaster in dem an Desastern ohnehin reichen Skandal um Wirecard.

https://fontaane.wordpress.com/2025/08/13/...mehr-ist-als-ein-slogan/

 
23.11.25 16:29 #186703 Zum Prozess Wirecard
https://fontaane.wordpress.com/2025/11/23/...oeffentlichkeit-braucht/

Der Wirecard-Prozess ist nicht irgendein Verfahren.Er ist der größte Wirtschaftsstrafprozess der Bundesrepublik –ein Verfahren, das über Rechtsstaatlichkeit, politische Verantwortung, wirtschaftliche Aufsicht und das Vertrauen in staatliche Institutionen entscheidet.

Umso gravierender ist die mediale Verzerrung, die sich in den vergangenen Monaten immer deutlicher abzeichnet.Sie betrifft nicht nur die Wahrnehmung der Angeklagten.Sie betrifft die fundamentale Frage, ob die Öffentlichkeit überhaupt noch in der Lage ist, die Bedeutung des Verfahrens zu verstehen.

Es geht um Bias, nicht um Meinung. Dieser Bias ist inzwischen messbar.

1. Die Unterberichterstattung über zentrale Themen

Zu einem der wichtigsten Komplexe –den dokumentierten Datenlöschungen, Manipulationen und digitalen Leerstellen im Umfeld des Kronzeugen –existiert ein förmlicher, detaillierter Beweisantrag.

Er benennt technische Fakten, Zeitpunkte, Asservate, Zeugen. In der öffentlichen Berichterstattung kommt dieser Antrag praktisch nicht vor. Parallel dazu sind Themen wie:ein kaputtes iPad, anekdotische Erinnerungen, oder atmosphärische Prozessbeschreibungen überproportional präsent.

Die Folge: Die Öffentlichkeit sieht nicht die Strukturen, die für die Urteilsfindung relevant sind, sondern eine Art Nebenbühnen-Theater, das mit der Beweisrealität nur partiell zu tun hat

2. Ein Wirtschaftsstrafverfahren braucht eine informierte Ein

Ein Verfahren dieser Dimension muss auf einer öffentlich tragfähigen rechtsstaatlichen Grundlage stehen. Dazu gehört, dass zentrale Beweisprobleme sichtbar sind, dass Ermittlungsdefizite diskutiert werden, dass Widersprüche transparent werden, dass neue Sachbeweise in der Öffentlichkeit nachvollzogen werden können.

Wenn stattdessen einseitige oder fragmentierte Informationen dominieren, entsteht eine Illusion von Klarheit.

Eine verzerrte öffentliche Erwartungshaltung kann selbst ein Verfahren aus dem Gleichgewicht bringen. Ein fairer Prozess ist nicht nur eine Frage des Gerichtssaals. Er ist eine Frage der Öffentlichkeit, die diesen Prozess verstehen können muss.

3. Die politische Verantwortung – Was unter dem Tisch verschwindet

Wenn in der Berichterstattung die komplizierten Fragen zur Rolle von:Behörden, Aufsichtsstrukturen, Wirtschaftsprüfern und politischen Entscheidernan an den Rand gedrückt werden, entsteht ein gefährlicher Eindruck: als sei das gesamte Systemversagen auf eine Handvoll Personen im Vorstand reduzierbar.

Das ist strukturell falsch.

Die politische Dimension des Wirecard-Skandals – von der Aufsicht über die FIU bis zur interministeriellen Kommunikation –wird durch eine einseitige Prozesswahrnehmung unsichtbar.

Ein Prozess darf nicht als Schutzschild dienen, hinter dem institutionelle Verantwortung verdunstet.

4. Die Kleinanleger – und das destruktive Narrativ der Aussichtslosigkeit

Eine weitere Folge der verzerrten Darstellung: Kleinanleger werden zunehmend in die Haltung gedrängt, sie hätten ohnehin „keine Chance“.

Dass der Ausgang des Prozesses unmittelbare Auswirkungen auf Schadenersatzansprüche hat, wird kaum beachtet.

Wer die Bühne verkleinert, wer den Blick auf die eigentlichen Strukturen verengt, verhindert, dass hunderttausende geschädigte Anleger überhaupt verstehen, welche Rechte sie noch haben und wovon diese Rechte abhängen.

Ein komplexes Beweisproblem ist kein juristisches Detail. Es ist Teil der ökonomischen Realität der Betroffenen.

5. Und schließlich: Mit sicherheitspolitischen Themen spielt man nicht!

Es gibt einen Punkt, der nüchtern und deutlich ausgesprochen werden muss: Die Vermischung des Strafverfahrens mit halbgaren oder spekulativen Darstellungen rund um Jan Marsalek und hybride Kriegsführung ist gefährlich.

Nicht gefährlich für eine Partei –sondern gefährlich für die Sicherheitspolitik selbst. Mit solchen Themen spielt man nicht.

Sicherheitspolitisch relevante Zusammenhänge dürfen nicht zu dramaturgischen Ablenkflächen verkommen, diezufällig immer dann in den Medien auftauchen, wenn im Münchner Gerichtssaal ungemütliche Fragen gestellt werden.er

Wer sicherheitspolitische Themen instrumentalisiert, nimmt Fahrlässigkeit in Kauf – und beschädigt die Fähigkeit der Gesellschaft, echte Risiken von medialen Konstruktionen zu unterscheiden.-

Fazit: Dieser Prozess braucht weniger Spekulation – und mehr Wirklichkeit

Wirecard ist zu groß, zu wichtig und zu symbolisch, um durch selektive Darstellung in eine falsche Schieflage geraten zu dürfen.

Es geht um: Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Verantwortung, politische Integrität, Informationsgerechtigkeit und nicht zuletzt: die Fähigkeit einer Demokratie, komplexe Verfahren wahrheitsgetreu darzustellen. Die Öffentlichkeit darf sich nicht mit Nebengeschichten zufriedengeben.

Sie hat ein Recht darauf, die wirklichen Fragen zu kennen. Und genau dafür ist es notwendig, immer wieder auf die Unterschiede hinzuweisen zwischen:dem, was berichtet wird – und dem, was tatsächlich relevant ist.  
23.11.25 16:34 #186704 Aussagen von Markzs Braun
Markus Braun betont, dass er bis zuletzt davon überzeugt gewesen sei, dass die Bilanzen von Wirecard korrekt waren und sämtliche Treuhandkonten tatsächlich existierten. Um dieses Vertrauen zu unterstreichen, habe er noch im Mai 2020 – nur wenige Wochen vor der Insolvenz – weitere Wirecard-Aktien im Wert von 2,5 Millionen Euro erworben und sogar seine privaten Immobilien zur Sicherung eines Kredits verpfändet, um seinen milliardenschweren Aktienbestand zu halten. Erst die Ermittlungsakten hätten ihm das wahre Ausmaß des tatsächlichen Geschehens offenbart. Braun bestreitet, von den nun erhobenen Vorwürfen – Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue und gewerbsmäßigem Bandenbetrug – gewusst zu haben. Er führt an, dass ihm, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat bis zuletzt durch E-Mails des Treuhänders vorgespiegelt worden sei, die Gelder auf den Treuhandkonten lägen. Heute sei klar, dass die gegen ihn gerichteten Vorwürfe maßgeblich auf falschen Angaben Oliver Bellenhaus’ beruhen.

