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Die zwei Denkweisen der EZB und das Ende der Deindustrialisierung
24.01.24 14:00
Neuberger Berman
New York (www.anleihencheck.de) - Zwei Sichtweisen bestimmen zurzeit das weitere Vorgehen der EZB. Auf eine Abkühlung der Löhne zu setzen und erst dann die Zinsen zu senken, stellt dabei das Hauptrisiko für die Märkte dar, so Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income bei dem US-amerikanischen Vermögensverwalter Neuberger Berman.
Frau Lagarde habe letzte Woche in Davos einen Wendepunkt in der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigt und gesagt, dass der nächste Schritt eine Zinssenkung bis zum Sommer sein sollte. Die meisten EZB-Mitglieder seien jedoch besorgt über zu hohe Markterwartungen in diesem Bereich. Im Vorfeld der EZB-Sitzung diese Woche hätten sie bei ihrer Analyse die Position einer straffen Geldpolitik betont, um die Märkte abzukühlen. So scheinen sogar einige Befürworter von Lockerungen, eine erste Zinssenkung erst im Juni oder später zu bevorzugen.
Tatsächlich gebe es unter den EZB-Direktoriumsmitgliedern zwei Positionen dazu, wann Zinssenkungen stattfinden und wie groß die Schritte ausfallen sollten: Ein Ansatz bestehe darin, die Leitzinsen zu senken, sobald "Gewissheit" darüber bestehe, dass die Inflationsaussichten mit den EZB-Projektionen einer stabilen Rückkehr zum Zielwert übereinstimmen würden. Ihr Ansatz sei also rein von Wirtschaftsdaten bestimmt. Der zweiten Denkweise zufolge sollte erst die Abkühlung des Lohnanstiegs abgewartet werden. Das könnte einige Zeit in Anspruch nehmen und stelle daher das Hauptrisiko für die Märkte dar.
In Deutschland scheine die Talsohle der industriellen Rezession durchschritten zu sein. Die industriellen Frühindikatoren würden eine immer geringere Abkühlung der Konjunktur zeigen. Parallel dazu habe sich der Dienstleistungssektor stabilisiert und eine Rezession vermieden. Man könne also davon ausgehen, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wachsen werde, sehe jedoch keine Triebkräfte für eine Konjunkturerholung: Zum einen seien die Energiekosten nach wie vor erheblich, obgleich sie niedriger seien als in den letzten zwei Jahren. Auch die Kreditzinsen seien hoch. Und die Exporterwartungen, eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft, seien äußerst bescheiden.
Daher würden die Experten davon ausgehen, dass die deutschen Anleihen fair bewertet seien und in etwa auf ihrem derzeitigen Niveau bleiben dürften - das entspreche einer Rendite von unter 2,5 Prozent für die zehnjährige Bundesanleihe.
Da keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden dürften, würden die Experten davon ausgehen, dass die EZB ihre Analyse der Inflationsaussichten und ihrer wichtigsten Faktoren aktualisieren werde, insbesondere auf lange Sicht. Die Zentralbank könnte den Wunsch haben, die Markteinschätzung der langfristigen Anleiherenditen zu beeinflussen, denn sie sei der Ansicht, dass die Inversion der Kurve kein gutes Ergebnis für ihre Politik darstelle. (24.01.2024/alc/a/a)
Frau Lagarde habe letzte Woche in Davos einen Wendepunkt in der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigt und gesagt, dass der nächste Schritt eine Zinssenkung bis zum Sommer sein sollte. Die meisten EZB-Mitglieder seien jedoch besorgt über zu hohe Markterwartungen in diesem Bereich. Im Vorfeld der EZB-Sitzung diese Woche hätten sie bei ihrer Analyse die Position einer straffen Geldpolitik betont, um die Märkte abzukühlen. So scheinen sogar einige Befürworter von Lockerungen, eine erste Zinssenkung erst im Juni oder später zu bevorzugen.
In Deutschland scheine die Talsohle der industriellen Rezession durchschritten zu sein. Die industriellen Frühindikatoren würden eine immer geringere Abkühlung der Konjunktur zeigen. Parallel dazu habe sich der Dienstleistungssektor stabilisiert und eine Rezession vermieden. Man könne also davon ausgehen, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wachsen werde, sehe jedoch keine Triebkräfte für eine Konjunkturerholung: Zum einen seien die Energiekosten nach wie vor erheblich, obgleich sie niedriger seien als in den letzten zwei Jahren. Auch die Kreditzinsen seien hoch. Und die Exporterwartungen, eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft, seien äußerst bescheiden.
Daher würden die Experten davon ausgehen, dass die deutschen Anleihen fair bewertet seien und in etwa auf ihrem derzeitigen Niveau bleiben dürften - das entspreche einer Rendite von unter 2,5 Prozent für die zehnjährige Bundesanleihe.
Da keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden dürften, würden die Experten davon ausgehen, dass die EZB ihre Analyse der Inflationsaussichten und ihrer wichtigsten Faktoren aktualisieren werde, insbesondere auf lange Sicht. Die Zentralbank könnte den Wunsch haben, die Markteinschätzung der langfristigen Anleiherenditen zu beeinflussen, denn sie sei der Ansicht, dass die Inversion der Kurve kein gutes Ergebnis für ihre Politik darstelle. (24.01.2024/alc/a/a)


