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Die Zinswende in Europa bleibt aus


02.08.19 11:00
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Mehr als zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise herrscht geldpolitisch noch immer Ausnahmezustand in Europa, so Marthel Edouard, CFA bei der Weberbank.

Inzwischen habe sich die Wirtschaft im Euroraum weitgehend erholt. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) unter ihrem scheidenden Chef Mario Draghi sei noch immer ultralocker - und sie bleibe es wohl auch. Das sei die ernüchternde Erkenntnis der letzten Woche, als der EZB-Präsident am Donnerstag vor den versammelten Journalisten im Pressesaal der Zentralbank die jüngste Zinsentscheidung verkündet habe. Die Notenbank verschiebe die Leitzinswende ein weiteres Mal bis ins Jahr 2020, denke zudem über die Wiederauflage des milliardenschweren Anleihekaufprogramms nach und lasse sich damit alle Optionen offen, um flexibel auf die vielen Konjunkturrisiken und die geringe Inflation zu reagieren, denen sich die Eurozone ausgesetzt sehe. Das sei durchaus nachvollziehbar, denn eine außergewöhnliche Weltpolitik erfordere eine außergewöhnliche Geldpolitik. Fakt sei aber auch, dass damit ein Ausnahmezustand zum Dauerzustand werde, und das sei ein schlechtes Zeichen.

Dass es dazu habe kommen müssen, sei aber nicht die Schuld von Draghi und seinen Kollegen im EZB-Rat, sondern vor allem die der US-amerikanischen und der britischen Regierung, denen scheinbar mehr an der politischen Eskalation als an einer Lösung der Handels- bzw. Brexit-Streitigkeiten gelegen sei. Das sorge für Verunsicherung und schlechte Stimmung bei Verbrauchern, Unternehmen und Anlegern. Hier habe die EZB mit einem deutlichen geldpolitischen Signal gegensteuern müssen, denn eine Stimmungsverschlechterung bei Konsumenten und Produzenten könne schnell zu einem ausgewachsenen Konjunkturproblem werden.

Zur Verteidigung dieser lockeren Geldpolitik sollte man jedoch auch anführen, dass sich die EZB in guter Gesellschaft mit anderen Währungshütern rund um den Globus befinde, denn schließlich würden Zinssenkungen und Anleihekäufe mittlerweile zum international anerkannten Instrumentarium einer Zentralbank gehören.

Kritik am Krisenkurs der EZB sei aber dennoch angebracht, denn die negativen Nebeneffekte der jahrelangen Niedrigzinspolitik würden immer deutlicher sichtbar: Nullzinsen auf Sparbüchern, Negativzinsen bei Anleihen, schrumpfende Gewinne der Banken und ein überhitzender Immobiliensektor. Die Liste ließe sich fortsetzen und deute an, vor welchen Herausforderungen die EZB in den kommenden Jahren stehen werde. Keine leichte Aufgabe, die Mario Draghi seiner Nachfolgerin, der bisherigen Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, ab September hinterlasse.

Nach monatelanger Pause hätten die USA und China ihre Handelsgespräche in dieser Woche in Shanghai wieder aufgenommen. Ende Juni hätten sich der US-amerikanische Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping am Rande des G20-Gipfels in Japan auf einen "Waffenstillstand" in ihrem Handelskrieg und eine Wiederaufnahme der Gespräche geeinigt. Damals habe Trump erklärt, China habe zugesagt, große Mengen an US-Agrarprodukten zu kaufen. Doch zum Auftakt der aktuellen Gespräche habe der US-Präsident der Regierung in Peking vorgeworfen, ihre Zusage nicht erfüllt zu haben. Peking habe eine solche Vereinbarung allerdings nie bestätigt.

Man sollte die Trump'schen Twitter-Tiraden zwar nicht überbewerten, weil sie offensichtlich Teil seiner Verhandlungsstrategie seien. Die Hindernisse im Handelsstreit erscheinen jedoch ohne erhebliche Zugeständnisse von einer der beiden Seiten schwer überwindbar, so die Analysten der Weberbank. Die Knackpunkte in den Verhandlungen würden die Themen Abbau von Zöllen, Schutz des geistigen Eigentums und Verhinderung von Dumpingpreisen bleiben.

Die Gespräche in Shanghai seien mittlerweile beendet. Eine Einigung in den genannten Streitpunkten habe nicht erzielt werden können, aber immerhin hätten beide Seiten die Fortsetzung der Gespräche in den kommenden Wochen vereinbart. Das sei eine gute Nachricht - solange der US-Präsident nicht wieder dazwischen twittert.

Die US-amerikanischen Aktienmärkte hätten in der letzten Woche neue Rekordstände vermelden können. Im Gegensatz dazu sei die Anlegerstimmung in Europa weniger euphorisch. Die europäischen Aktien hätten in der vergangenen Woche zunächst einen Rückwärtsgang eingelegt. Die Aussicht auf eine erneute Lockerung der Geldpolitik habe die Stimmung der Anleger ganz offensichtlich nicht verbessert - zumindest vorerst nicht. Die erste negative Marktreaktion auf die EZB-Entscheidung habe sich mittlerweile aber wieder gelegt und die laufende Unternehmensberichtssaison in den USA und in Europa sei wieder in den Vordergrund des Marktgeschehens gerückt.

Hier lasse sich ein positiver Zwischenstand vermelden. Die Unternehmensgewinne in den USA seien im zweiten Quartal 2019 gegenüber dem Vorjahresquartal im niedrigen einstelligen Prozentbereich gewachsen. Das sei zwar nicht viel, aber vor dem Hintergrund der zahlreichen globalen Krisenherde positiv zu werten. Die Aussichten für die Aktienmarktentwicklung im weiteren Jahresverlauf seien also gut. Dennoch sei Vorsicht geboten, weil ein Scheitern im Handelskonflikt jederzeit möglich bleibe und das hätte negative Auswirkungen auf die Konjunktur und die Gewinne der Unternehmen.

Von daher empfiehlt es sich, das eigene Portfolio krisenfester aufzustellen zum Beispiel durch eine Anlage in vergleichsweise defensive Aktientitel ergänzt um einen Kasseanteil und Renteninvestments. Bei Letzteren müsse man allerdings selektiver denn je vorgehen. Zu gering und oftmals auch negativ sind die Renditen bei vielen Anleihen.

Die jüngste Entscheidung der EZB habe leider zu keiner Entspannung am Rentenmarkt geführt. Die Bedingungen für die Anleger seien also in den letzten Tagen nicht gerade einfacher geworden. Dass Börse und Investieren einfach seien, habe aber auch keiner behauptet. (02.08.2019/alc/a/a)