Im Verfahren spiele das sogenannte Drittpartner- oder TPA-Geschäft eine zentrale Rolle. Während Insolvenzverwalter, Ermittler und Bellenhaus davon ausgehen, dass es dieses Geschäft in der ausgewiesenen Größenordnung nicht gegeben habe, widerspricht Braun entschieden. Er verweist darauf, dass die Staatsanwaltschaft zunächst behauptet habe, das TPA-Geschäft sei frei erfunden gewesen, während inzwischen feststehe, dass es tatsächlich existierte. Dass das Gericht nun von einem „nicht wie bilanziert“ existierenden Geschäft spreche, sei ebenfalls nicht korrekt, da die vorliegenden Belege zeigten, dass die ausgewiesenen Erträge real gewesen seien. Es gehe nicht um Glaubensfragen, sondern um überprüfbare Sachbeweise.

Zu diesen Belegen zählt Braun TPA- und weitere Konten, die unter der Kontrolle von Bellenhaus gestanden hätten und auf die insgesamt über zwei Milliarden Euro eingezahlt worden seien – überwiegend Kommissionszahlungen aus echten Drittpartnertransaktionen. Darüber hinaus gebe es Hinweise auf Hunderte weitere TPA- und Schattenkonten, insbesondere in Asien, über die nach Einschätzung Brauns weitere Milliardenerträge geflossen seien. Die eingegangenen Gelder seien, so ergibt sich für Braun aus der Analyse der Zahlungsströme, überwiegend in Scheindienstleistungsfirmen in verschiedenen Offshore-Jurisdiktionen ausgeleitet worden, die in Verbindung mit Bellenhaus und weiteren Beteiligten stehen. Auch andere Wirecard-Gelder, etwa aus Firmenübernahmen, Krediten und Softwareverträgen, seien über dieselben Strukturen abgeflossen. Allein an eine Hongkonger Scheingesellschaft seien rund 340 Millionen Euro gelangt.

Seine Vorwürfe gegen Bellenhaus begründet Braun mit dessen eigenen Aussagen: Bellenhaus habe während einer Vernehmung im Juli 2020 überraschend zugeben müssen, außerhalb von Wirecard über Dritt-Acquirer Kunden abgewickelt zu haben. Damit habe er bestätigt, dass das Drittpartnergeschäft tatsächlich existierte, die daraus resultierenden Erträge aber veruntreut wurden. Später habe Bellenhaus einräumen müssen, dass das Vermögen seiner Levantine-Stiftung im Wesentlichen aus veruntreuten Kommissionszahlungen eines chinesischen Dritt-Acquirers stamme. Die Staatsanwaltschaft habe diese Sachverhalte aus Brauns Sicht jedoch ignoriert und es versäumt, die Zahlungsflüsse auf den einschlägigen TPA-Konten und weiteren von Bellenhaus initiierten Wirecard-Bankkonten umfassend zu untersuchen. Eine solche Prüfung hätte aus seiner Sicht gezeigt, dass allein ein chinesischer Drittpartner zwischen 2015 und 2017 etwa 120 Millionen Euro an Kommissionen auf TPA-Konten eingezahlt hatte.  
23.11.25 16:49 #186705 Stoppt Stadelheim!
Anders als manche von themenfremden braunen Verbaldurchfall befallene Kreaturen schreibe ich viel, aber es ist on point.

Die Forderung Stoppt Stadelheim greife ich aktuell wieder auf, weil ein Antrag auf Aussetzung des Verfahrens gestellt wurde.


Obersatz
Ein Verteidiger kann im Hauptverfahren in Deutschland die Aussetzung der Verhandlung oder eine sonstige Zwischenmaßnahme beantragen, wenn sich nachträglich neue Tatsachen oder Beweismittel ergeben, die geeignet sind, das Verfahren in seiner Substanz in Frage zu stellen - etwa weil die Glaubwürdigkeit eines zentralen Belastungszeugen massiv erschüttert wird.
Definition
Nach deutschem Prozessrecht gilt grundsätzlich, dass das Gericht die Beweismittel, die im Verfahren vorgelegt wurden, zu prüfen hat. Ein Aussetzungsantrag könnte etwa gestützt werden auf (229 StPO analog) eine Wiederaufnahme oder ein Verfahren wegen neu aufgetauchter Tatsachen, oder auf 244 StPO (Erhebung neuer Beweise) bzw. die Feststellung, dass das Verfahren ohne Berücksichtigung dieser neuen Tatsachen nicht mehr fair geführt werden kann. Zwar existiert keine ausdrückliche gesetzliche Regel für eine „Aussetzung“ des Hauptverfahrens nur wegen neu entdeckter Einflussfaktoren, doch kann das Gericht im Rahmen seiner Verfahrensdisziplin- und Sicherungskompetenz (227 StPO) Zwischenmaßnahmen ergreifen, wenn die Voraussetzungen dafür vorliegen.
Ein maßgeblicher Aspekt ist dabei die Glaubwürdigkeit eines Kronzeugen: Wird ein zentraler Belastungszeuge eingesetzt, dessen Aussage erheblichen Einfluss auf die Beweiswürdigung hat, und treten danach nachweisbare Widersprüche oder neue Erkenntnisse zutage, die dessen Aussagefundament grundlegend erschüttern, kann dies das Verfahren gegen die Beschuldigten in seiner Substanz beeinträchtigen.
Subsumtion auf den konkreten Fall
Im vorliegenden Fall liegen folgende Umstände vor:
Der Kronzeuge (im deutschen Verfahren) hat ein umfassendes Geständnis abgelegt und belastet den CEO sowie den Kollegen.
Im Ausland (in Singapur) existiert ein Urteil, aus dem hervorgeht, dass derselbe Kronzeuge früher und direkter in zentrale Fälschungs- bzw. Treuhandaktivitäten verwickelt war als er im deutschen Verfahren angegeben hat.
Dieses neue Urteil wurde öffentlich berichtet und war im deutschen Verfahren offenbar nicht in dieser Form berücksichtigt.
Diese fremdjuristische Entscheidung betrifft den gleichen Sachzusammenhang und damit denselben Komplex (Treuhänder/Soko „Treuhänder“) wie das deutsche Verfahren.
Daraus ergeben sich klare Widersprüche zur Aussage des Kronzeugen im Hauptverfahren: Seine Belastungsaussage gegenüber dem CEO und Kollegen stützt sich auf eine bestimmte Darstellung; das ausländische Urteil zeigt eine andere, frühere Beteiligung, die nicht in seinem deutschen Geständnis/Belastungsschema berücksichtigt wurde.
Damit wird die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen massiv infrage gestellt – was für das deutsche Verfahren von erheblicher Beweiskraft sein kann, gerade wenn seine Aussage zentral war.
Die Verteidigung des CEO beantragt nun offenbar eine Aussetzung. Begründet werden könnte dieser Antrag damit, dass erst durch das neue Urteil eine substantielle Änderung der Tatsachenlage vorliegt (neuer Beweiswert), die eine Neubewertung der Belastungsbeweise notwendig macht – andernfalls droht ein Verfahren, das auf unzulänglicher oder fehlerhafter Grundlage fußt.
Somit liegt eine plausible Begründung dafür vor, dass das Verfahren zumindest vorübergehend ausgesetzt werden sollte, damit das Gericht oder die Staatsanwaltschaft die Auswirkungen des neuen ausländischen Urteils auf das Verfahren prüfen kann (z. B. Glaubwürdigkeitsprüfung des Kronzeugen, ggf. Entlastungsbeweismittel, Verfahrensrisiko). Denn ohne eine solche Prüfung könnten die Rechte des Beschuldigten verletzt sein – insbesondere sein Anspruch auf faire Verhandlung gemäß Art. 6 EMRK (rechtliches Gehör, faire Verfahren).
Ergebnis
Die Aussetzung könnte begründet werden mit dem Argument, dass aufgrund des neuen Urteils in Singapur erstmals nachträglich auftauchende, substanzielle Tatsachen erhoben sind, welche die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen sowie die Grundlage der gegen den CEO bzw. Kollegen geführten Beweise erheblich erschüttern. Es besteht damit ein Verfahrensrisiko, dass das Hauptverfahren in Deutschland auf einer fehlerhaften Sach- oder Beweisgrundlage durchgeführt wird. Eine Aussetzung zur Prüfung dieser Auswirkungen erscheint daher sachgerecht.

