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Der zeitliche Nachlauf der Geldpolitik rächt sich
11.04.23 16:00
Allianz Global Investors
Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Welche Ursachen lägen den aktuellen Spannungen im Bankensystem zugrunde? Und mit welchen Folgen müssten Anleger in den kommenden Monaten rechnen?
Die erste Frage beantworte sich mit einem Blick zurück in das Jahr 2009: Die Beweggründe für die damalige Strategie der quantitativen Lockerung, die der seinerzeitige US-Notenbankchef Ben Bernanke formuliert habe, würden Aufschluss geben, so Sean Shepley Director, Senior Economist bei Allianz Global Investors.
Das Ziel dieser Maßnahme sei es gewesen, Investoren zu zwingen, sich von sicheren Anlagen mit niedrigen Renditen zu trennen, um dem Einbruch der Geldnachfrage im Zuge der globalen Finanzkrise entgegenzuwirken. Der durch die zahlreichen Bankenzusammenbrüche ausgelöste negative Schock habe die Bilanzen, das Anlegervertrauen und in gewissem Maße auch das ordnungsgemäße Funktionieren der Märkte stark in Mitleidenschaft gezogen. So habe es lange gedauert, bis diese Strategie Wirkung gezeigt habe.
Die quantitative Lockerung sei schließlich von anderen Zentralbanken vor dem Hintergrund einer anhaltend niedrigen Inflation und bei jedem danach auftretenden Konjunkturschock angewandt worden. Während der Corona-Pandemie habe sie sich allerdings als schwerer Fehler erwiesen. Denn im Gegensatz zu 2008 habe die Liquiditätsnachfrage angezogen, weil sich die Staaten und auch die Privatwirtschaft eilig um Lösungen für die Krise bemüht hätten. Dies habe zu einer Verknappung der ohnehin begrenzten Ressourcen in der Realwirtschaft geführt.
In der Folge sei es zu steigenden Preisen gekommen, auf die die Notenbanken erst mit einem zeitlichen Nachlauf reagiert und abrupt die Zinswende eingeläutet hätten. Diese habe schließlich das Bankensystem unter Druck gesetzt, als risikoscheue Einleger Schwachstellen im Risikomanagement ans Tageslicht gebracht bzw. die Sorgen der Investoren über mögliche Liquiditätsengpässe der Institute verstärkt hätten. Besonders deutlich hätten sich diese Belastungen bei kleineren Banken in den USA (auch als Regionalbanken bezeichnet) gezeigt, was zum Teil auf die Deregulierung dieses Segments unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump zurückzuführen sei.
Somit sei die Häufung finanzieller "Unfälle" in den letzten sechs Monaten kein Zufall. Es handele sich vielmehr um den lang andauernden zeitlichen Nachlauf in der Geldpolitik, der seinen Tribut fordere - Im Gegensatz zu der langen Phase ruhiger Inflation bis zum Jahr 2020, in der Konjunkturrisiken nur langsam entstanden seien, würden wir heute immer schneller eintretende Wendungen erleben. Und tatsächlich spiegele sich diese Entwicklung in der Zurückhaltung der Notenbanken, die Zinsen weiter anzuheben, solange keine eindeutigen Beweise für eine Beeinträchtigung der Transmissionskanäle für die Kreditvergabe durch die Belastungen der Banken vorlägen.
Bis die US-Notenbank Federal Reserve (FED) und die Europäische Zentralbank (EZB) ihre jeweiligen Umfragen zur Kreditvergabe im Mai 2023 veröffentlichen würden, bleibe ein gewisses Vakuum. Sollte es bis dahin zu keinen weiteren Verwerfungen kommen, dürften die Sorgen der Marktteilnehmer über eine akute Schieflage und die Notwendigkeit von Notfall-Zinssenkungen abnehmen.
Die Weichen in Richtung noch restriktiverer Kreditbedingungen dürften bereits gestellt sein. Und wir sollten von weiter steigenden Finanzierungskosten der Banken ausgehen. Dies wiederum werde im Laufe der Zeit zu teureren Krediten für Unternehmen und Haushalte führen. Vor allem in den USA, wo die Regionalbanken eine Schlüsselrolle im gewerblichen Immobiliensektor spielen würden, sei bestenfalls mit einem sehr mageren Wachstum in der zweiten Jahreshälfte zu rechnen.
Für Anleger würden sich daraus folgende Ansätze bei der Asset Allokation ergeben:
- Das unsichere Umfeld im Bankensektor verstärke die allgemeinen Konjunktur- und Anlagerisiken. Insgesamt empfehle sich bei Aktien eine vorsichtige Gewichtung, wobei die Eurozone und China zu den bevorzugten Regionen gehören dürften.