---

https://x.com/chickajig/status/1744087236822302878?s=20

stopptstadelheim

"(Braun) muss ja nicht unschuldiger sein, auch nicht unschuldiger als andere. Er ist unschuldig im Sinne der falschen Anklage und gehört auf freien Fuß und der Prozess beerdigt.
Es gibt kein richtiges Urteil in einem falschen Prozess!"

7. Januar 2024 (!!!)  
23.11.25 18:37 #186706 May 2022?
That was after the public Statement of the munich Prostitution in March of 2022 and it was before the BR articles later that year.
but i do not know which document, you are talking about??
i do not now an official document from that time that could be quoted in public.

the only hint is a Handelsblatt article mentioning three hundred pages written to the court that not any Journalist did mention.

this is not Journalism, this is demagogy.
33445166  
23.11.25 19:56 #186707 Stop
Ich sage das jetzt bewusst schlicht. Ich verstehe sehr gut, dass man nach so viel eigener Recherche und Energie das Bedürfnis hat, mit der eigenen Sichtweise gehört zu werden. Daran ist überhaupt nichts falsch. Was aber schwierig wird, ist der Moment, in dem der Wunsch nach Sichtbarkeit dazu führt, dass ein laufender Strafprozess öffentlich in eine Richtung gedrückt wird, die am Ende nicht mehr viel mit dem Verfahren selbst zu tun hat.

Kritik am Prozess ist legitim. Auch Ärger über Ermittlungsfehler oder schlechte Berichterstattung ist legitim. Aber wenn man anfängt, das Verfahren selbst in seiner Grundlage infrage zu stellen und damit die Erwartung zu erzeugen, das Gericht solle sich an der öffentlichen Stimmung orientieren, dann verlässt man den Boden, auf dem ein Rechtsstaat stehen muss.

Wir leben in einer Zeit, in der Desinformation und politische Einflussnahme schon jetzt ein echtes Risiko darstellen. Wenn wir heute akzeptieren, dass Strafprozesse durch öffentlichen Druck oder politische Stimmung verschoben werden dürfen, dann öffnet das Türen, die morgen jede Regierung nutzen könnte, der die Gewaltenteilung im Weg steht. Und ich sage es ganz offen: mit einer Partei wie der AfD als möglicher Regierungsbeteiligung ist das kein theoretisches Thema mehr.

Darum geht es mir. Nicht darum, dich zu kritisieren, sondern darum, die Grenze klar zu halten: Sichtbarkeit ist okay, Kritik ist okay, aber das Verfahren darf nicht zum Instrument werden. Wenn wir diese Linie verlieren, verlieren wir am Ende die Grundlage, auf die wir uns alle verlassen.  
23.11.25 22:08 #186708 Fundamentaldebatte
Danke für deine ausführliche Rückmeldung – und ich sehe den Punkt, den du ansprichst.
Vielleicht entsteht hier ein Missverständnis darüber, was ich eigentlich tue.

Ich versuche nicht, das Gericht IN EINE VORGEGEBENE RICHTUNG unter Druck zu setzen oder das Verfahren in irgendeine Richtung zu „drücken“. Ich halte die Unabhängigkeit der Justiz für absolut zentral, gerade in Zeiten, in denen demokratische Institutionen angegriffen werden. Ich habe (vielleicht nicht hier, aber anderswo) darüber ausführlich geschrieben, exemplarisch:
https://fontaane.wordpress.com/2025/09/19/fragen-im-vertrauen/

(Der Beitrag Fragen im Vertrauen beschreibt genau das Spannungsfeld, in dem ich mich bewege: Die Sorge um den Rechtsstaat ist nicht der Grund meiner Kritik, sondern ihr Ursprung. Wer, wie ich, seit Jahren dokumentiert, fragt nicht, um Verfahren zu beschädigen, sondern um ihre Grundlage zu schützen. Die Gefahr der Narrativverkürzung sehe ich sehr klar – sie ist Teil meiner innersten Haltung. Deshalb stelle ich Fragen: nicht um Druck aufzubauen, sondern um Vertrauen zu rechtfertigen.)

Was ich mache, ist etwas anderes: Ich dokumentiere, analysiere und kritisiere Punkte, an denen das Verfahren strukturell überlastet oder unvollständig erscheint – und zwar nicht um Einfluss zu nehmen, sondern um Verständnis herzustellen.

Hashtags wie #stopptstadelheim waren immer analytische Marker innerhalb meines Projekts – vergleichbar mit Labels wie Dieselskandal oder CumEx. Teilweise provozierende Begriffe, die Fragen stellen, nicht Antworten vorgeben.

Und ja, ich habe dabei bewusst provoziert, so wie auch durch Interviews oder die Anregung parlamentarischer Fragen – aber nie in der Absicht, die richterliche Entscheidung in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.

Mir geht es um Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Debatte – nicht um Stimmungsmache und schon gar nicht um das Aushöhlen rechtsstaatlicher Verfahren.
Wenn man das trennt, glaube ich, sind wir gar nicht so weit auseinander.

Die Grundlage fast auch mein offener Brief an den Vorsitzenden Richter zusammen, für den ich (nicht ganz uninteressant) teilweise scharfe Kritik bekommen habe: Von eher auf Krawall gebürsteten sogenannten "Unterstützern", deren Agenda ich nicht teile und von denen ich mich - wie man auch am Beispiel MeimSteps oder Martin Dorsch sieht - mit aller Vehemenz distanziere, wo sie - innerhalb oder außerhalb des Themas Wirecard - gegen Prinzipien verstoßen, die für mich bei all meinem Engagement undiskutierbar sind.  
23.11.25 22:19 #186709 Offener Brief an den Vorsitzenden Richter
Das war die abgeschickte Version

https://fontaane.wordpress.com/2025/09/03/...ericht-munchen-wirecard/

Die Vorläufer des Briefes waren wesentlich schärfer formuliert und wie gesagt: Einigen leuten klag der brief zu weichgespült, aber mir war es wichtig, genau diesen Ton zu treffen. Wenn ich den Vorsitzenden Richter in Stadelheim sehe, grüßen wir uns weiterhin freundlich und respektvoll. Dass ich auf X von "schmeißt den Trottel raus" schreibe in Bezug auf den Oberstaatsanwalt Bühring, das ist reine Kriegsrhetorik und hat nichts mit dem Sachniveau der Auseinandersetzung zu tun.

Es ist manchmal ein Ritt auf der Rasierklinge, wie bei de ständigen Tänzeln um die Begriffe "Lückenpresse", "Lüggenpresse", "Lügenpresse". Das ist mir schon klar. Nur: Ich habe Angebote in einem nahezu gewaltfreien Ton gemacht und sie wurden ignoriert, sodass Du aus Gründen der Fairness nicht einseitig mich kritsieren darfst, ohne den Kommunikationspartner auf der anderen Seite zumindest mitzudenken, der die Diskussion konsequent verweigert (Beispiel Melanie Bergermann seit 13.07.2023)

siehe das "j'accuse" vom September 2023 - das ja schon eine Vorgeschichte hatte

https://drive.google.com/file/d/...2uKP_SgJ9m5dYT7GL/view?usp=sharing  
23.11.25 22:21 #186710 Zitat
Und trotzdem: Trotz allen Ärgers, trotz aller Enttäuschungen — ich bleibe dem Rechtsstaat und den Ermittlern verbunden. Warum? Weil es keine Alternative gibt, die wir uns leisten können. Die Verteidigung der Institutionen ist nicht blanke Loyalität; sie ist die Forderung nach seiner besten Version. Ich will nicht, dass die Justiz beschädigt wird; ich fordere, dass sie sich selbst ernst nimmt: mehr Offenheit, mehr methodische Weite, mehr Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zuzulassen. Eine starke Justiz steht nicht auf simplen Narrativen, sie lebt von Transparenz und von der Demut, nicht alles sofort erklären zu können.

Deshalb sind meine Fragen nicht destruktiv. Sie sind Prüfsteine. Sie heißen nicht: „Stürzt die Staatsanwaltschaft!“, sondern: „Beantwortet die offenen Punkte, macht die Entscheidungswege sichtbar, legt die Gründe dar, warum bestimmte Hypothesen nicht weiter verfolgt wurden.“ Ich verlange nicht Gerechtigkeit durch Enthüllung um jeden Preis — ich verlange Gerechtigkeit durch Prozessklarheit. Es geht nicht darum, Bequemlichkeit zu ersetzen durch Verschwörung; es geht darum, die Pflicht des Staates ernst zu nehmen: die Pflicht zu vollständiger, fairer, methodisch sauberer Aufklärung.

Am Ende dieses Essays steht kein Zorn, sondern eine Bitte. Ich vertraue darauf, dass eine demokratische Justiz Kritik aushält — und daraus stärker wird. Das ist kein Misstrauen gegen die Institution per se, sondern ein Aufruf zur Erneuerung ihrer Praxis im Lichte eines Skandals, der unser Vertrauen erschüttert hat. Wer Institutionen liebt, hat nicht weniger Recht, sie streng zu prüfen; und wer den Rechtsstaat verteidigt, darf nicht schweigen, wenn Verfahren in ihrem Ablauf Fragen offenlassen.

Ich frage im Vertrauen. Ich frage, damit der Rechtsstaat besser wird, nicht, damit er noch mehr leidet. Ich frage, weil ich glaube, dass die Kraft einer Demokratie sich daran zeigt, wie sie mit ihren Schwächen umgeht — mit Mut zur Komplexität, mit dem Willen zur Aufklärung und mit dem Respekt vor dem, was noch unklar ist.

Ich frage im Vertrauen.  
23.11.25 22:40 #186711 Demokratie verteidigen
Hat es dem Verhältnis zwischen West und Ost genutzt, 1990 Märchen zu erzählen, um den Wiedervereinigungskritikern den Wind aus den segeln zu nehmen, oder hätte man die Probleme klar benennen und diskutieren müssen?

Hat das ultimative "Wir schaffen das" von Angela Merkel 2015 der Integration von Migranten und der Bereitschaft zu gemeinsamer Anstrengung genutzt, oder hätte man die Probleme klar benennen und diskutieren müssen?

Hat der kategorische Ausschluss jeder kritischen haltung zu Coronamaßnahmen unserer politischen Kultur genutzt, oder hätte man die probleme klar benennen und diskutieren müssen?

Macht mich eine dieser Fragen zu einem Anti-Ossi, einem Migrantenfein, einem Querdenker?

Dann die Frage:

Nutzt es der demokratischen Kultur, Medien, Politik und Institutionen als unantastbar zu definieren oder sollte man sie weiterhin mit konstruktiver Kritik angehen, wenn es einen Grund gibt, auch wenn destruktive Kräfte sie destruktiv angreifen?

Muss ich zu Jens Spahn schweigen, weil eine rechtspopulistische Meute Robert Habeck verunglimpft hat und weil Kritik an der Parteiendemokratie von rechtsaußen zugleich geäußert wird?

So zerstören wir, oder haben wir zerstört, was wir erhalten wollten und ollen: Gestern das Zusammenwachsen der Deutschlands, die Migrationsakzeptanz, die sinnvolle Pandemiediskussion und heute die Demokratie.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg falsch ist. Wenn die SZ offensichtlich maipuliert, ist es eine manipulative Berichterstattung und wenn Richter Födisch offensichtlich befangen ist und das trotzdem nicht so bewertet wird, liegt die Justiz objektiv falsch - und das ist ein Justizskandal.

PS

https://anwaltsblatt.anwaltverein.de/de/themen/...endige-justizkritik    
24.11.25 10:54 #186712 Grenze zwischen Analyse und Einflussnahm.
Danke für deine ausführliche Antwort, und ich sehe, dass du dir Mühe gibst, deinen Ansatz sauber von dem abzugrenzen, was man klassisch unter Druckaufbau oder Stimmungsmache verstehen würde. Ich glaube dir auch, dass du das Verfahren nicht „lenken“ willst, sondern dass deine Motivation eher aus dem Wunsch entsteht, Lücken sichtbar zu machen und das große Ganze verständlicher zu machen. Das erkenne ich an, und an der Stelle sind wir wirklich nicht weit auseinander.

Trotzdem bleibt für mich eine andere Sorge bestehen, die ich einfach klar benennen möchte, ohne dir dabei eine Absicht zu unterstellen. Wenn man als Einzelperson oder kleines Kollektiv sehr sichtbare Begriffe, Hashtags oder Markierungen setzt, die im Umfeld eines laufenden Strafverfahrens wie politische oder aktivistische Appelle wirken können, dann kann die Wirkung in der Öffentlichkeit etwas anderes sein als die Absicht. Ein Begriff wie „stopptstadelheim“ mag für dich ein analytischer Marker sein, aber nach außen kann er wie eine Forderung wirken, die das Verfahren als Ganzes infrage stellt. Und genau da sehe ich die Gefahr, dass sich etwas verselbstständigt, was du gar nicht gesteuert hast, aber trotzdem reale Folgen haben kann.

Besonders in einer Zeit, in der sich politische Kräfte formieren, die keinerlei Hemmung hätten, solche Argumentationsmuster später für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, ist diese Grenze sehr sensibel. Mein Punkt ist also nicht, dass du das Gericht beeinflussen willst, sondern dass manche deiner Wortsetzungen in einem Klima, das ohnehin anfällig für Misstrauen und Desinformation ist, ungewollt diese Logik bedienen könnten. Das ist der Teil, über den ich mich ehrlich sorge, weil solche Mechanismen oft nicht dort landen, wo sie gestartet sind.

Ich sehe aber auch, dass du dir dieser Risiken bewusst bist, und dass du dich deutlich von Leuten abgrenzt, die mit dem Thema ganz andere Ziele verfolgen. Das finde ich gut und notwendig. Vielleicht liegt der gemeinsame Nenner genau darin: die Frage, wie man Kritik und Transparenz einfordert, ohne die Stabilität eines rechtsstaatlichen Verfahrens zu beschädigen oder von anderen instrumentalisiert zu werden.

Ich glaube also tatsächlich, dass wir gar nicht so weit auseinanderliegen, aber dass wir an einem Punkt unterschiedlich sensibel sind. Und vielleicht ist genau dieser Austausch der richtige Ort, diese Differenz sauber zu halten.
33449342  
24.11.25 15:42 #186713 Managerverantwortung in Bilanzskandalen
Managerverantwortung in Bilanzskandalen, Muster der Beweisfuehrung und die Frage eines moeglichen Confirmation Bias im Fall Markus Braun

Ein Vergleich der grossen Wirtschafts- und Bilanzskandale der letzten Jahrzehnte (Enron, WorldCom, Parmalat, Petrobras, Satyam, Steinhoff, VW Dieselgate, Bankia, Wirecard) zeigt ein durchgehend aehnliches Muster im Verhalten und in der strafrechtlichen Behandlung von Top Managern:

Gestaendnisse sind die absolute Ausnahme

Nur wenige Schluesselpersonen haben ihre Beteiligung offen eingeraeumt, etwa Madoff, Enron CFO Fastow, WorldCom CFO Sullivan, Satyam Gruender Raju und Petrobras Manager Costa.