- Mit einer Outperformance von Staatsanleihen der Industriestaaten dürfe weiterhin gerechnet werden. Die Notenbanken müssten derzeit noch für die Wiederherstellung der Preisstabilität sorgen. Sollte sich allerdings die Erwartung eines schwächeren Wirtschaftswachstums im weiteren Jahresverlauf bestätigen, dürfte sich das Ende des Zinserhöhungszyklus deutlicher abzeichnen.
- Zwar neige der US-Dollar in Phasen finanzieller Anspannung dazu, an Stärke zu gewinnen. Doch dürften die mittelfristigen Aussichten für den Kurs Euro/US-Dollar zunehmen. Ohne die Erwartung weiterer signifikanter Zinserhöhungen durch die US-Notenbank sei nach hauseigenen Berechnungen eine anhaltende Aufwertung des Euro auf über 1,10 US-Dollar zunehmend wahrscheinlich.
Investmentthema: Grünes Wachstum
Wie das Weltwirtschaftsforum in Davos einmal mehr unterstrichen habe, gelte der Klimawandel als wichtigste Herausforderung unserer Zeit.
- "Degrowth", also das bewusste Verzichten auf Wirtschaftswachstum, sei dabei keine Lösung. Nicht zuletzt die von den Vereinten Nationen verabschiedeten Ziele für nachhaltige Entwicklung ("Sustainable Development Goals", SDG) würden unmissverständlich mahnen, den Kampf gegen die Hungersnot und die Armut fortzusetzen.
- Nach Prognosen der Vereinten Nationen werde die Bevölkerung Afrikas bis zum Jahr 2100 um 3 Milliarden auf 4,3 Milliarden anwachsen. Bereits heute spreche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von den "vergessenen 3 Milliarden" - von jenen Milliarden Menschen, die noch immer keinen Zugang zu umweltfreundlicher Haushaltsenergie hätten, sondern ihre Mahlzeiten auf offenen Feuerstellen oder ineffizienten Herden zubereiten würden.
- Statt als Kostenfaktor sollte die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft vielmehr als Investitionsmöglichkeit verstanden werden. Auf dem Weg zur Dekarbonisierung würden auch die demografische Entwicklung, die zunehmende Urbanisierung und die Rohstoffknappheit eine wesentliche Rolle spielen. Von diesen Entwicklungen dürften die Investmentthemen Künstliche Intelligenz (KI), die intelligente Energieerzeugung und -effizienz, die Wasserversorgung und -aufbereitung sowie die Ernährungssicherheit profitieren. Unter geopolitischen Gesichtspunkten stelle die Cybersicherheit eine weitere attraktive Anlagechance dar. (11.04.2023/alc/a/a)
Die erste Frage beantworte sich mit einem Blick zurück in das Jahr 2009: Die Beweggründe für die damalige Strategie der quantitativen Lockerung, die der seinerzeitige US-Notenbankchef Ben Bernanke formuliert habe, würden Aufschluss geben, so Sean Shepley Director, Senior Economist bei Allianz Global Investors.
Das Ziel dieser Maßnahme sei es gewesen, Investoren zu zwingen, sich von sicheren Anlagen mit niedrigen Renditen zu trennen, um dem Einbruch der Geldnachfrage im Zuge der globalen Finanzkrise entgegenzuwirken. Der durch die zahlreichen Bankenzusammenbrüche ausgelöste negative Schock habe die Bilanzen, das Anlegervertrauen und in gewissem Maße auch das ordnungsgemäße Funktionieren der Märkte stark in Mitleidenschaft gezogen. So habe es lange gedauert, bis diese Strategie Wirkung gezeigt habe.
Die quantitative Lockerung sei schließlich von anderen Zentralbanken vor dem Hintergrund einer anhaltend niedrigen Inflation und bei jedem danach auftretenden Konjunkturschock angewandt worden. Während der Corona-Pandemie habe sie sich allerdings als schwerer Fehler erwiesen. Denn im Gegensatz zu 2008 habe die Liquiditätsnachfrage angezogen, weil sich die Staaten und auch die Privatwirtschaft eilig um Lösungen für die Krise bemüht hätten. Dies habe zu einer Verknappung der ohnehin begrenzten Ressourcen in der Realwirtschaft geführt.
In der Folge sei es zu steigenden Preisen gekommen, auf die die Notenbanken erst mit einem zeitlichen Nachlauf reagiert und abrupt die Zinswende eingeläutet hätten. Diese habe schließlich das Bankensystem unter Druck gesetzt, als risikoscheue Einleger Schwachstellen im Risikomanagement ans Tageslicht gebracht bzw. die Sorgen der Investoren über mögliche Liquiditätsengpässe der Institute verstärkt hätten. Besonders deutlich hätten sich diese Belastungen bei kleineren Banken in den USA (auch als Regionalbanken bezeichnet) gezeigt, was zum Teil auf die Deregulierung dieses Segments unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump zurückzuführen sei.