In der ueberwiegenden Mehrzahl der Faelle bestreiten Top Manager ihre Verantwortung vollstaendig, selbst dann, wenn sie spaeter verurteilt werden. Beispiele: Lay und Skilling (Enron), Ebbers (WorldCom), Tanzi (Parmalat), Winterkorn (VW), Jooste (Steinhoff) und aktuell Braun (Wirecard).

Direkte Beweise gegen CEOs existieren so gut wie nie

Kein bedeutender Bilanzskandal wurde je mit einer schriftlichen Anweisung oder einem eindeutigen Befehl des CEO aufgedeckt.

Strukturelle Gruende dafuer sind:
Entscheidungen auf Vorstandsebene werden selten eindeutig dokumentiert.
Kommunikationswege sind formalisiert und fragmentiert.
Fehlverhalten wird meist implizit, nicht explizit ausgeloest (Ziele, Druck, Kultur).
Direkt belastende Dokumente wuerden sofort persoenliche Haftung ausloesen und werden daher vermieden.

Dass gegen Braun kein solches Dokument existiert, ist daher keine Besonderheit, sondern der Normalfall in solchen Verfahren.

Verurteilungen beruhen typischerweise auf Indizienketten

Die Beweisfuehrung in grossen Wirtschaftsstrafprozessen stuetzt sich regelmaessig auf:
forensische Rekonstruktionen der Buchhaltung,
interne Ablaeufe und Entscheidungsstrukturen,
Aussagen von Kronzeugen und Mittaetern,
unlogische oder widerspruechliche Erklaerungen der Fuehrungsebene,
langfristige Systematik der Manipulationen,
die Stellung des Managers im Unternehmen.

Diese indirekte Form der Beweisfuehrung ist international der Standard und war Grundlage zahlreicher Urteile gegen Top Manager, ganz ohne Gestaendnis und ohne rauchende Pistole.

Historische Muster koennen Confirmation Bias beguenstigen

Weil praktisch alle CEOs grosser Skandale, die bestritten haben, dennoch schuldig waren, besteht ein reales psychologisches Risiko: Gerichte und Ermittler koennten unbewusst das Bekannte reproduzieren, naemlich die Erwartung, dass der CEO zwangslaeufig Teil des Systems war.

Der Fall Wirecard ist in mehrfacher Hinsicht besonders anfaellig fuer solche Verzerrungen:
aussergewoehnlicher oeffentlicher und politischer Druck,
komplexe, asymmetrische Informationslage,
fluechtiger Mitangeklagter (Marsalek), der narrative Luecken verstaerkt,
Abhaengigkeit von Kronzeugen,
Fehlen direkter Beweise, aber Fuelle an Indizien.

All das schafft eine Situation, in der entlastende Ansaetze strukturell weniger Beachtung finden koennten.

Wuerde ein gerichtlicher Confirmation Bias zu einer Revision fuehren

Nicht der Bias an sich, sondern ein daraus resultierender Fehler im Urteil waere revisionsrelevant.

Ein solcher Fehler waere gegeben, wenn:
entlastende Beweise nicht oder unzureichend gewuerdigt wurden,
die Beweiswuerdigung erkennbar einseitig ist,
zirkulaere Argumentationen auftreten (CEO muss gewusst haben),
Vergleiche zu historischen Skandalen faktisch als Argument genutzt werden,
die Urteilsbegruendung Luecken, logische Brueche oder Uebertreibungen aufweist.

In solchen Faellen haben Revisionsgerichte regelmaessig eingegriffen.

Was folgt daraus fuer den Fall Markus Braun

Die Causa Braun bewegt sich exakt in dem Spannungsfeld, das alle grossen Skandale der Vergangenheit gepraegt hat:

Er bestreitet die Vorwuerfe, wie fast alle CEOs vor ihm.
Es existiert kein Dokument, das eine direkte Anweisung belegt, was typisch ist.

Die gegen ihn gerichtete Beweisfuehrung ist wie ueblich indirekt, komplex und stark von Kronzeugen abhaengig.

Daraus folgt:
Der Fall ist juristisch hochkomplex und psychologisch besonders risikobehaftet.
Die historische Erfahrung erleichtert zwar die Annahme, dass ein CEO in ein Faelschungssystem eingebunden war, doch genau diese Erwartung darf nicht unkritisch zur Folie des Urteils werden.

Wenn ein Gericht im Urteil erkennbar solche Muster reproduziert, waere dies grundsaetzlich revisionsfaehig. Wenn es hingegen alle entlastenden und belastenden Elemente sauber gegeneinander abwaegt, besteht kein Revisionsrisiko, selbst wenn das Ergebnis eine Verurteilung Brauns waere.

Kurzfazit

In grossen Bilanzskandalen sind Gestaendnisse selten, direkte Beweise kaum vorhanden und Indizienbeweise die Regel. Diese Muster bergen ein reales Risiko unbeabsichtigter Vorannahmen. Gerade deshalb ist entscheidend, dass Markus Braun ein vollstaendig faires Verfahren erhaelt, in dem belastende und entlastende Elemente gleichermassen geprueft werden. Sollte dies nicht gegeben sein oder das Urteil erkennbare Verzerrungen enthalten, bestehen gute Chancen auf eine erfolgreiche Revision.  
24.11.25 21:45 #186715 Soso...
"Bereits vor über 150 Jahren, also zu Beginn des deutschen Bilanzrechts, wurden bei der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn Verluste durch Aufnahme von Fremdkapital in Gewinne transformiert, die dann ausgeschüttet wurden (vgl. Schneider, Entwicklungsstufen der Bilanztheorie, WiSt 1974, S. 160). Ein ähnlicher Betrug könnte nach dem, was bislang bekannt ist, auch im Fall der Wirecard AG vorgelegen haben, mit dem Unterschied, dass hier asiatische Strohfirmen zur Verschleierung eingesetzt wurden"
(Seite 1).

Sorry, das ist unwissenschaftlich.

33451945  
24.11.25 22:08 #186716 Beweiselogik
Der Beitrag spricht voellig zurecht an, dass im Fall Markus Braun wie bei jedem grossen Wirtschaftsstrafverfahren die Gefahr eines Confirmation Bias besteht. Ein Gericht muss besonders sorgfaeltig zwischen belastenden und entlastenden Elementen abwaegen. Genau hier liegt das Problem: Die zugrunde gelegte Vergleichslogik zu frueheren Bilanzskandalen ist inhaltlich wie juristisch nicht tragfaehig, weil sie auf Voraussetzungen aufbaut, die im Fall Wirecard schlicht nicht gegeben sind.

Der zentrale Fehler liegt darin, aus Mustern anderer Skandale Schlussfolgerungen fuer den Fall Braun abzuleiten. Denn: In vielen der genannten Faelle gab es - anders als propagiert - eindeutige, harte Beweise, nicht bloss Indizien.

Einige Beispiele:

Dieselskandal: Softwarebefehle, interne Mails, Entwicklergesteandnisse

Flowtex: nicht existierende Maschinen, gefaelschte Seriennummern, technische Gutachten

Enron: interne Memos, buchhalterische Anweisungen, rekonstruierbare SPE Strukturen

WorldCom: nachweisbare Umbuchungen und explizite Accounting Instruktionen

Diese Verfahren waren durch konkrete Beweisstuecke gepraegt, die direkt oder mittelbar die Tatbeteiligung des Managements belegten. Sie waren also keineswegs reine Indizienkonstruktionen ohne rauchende Pistole.

Beim Fall Braun sieht die Lage vollkommen anders aus.

Obwohl in den Medien regelmaessig von Beweisen gesprochen wird, handelt es sich fast ausschliesslich um schwache, missverstaendliche oder sachlich unhaltbare Elemente:

Die angeblich gefaelschten Unterlagen von von Erffa waren in Wirklichkeit Nachrekonstruktionen laengst verbuchter Vorgaenge, auf Weisung von Marsalek und Bellenhaus, ohne jede ergebnisrelevante Wirkung

Andere als Faelschungen bezeichnete Vorgaenge beruhen auf Fehlinterpretationen von Mails, in denen Erffa auf tatsaechliche Korrekturen draengte, die das Ergebnis sogar verschlechtert haetten

Die beruehmte "passt" Antwort Brauns auf von Bellenhaus geschickte gefälschte Bestätigungen ist mehrdeutig und juristisch nicht belastbar – sie kann genauso gut bedeuten "danke, ich habe die angeforderten Daten erhalten" und nicht "passt, gut gefälscht"

Es existieren weder Weisungen noch operative Kommunikation zwischen Braun und den angeblichen Faelschern

Kein Geldfluss, keine persoenliche Bereicherung, kein Motiv

In anderen Skandalen existierten physische, digitale oder organisatorische Spuren der Tat – im Fall Braun nicht ein einziger direkter Beweis.

Hinzu kommt: Die gesamte Konstruktion der Anklage beruht auf der Totalfiktionsthese, die im Gegensatz zu den zitierten Skandalen nie positiv bewiesen wurde. KPMG ist hier eindeutig: Die Existenz und Nichtexistenz der TPA Geschaefte konnten nicht festgestellt werden. Ein Erkenntnisdefizit wurde somit zur Tatsachenbehauptung umgedeutet. Das ist rechtsdogmatisch unzulaessig.

Damit kippt die Indizienkette, denn Indizien sind nur dann tragfaehig, wenn jedes Glied fuer sich belastbar ist. Im Fall Wirecard sind aber zentrale Indizien entweder widerlegbar, falsch interpretiert oder haengen vollstaendig von einem Kronzeugen ab, der in wesentlichen Punkten nachweislich gelogen hat. Ohne diesen Kronzeugen bricht die gesamte innere Tatkonstruktion zusammen.

Gerade deshalb ist der zu Recht betonte Hinweis auf Confirmation Bias so wichtig. Die Versuchung ist gross, historisch bekannte Muster CEO bestreitet, also schuldig auf einen Fall anzuwenden, in dem diese Muster nicht auf eine entsprechende Beweisbasis treffen ("Braun der kriminellste oder der dümmste CEO", "Braun muss etwas gewusst haben", "Braun war das mastermind, also deuten wir seine Kommunikation auch so")

Der Beitrag hat recht: Ein faires Verfahren erfordert, dass entlastendes Material ernsthaft beruecksichtigt wird. Aber genau das ist hier der entscheidende Punkt: Die gesamte Grundlage der gegen Braun gerichteten Vorwuerfe ist eine hochfragile Konstruktion, die mit frueheren Skandalen nur dem aeusseren Anschein nach vergleichbar ist.

Waerend in anderen Faellen harte Beweise die Indizien stuetzten, existiert im Wirecard Komplex keiner. Und wo keine harte Basis existiert, kann man auch keine historischen Muster uebertragen.

Das Problem ist daher nicht nur das Risiko eines Bias, sondern die Fehlannahme, dass die Ausgangslage mit anderen Skandalen vergleichbar waere. Das ist sie nicht. Und deshalb ist die Beweisfuehrung im Fall Braun besonders kritisch zu pruefen.  
24.11.25 22:19 #186717 Pressemitteilung
PRESSEMITTEILUNG
Beschwerdefuehrer reicht zwei Programmbeschwerden gegen BR Berichterstattung im Wirecard Komplex ein

München/Freisng (24.11.2025)
Ein langjaehriger Beobachter des Wirecardkomplexes hat beim Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks zwei formale Programmbeschwerden eingereicht. Die Beschwerden richten sich nicht gegen einzelne Journalistinnen oder Journalisten, sondern gegen systematische Verzerrungen in der Berichterstattung des BR seit 2022.

Beschwerde: Einseitige Prozessberichterstattung

Die erste Beschwerde bezieht sich auf drei BR24 Artikel aus dem Jahr 2025, in denen ueber die Aussagen des Insolvenzverwalters im Wirecard Strafprozess berichtet wurde. Der Beschwerdefuehrer beanstandet:

ein deutliches Uebergewicht der Darstellung des Insolvenzverwalters
fehlende Einordnung seiner wirtschaftlichen Interessen
sprachliche Abwertung der Verteidigung
Auslassung zentraler Informationen aus der Beweisaufnahme
die faktische Uebernahme der Anklagehypothese als journalistische Wahrheit

Die Beitraege haetten dadurch den Eindruck einer medialen Vorverurteilung erzeugt und grundlegende Anforderungen an Ausgewogenheit, Distanz und Quellenkritik verletzt.



Beschwerde: Strukturelle Verzerrung der BR Berichterstattung seit 2022

Die zweite Beschwerde betrifft die grundsaetzliche Berichterstattung des BR zum Wirecardkomplex ueber mehrere Jahre hinweg. Kritisiert wird unter anderem:

die einseitige Interpretation der BR24 Datenanalyse von 2022
die wiederholte Uebernahme der Totalfiktionsthese der Staatsanwaltschaft
lueckenhafte oder selektive Prozessberichterstattung
ein dauerhaft verzerrtes Gesamtbild fuer das Publikum
eine institutionelle Abwehrhaltung gegenueber konstruktiver Kritik

Der Beschwerdefuehrer verweist auf einen zweijaehrigen Austausch mit der Programmdirektion, aus dem hervorgehe, dass der BR auf inhaltliche Hinweise nicht angemessen reagiert habe.

Ziel der Beschwerden

Mit den Eingaben soll der Rundfunkrat klaeren, ob der BR:

seinen gesetzlichen Auftrag zu objektiver und ausgewogener Berichterstattung erfuellt hat
die Unschuldsvermutung ausreichend beruecksichtigt hat
und ob redaktionelle Leitlinien zur Justizberichterstattung ueberarbeitet werden muessen


Die Beschwerden betonen ausdruecklich:

Es geht nicht um einzelne Journalistinnen oder Journalisten, sondern um strukturelle Schieflagen in der Berichterstattung.

Hintergrund

Der Wirecard Strafprozess gilt als eines der bedeutendsten Wirtschaftsstrafverfahren in Deutschland. Die zentrale Streitfrage – ob es das strittige Auslandsgeschaeft von Wirecard tatsaechlich gab – ist bis heute nicht abschliessend geklaert. Der Beschwerdefuehrer kritisiert, der BR habe ueber Jahre hinweg oeffentlich den Eindruck vermittelt, diese Frage sei zugunsten der Anklage bereits entschieden.


Info: Programmbeschwerde

Eine Programmbeschwerde beim Rundfunkrat ist kein rein formaler Akt, sondern setzt einen verbindlichen Kontrollmechanismus des oeffentlich rechtlichen Rundfunks in Gang. Nach Eingang der Beschwerde muessen Intendanz und verantwortliche Redaktion schriftlich Stellung nehmen. Der zustaendige Programmausschuss prueft daraufhin, ob gegen zentrale Grundsaetze wie Ausgewogenheit, Objektivitaet und Wahrung der Unschuldsvermutung verstossen wurde. Die Mitglieder des Rundfunkrats beraten den Fall und fassen einen Beschluss, der dem Beschwerdefuehrer schriftlich mitgeteilt wird.