Somit sei die Häufung finanzieller "Unfälle" in den letzten sechs Monaten kein Zufall. Es handele sich vielmehr um den lang andauernden zeitlichen Nachlauf in der Geldpolitik, der seinen Tribut fordere - Im Gegensatz zu der langen Phase ruhiger Inflation bis zum Jahr 2020, in der Konjunkturrisiken nur langsam entstanden seien, würden wir heute immer schneller eintretende Wendungen erleben. Und tatsächlich spiegele sich diese Entwicklung in der Zurückhaltung der Notenbanken, die Zinsen weiter anzuheben, solange keine eindeutigen Beweise für eine Beeinträchtigung der Transmissionskanäle für die Kreditvergabe durch die Belastungen der Banken vorlägen.
Bis die US-Notenbank Federal Reserve (FED) und die Europäische Zentralbank (EZB) ihre jeweiligen Umfragen zur Kreditvergabe im Mai 2023 veröffentlichen würden, bleibe ein gewisses Vakuum. Sollte es bis dahin zu keinen weiteren Verwerfungen kommen, dürften die Sorgen der Marktteilnehmer über eine akute Schieflage und die Notwendigkeit von Notfall-Zinssenkungen abnehmen.
Die Weichen in Richtung noch restriktiverer Kreditbedingungen dürften bereits gestellt sein. Und wir sollten von weiter steigenden Finanzierungskosten der Banken ausgehen. Dies wiederum werde im Laufe der Zeit zu teureren Krediten für Unternehmen und Haushalte führen. Vor allem in den USA, wo die Regionalbanken eine Schlüsselrolle im gewerblichen Immobiliensektor spielen würden, sei bestenfalls mit einem sehr mageren Wachstum in der zweiten Jahreshälfte zu rechnen.
- Das unsichere Umfeld im Bankensektor verstärke die allgemeinen Konjunktur- und Anlagerisiken. Insgesamt empfehle sich bei Aktien eine vorsichtige Gewichtung, wobei die Eurozone und China zu den bevorzugten Regionen gehören dürften.
- Mit einer Outperformance von Staatsanleihen der Industriestaaten dürfe weiterhin gerechnet werden. Die Notenbanken müssten derzeit noch für die Wiederherstellung der Preisstabilität sorgen. Sollte sich allerdings die Erwartung eines schwächeren Wirtschaftswachstums im weiteren Jahresverlauf bestätigen, dürfte sich das Ende des Zinserhöhungszyklus deutlicher abzeichnen.
- Zwar neige der US-Dollar in Phasen finanzieller Anspannung dazu, an Stärke zu gewinnen. Doch dürften die mittelfristigen Aussichten für den Kurs Euro/US-Dollar zunehmen. Ohne die Erwartung weiterer signifikanter Zinserhöhungen durch die US-Notenbank sei nach hauseigenen Berechnungen eine anhaltende Aufwertung des Euro auf über 1,10 US-Dollar zunehmend wahrscheinlich.
Investmentthema: Grünes Wachstum
Wie das Weltwirtschaftsforum in Davos einmal mehr unterstrichen habe, gelte der Klimawandel als wichtigste Herausforderung unserer Zeit.
- "Degrowth", also das bewusste Verzichten auf Wirtschaftswachstum, sei dabei keine Lösung. Nicht zuletzt die von den Vereinten Nationen verabschiedeten Ziele für nachhaltige Entwicklung ("Sustainable Development Goals", SDG) würden unmissverständlich mahnen, den Kampf gegen die Hungersnot und die Armut fortzusetzen.
- Nach Prognosen der Vereinten Nationen werde die Bevölkerung Afrikas bis zum Jahr 2100 um 3 Milliarden auf 4,3 Milliarden anwachsen. Bereits heute spreche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von den "vergessenen 3 Milliarden" - von jenen Milliarden Menschen, die noch immer keinen Zugang zu umweltfreundlicher Haushaltsenergie hätten, sondern ihre Mahlzeiten auf offenen Feuerstellen oder ineffizienten Herden zubereiten würden.
- Statt als Kostenfaktor sollte die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft vielmehr als Investitionsmöglichkeit verstanden werden. Auf dem Weg zur Dekarbonisierung würden auch die demografische Entwicklung, die zunehmende Urbanisierung und die Rohstoffknappheit eine wesentliche Rolle spielen. Von diesen Entwicklungen dürften die Investmentthemen Künstliche Intelligenz (KI), die intelligente Energieerzeugung und -effizienz, die Wasserversorgung und -aufbereitung sowie die Ernährungssicherheit profitieren. Unter geopolitischen Gesichtspunkten stelle die Cybersicherheit eine weitere attraktive Anlagechance dar. (11.04.2023/alc/a/a)