Auch wenn eine Beschwerde nicht offiziell stattgegeben wird, erzeugt sie in der Redaktion regelmaessig erheblichen internen Druck: Berichterstattungsmuster werden hinterfragt, Formulierungen nachgeschaerft, und redaktionelle Standards geraten in den Fokus. Programmbeschwerden gelten damit als eines der wirkungsvollsten Instrumente, um strukturelle Verzerrungen, Einseitigkeiten und Fehlentwicklungen in der Berichterstattung des oeffentlich rechtlichen Rundfunks anzusprechen und Korrekturen anzustossen.
 
25.11.25 09:43 #186718 was ist das?
"Nach 230 Verhandlungstagen ist inzwischen unstrittig: Die 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Singapur und später auf den Philippinen aus dem Geschäft mit so genannten Drittpartnern haben nie existiert. "Das können wir mittlerweile alle nicht abstreiten, das ist offensichtlich", räumt Theres Kraußlach ein, die Verteidigerin von Braun."

https://www.tagesschau.de/investigativ/...re-100.html?Propagandist.in33452424  
25.11.25 09:50 #186719 ein Schuldanerkenntnis
wäre sicher gut, das würde das Verfahren abkürzen und seine Reputation stärken?  
25.11.25 10:43 #186720 BR
Ich fragte mich gerade, wie der neue Bericht des BR und die Programmbeschwerde zusammenpassen. Um das einzuordnen, muss man verstehen, dass im Prozess zwei ganz unterschiedliche Verteidigungsrichtungen verfolgt werden:

Die Verteidigung von Markus Braun sagt seit Beginn, dass die grossen Geldsummen Wirecard gehoert haben und dass es sich um echte Umsaetze aus dem Drittpartnergeschaeft handelt, die durch Jan Marsalek verfremdet wurden.

Die Verteidigung des sogenannten Kronzeugen sieht das anders und hat schon frueh gesagt, dass das Geld aus dem Umfeld von Calvin Ayre stammen koennte und dass Wirecard dabei nur die technische Abwicklung geliefert habe, waehrend Marsalek gemeinsam mit externen Akteuren eigene Strukturen aufgebaut habe.

Beide Darstellungen verfolgen eigene Ziele und erklaeren den Fall aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.

Der neue Bericht des BR greift nun die Ayre Spur auf, die es im Prozess schon laenger gibt, ordnet sie jedoch anders ein. Der BR zeigt ein internationales Netzwerk aus Firmen, Geldstroemen und Verbindungen, das auch ohne Wirecard existiert hat und das Wirecard trotzdem genutzt haben koennte, um bestimmte Bilanzen nach aussen glaubwuerdiger wirken zu lassen.

Dadurch entsteht ein eigenes Erklaerungsmodell, das weder der Braun Verteidigung noch der Kronzeugenverteidigung voll entspricht. Genau deshalb passt der Bericht so gut in die aktuelle Diskussion, denn er bestaetigt einige Punkte aus der Programmbeschwerde, die dem BR vorwirft, bestimmte Sichtweisen zu stark zu betonen und andere kaum zu zeigen. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass die Recherche falsch ist, denn sie baut auf vielen oeffentlichen Hinweisen auf.

Die Ayre These des BR wirkt fuer mich im Moment am schluessigsten, weil sie erklaert, warum es grosse echte Geldbewegungen gab, ohne dass das Drittpartnergeschaeft selbst in der behaupteten Form  existierte. Sie zeigt, wie Marsalek in internationale Strukturen eingebunden war und wie Akteure aus dem Umfeld des Online Gluecksspiels im Hintergrund eine Rolle gespielt haben koennten. Das fuegt viele Teile des Falls zu einem Bild zusammen. Es beantwortet nicht jede Frage, doch es erklaert mehr als die bisherigen Verteidigungsmodelle, die jeweils nur einen Teil der Wahrheit fuer sich beanspruchen. In dieser Form verstehe ich die BR Spur als eine gut begruendete Moeglichkeit, wie die verschiedenen Hinweise zusammengepasst haben koennten.
 
25.11.25 11:45 #186722 das nehme ich zurück!
Die neue BR Recherche entlastet Braun insofern, als sie die grossen Geldstroeme klar im Umfeld externer Akteure wie Calvin Ayre verortet und damit das Bild eines eigenstaendigen Netzwerks zeichnet, das ausserhalb seiner Kontrolle lag.

Gleichzeitig zeigt sie, dass zentrale Strukturen und Entscheidungen bei Marsalek und externen Partnern lagen, was Brauns direkte Kenntnis weniger wahrscheinlich erscheinen laesst.

33454183  
25.11.25 18:23 #186723 BR spinnt mit Anlauf
Neu formatiertes Transkript (mit Timestamps ca. jede Minute)

00:00
[Musik] [Applaus]
Ein russischer Spion, ein kanadischer Pseudo-Playboy und eine endlose Excel-Tabelle. Ihr wisst es – wir sind hier im Wirecard-Skandal. [Applaus] [Musik]

Ein großes Puzzlestück fehlt noch im Skandal um den Finanzdienstleister Wirecard bis heute: Woher stammen die Millionen, die über Wirecard-Konten geflossen sind? Und welche Rolle spielt der Erfinder des Bitcoin bei all dem?
Diese Rätsel lösen wir jetzt – zusammen mit Anne Meyer-Fünffinger von BR Recherche, die seit fünf Jahren zum Wirecard-Konzern arbeitet. Mit ihr folgen wir der Spur des verschwundenen Geldes.
Willkommen zu 11KM – der Tagesschau-Podcast. Mein Name ist David Krause, heute ist Dienstag, der 25. November.

01:00
Anne, herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.
– Vielen Dank für die Einladung.

Es ist ja fast True Crime: Follow the money. Nimm uns mit in die Recherche – wie fing das an?

Anne:
Wir haben eine umfangreiche interne Datenbank aus dem Wirecard-Konzern vorliegen: E-Mails, Dokumente, Schriftverkehr. Darunter auch das komplette E-Mail-Postfach von Jan Marsalek, dem früheren Wirecard-Vorstand, der im Juni 2020 nach Moskau geflohen ist, als alles zusammenbrach.

02:00
David:
Noch einmal kurz zur Erinnerung – was war eigentlich das Geschäftsmodell von Wirecard?

Anne:
Das vergisst man schnell: Wirecard war ein Online-Zahlungsdienstleister, ein DAX-Konzern, der 2018 sogar die Commerzbank im DAX ersetzt hat.
Wenn du online etwas bestellst, muss die Zahlung abgewickelt werden – Anbindung an Banken, Abbuchungen, Weiterleitungen. Genau das hat Wirecard gemacht. Zusätzlich hatten sie sogar eine eigene Bank und konnten Konten führen und Kreditkarten ausgeben.

Jan Marsalek hat sich damals von einem Kollegen alle Transaktionsdaten der Wirecard-Bank aus 2018 besorgt – rund 500.000 Überweisungen. Das war der Ausgangspunkt unserer Recherche.

03:00
Wie bearbeitet man überhaupt eine halbe Million Datensätze?

Anne:
Man braucht Zeit, Wissen – und einen Ansatzpunkt. Sonst ist es wie ein Tropfen im Ozean.
Uns fiel auf, dass extrem viele Überweisungen an Firmen gingen, die alle eine Adresse hatten: 44 Church Street, Antigua.
Wir haben dann einen Insider kontaktiert – über soziale Medien.

04:00
Der Insider ist Christen Ager-Hansen, ein norwegischer Investor. Er kannte die Strukturen hinter diesen Firmen. Und er sagte klar:
Die 44 Church Street sei eine zentrale Drehscheibe – dort säßen Firmen, über die Millionen geschleust wurden.

Er nannte auch einen Namen: Calvin Ayre.

05:00
Calvin Ayre – gebürtiger Kanadier, lebt heute in Antigua. Ein Online-Gambling-Mogul, reich geworden durch Poker- und Wettseiten in den 90ern und 2000ern. Milliardenbereich – aber außerhalb der Szene kaum bekannt.

Ager-Hansen sagte uns:
Ayre sei der Mann hinter Wirecard, der Mann hinter den Geldflüssen, die über Wirecard liefen – mehrere hundert Millionen Euro.

06:00
Wir haben alle Firmen aus den Excel-Daten mit Ager-Hansen abgeglichen. Am Ende sagte er:
„Alles, was ihr gefunden habt, ist eindeutig Calvin Ayre zuzuordnen.“

Ayre selbst führte einen exzentrischen Playboy-Lifestyle: Yachten, Partys, Models, medienoffen – es gibt sogar ein ARD-Porträt von 2008 über ihn. Damals lebte er in Costa Rica, kündigte aber bereits an:
Er ziehe nach Antigua, dort seien die Regularien lockerer.

07:00
US-Behörden nahmen ihn ins Visier. 2012 wurde er wegen illegalen Glücksspiels angeklagt, einigte sich 2017 auf einen Deal:
500.000 Dollar Strafe – aber 66 Millionen Dollar an Spieleinsätzen wurden beschlagnahmt.

Bei solchen Summen wird klar: Das System brauchte Banken, die bereit waren, diese Geldströme abzuwickeln.
Viele Banken wollten das nicht – zu riskant, möglicher Geldwäscheverdacht.
Und genau hier kam Wirecard ins Spiel.

08:00
Wirecard – besonders die Wirecard Bank – hatte massive Compliance-Probleme. Das wissen wir aus internen Dokumenten, dem Untersuchungsausschuss und dem laufenden Prozess.
Geldwäschekontrollen waren mangelhaft, Personal überfordert, Kontrollmechanismen in Deutschland versagten (BaFin, FIU).

Ager-Hansen sagte sinngemäß:
Ayre brauchte eine Bank mit Lizenz, aber schwacher Aufsicht. Wirecard brauchte Umsätze, um Wachstum zu simulieren.
Beide Systeme griffen ineinander.

09:00
Und viele Experten sagten uns sofort:
Die Strukturen sprechen klar für Geldwäsche – mit Ursprung im illegalen Online-Glücksspiel.

Ein Teil des Geldes – mehrere hundert Millionen Euro – floss an eine spezielle Firma.
Interessant, weil Markus Braun, der ehemalige CEO, behauptet:
„Dieses Geld gehörte Wirecard und wurde veruntreut.“

Unsere Recherche zeigt:
Das stimmt nicht.
Das Geld stammt nicht aus Wirecard-Geschäft – sondern von Calvin Ayre.

10:00
Der spektakulärste Zusammenhang aber ist ein anderer:
Die Verbindung zu Satoshi Nakamoto, dem Erfinder des Bitcoin.

Nakamoto verschwand um 2010–2011, besitzt aber mutmaßlich 1,1 Millionen Bitcoin – heute viele Milliarden wert.

Ein australischer IT-Spezialist, Craig Wright, behauptete ab 2015, er sei Nakamoto.
Er wollte gerichtsfest die Rechte an diesen Bitcoins erhalten.
2023 scheiterte er in London krachend – das Gericht stellte fest, dass er lügt.

Wer finanzierte Wrights Kampf?
Calvin Ayre.

11:00
Hätte Wright gewonnen, wären Wright und Ayre über Nacht zu zwei der reichsten Menschen der Welt geworden.
Ager-Hansen sagt:
Wirecard spielte in diesem globalen Plan eine Rolle – als Zahlungsdrehscheibe und Struktur, um Geld zu bewegen.

So lässt sich Wirecard mit einem der größten mutmaßlichen Betrugsversuche der Finanzgeschichte verknüpfen.

12:00
Wir haben natürlich versucht, mit Calvin Ayre zu sprechen: E-Mail, Anwalt, SMS, Facetime-Anrufe.
Er hat alles ignoriert – oder weggedrückt.

13:00
Was bedeutet das für den laufenden Wirecard-Prozess?

Die Verteidigung von Markus Braun behauptet seit drei Jahren:
Er wusste von nichts, sei Opfer einer Bande um Marsalek.

Unsere Recherche spricht massiv dagegen.
Die These vom „veruntreuten Wirecard-Geschäft“ ist nachweislich falsch.
Das Geld stammt nicht aus Wirecard-Umsätzen – es stammt von Calvin Ayre.

Damit bricht Brauns Verteidigungsstrategie in sich zusammen.

14:00
Seine Verteidigerin sagt weiterhin:
„Markus Braun wusste von all dem nichts.“

Aber:
Wir haben weitere Hinweise – sogar aus Marsaleks eigener Feder.

15:00
Marsalek schrieb 2023 einen achtseitigen Brief an das Gericht. Darin steht:

Ab 2008/09 sei es für Braun strategisch wichtig gewesen, Händlerumsätze auf die Wirecard Bank zu ziehen.
Marsalek schreibt weiter, dass dieses ganze Geschäft im Wesentlichen einem einzigen kanadischen Kunden diente.

Und Kelvin Ayre ist – Kanadier.

Marsalek sagt es nicht explizit, aber der Hinweis ist eindeutig.
Er und sein Anwalt wollten unsere Nachfragen dazu jedoch nicht beantworten.

16:00
Anne, vielen Dank für diese wahnsinnig spannende Recherche.
– Jederzeit wieder.

Anne Meyer-Fünffinger und Josef Streule (BR Recherche) haben die Wirecard-Millionen gefunden – und ihre Spur führt zu Calvin Ayre. Ihren Film dazu seht ihr in Report München.

17:00
Morgen geht es in 11KM um die Epstein-Files – und warum sie die US-Politik erschüttern.

Autor der Folge: Marc Stockinger.
Produktion & Redaktion: wie im Abspann genannt.
Ich bin David Krause – macht’s gut!  
25.11.25 19:21 #186724 @ CharlotteTheodoorse.
According to the latest news, Dr. Markus Braun will have to wait a few more years before he can decorate the Christmas tree at his home.
What do you think?  
26.11.25 00:16 #186725 BR
https://fontaane.wordpress.com/2025/11/25/...-das-glaubensbekenntnis/

es muss langsam völlig absurd wirken: ich war derjenige, der die heutige Geschichte angeregt hat, ich habe den Whistleblower angesprochen und mit dem Bayerischen Rundfunk in Kontakt gebracht.

die Geschichte um Ayre und wirecard verfolge ich seit 2004 und natürlich ist eine Menge daran richtig!, das war auch völlig klar und sogar im KPMG steht es eigentlich direkt drin.

aber der bayerische Rundfunk macht daraus einen weiteren Beitrag in seiner Mission " willst du nicht auch, dass Markus braun verurteilt wird" und das ist schäbig.

meine programmbeschwerden gestern kamen rein zufällig insofern zeitlich passend, als sie einen Bezug herstellten zu den Artikeln aus 2022 zur Gegenwart - und das auf magische Weise genau einen Tag vor dem Artikel, der jetzt plötzlich diese Artikel aus 2022 überhaupt nicht mehr erwähnt.

der verzerrende Effekt ist der gleiche.

vielleicht habe ich einfach den Artikel antizipiert. vielleicht weiß ich aber auch viel mehr, als einige mir zutrauen...

 
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