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Zentralbanken steuern um - Zinsgipfel in Sicht
21.03.23 09:00
Berenberg
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Weltwirtschaft ist offenbar besser ins Jahr 2023 gestartet als erwartet, so Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt von der Privatbank Berenberg, in der aktuellen Ausgabe von "Horizonte".
In den USA würden die Verbraucher auf die Zusatzersparnisse zurückgreifen, die sie während der Pandemie gebildet hätten. Damit würden sie den Schock der hohen Inflation abfedern, der die Kaufkraft ihrer Einkommen schmälere. In Europa seien die Gasspeicher kurz vor Ende der Heizsaison noch so gut gefüllt, dass die Gaspreise am Markt erheblich nachgegeben hätten und das Risiko eines Gasmangels kaum noch eine Rolle spiele. China habe die Herdenimmunität erreicht, allerdings auf die ganz harte Art. Das Land öffne sich wieder. Dies werde der chinesischen Konjunktur kurzfristig einen spürbaren Schub verleihen, der auch etwas auf Chinas Handelspartner ausstrahlen werde. Allerdings hätten nahezu alle großen Notenbanken ihre Zinspolitik Anfang 2023 noch einmal gestrafft und - zumindest in den USA und der Eurozone - weitere Schritte für die kommenden Monate in Aussicht gestellt. Da die radikale geldpolitische Wende ihre volle Wirkung erst im Verlaufe des Jahres entfalten dürfte, bleibe der Ausblick für die Weltwirtschaft vorerst noch verhalten.
Die hohen Preise für Energie und Nahrungsmittel hätten die europäische Konjunktur im Herbst und Winter hart getroffen. Nachdem sich die Verbraucher im Sommer nach zwei Jahren Corona eine gute Urlaubssaison gegönnt hätten, sei die Region im vierten Quartal kaum noch gewachsen. Auch für das erste Quartal 2023 zeichne sich eine Stagnation ab. Angesichts der hohen Energiekosten würden Verbraucher ihre Ausgaben für andere Güter einschränken. Auch die privaten Investitionen würden zurückgehen, vor allem im Wohnungsbau. Angesichts der weiterhin hohen Nachfrage nach Arbeitskräften steige die Arbeitslosigkeit aber nur geringfügig. Die hohen Zusatzersparnisse der Verbraucher, der robuste Arbeitsmarkt und staatliche Hilfen würden eine Rezession verhindern, auch wenn in von der Reduktion russischer Gaslieferungen besonders betroffenen Ländern wie Deutschland und Italien die Wirtschaftsleistung im Winterhalbjahr wahrscheinlich leicht rückläufig gewesen sei.
Wenn der Winter überstanden sei und sich der Gasmarkt nach dem Ende der Heizperiode weiter entspanne, könne die Euro-Konjunktur nach der Winterstagnation im Sommer 2023 wieder anspringen. Ab dann könnte auch der Anstieg der Einkommen wieder oberhalb der Inflationsrate liegen, sodass die Verbraucher real wieder etwas mehr Geld in der Tasche hätten. In der Außenwirtschaft habe Europa Glück. In diesem Sommer werde die vermutlich recht milde US-Rezession die Ausfuhren zwar bremsen. Aber der gleichzeitige Wachstumsspurt in China könne dies ausgleichen. Angesichts gut gefüllter Speicher und eines geringeren Verbrauchs würden für den kommenden Winter voraussichtlich weder ein Gasmangel noch eine erneute Explosion der Energiekosten drohen. Die Eurozone könne dann wieder an die Dynamik der Zeit vor Kriegsbeginn anknüpfen.
Nach einem verhaltenen Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 0,7% im Jahr 2023 würden die Analysten der Privatbank Berenberg für 2024 ein Wachstum von 1,6% erwarten, das wäre etwas oberhalb des langfristigen Trends von etwa 1,3%. Für Großbritannien würden die Analysten mit einem ähnlichen Verlauf wie für die Eurozone rechnen, allerdings mit zwei Unterschieden. Als Folge der strafferen Fiskalpolitik und der höheren Zinsen werde Großbritannien wohl bis zum Frühjahr 2023 eine leichte Rezession durchmachen. Da die Regierung den Brexit-Streit mit der EU endlich beigelegt und damit ein wesentliches Investitionshemmnis ausgeräumt habe, könne die britische Konjunktur sich dann 2024 relativ rasch erholen.
Anders als Europa würden die USA vor allem unter einer hausgemachten Inflation leiden. Mit ihrer späten, aber umso energischeren Zinswende werde die FED die Nachfrage voraussichtlich so dämpfen, dass die US-Konjunktur zur Jahresmitte 2023 in eine milde Rezession fallen könnte - bei rückläufigem Konsum und weniger Investitionen vor allem im Wohnungsbau. Für das Wahljahr 2024 zeichne sich dann ein erneuter Aufschwung ab, gestützt durch einen spürbaren Anstieg der real verfügbaren Einkommen und eine dann weniger straffe Zinspolitik. Chinas kurzer Spurt des Jahres 2023 dürfte Anfang 2024 allerdings mit einem Rückfall auf das nur noch geringe Trendwachstum von etwa 4% enden.
Auf beiden Seiten des Atlantiks habe der Preisdruck seinen Höhepunkt offenbar überschritten. Während die Lohnzuwächse zunächst hoch bleiben würden, würden etwas geringere Preise für Benzin die Verbraucher entlasten. Da in den USA auch der Arbeitsmarkt allmählich an Schwung verliere, könnte auch der Lohndruck dort langsam abnehmen. Dagegen würden die Löhne in der Eurozone im Jahr 2023 wohl um 5% steigen, bevor der Lohndruck dann bei abnehmender Inflation im Jahr 2024 wieder auf etwa 4% zurückgehen dürfte.
Auch wenn der Inflationsdruck in den USA und Europa Anfang 2023 nur langsam abgenommen habe, würden die Jahresvergleichsraten auf beiden Seiten des Atlantiks bald spürbar sinken. In Europa falle der Anstieg der Energiepreise des Jahres 2022 ab März schrittweise aus dem Vorjahresvergleich heraus. Gleichzeitig würden sich die bisherigen Lieferkettenprobleme entspannen. Auch Transportkosten seien gesunken. Das helfe, sowohl die Inflation zu dämpfen als auch die Auftriebskräfte der Konjunktur wieder zu stärken.
Damit sich die hohe Inflation nicht verfestige, würden die FED und die EZB auf die Zinsbremse treten. In den USA dürfte die Zentralbank den Leitzins bis Mai noch mehrfach anheben. Sobald die FED genügend Anzeichen sehe, dass die konjunkturelle Schwächephase den Inflationsdruck hinreichend gedämpft habe, werde sie dann die Zinsen wieder etwas senken, voraussichtlich beginnend Ende 2023. Die EZB könnte ihren Einlagensatz bis Juni 2023 auf 3,5% anheben, gefolgt von einer langen Pause. (Ausgabe Q2/2023) (21.03.2023/alc/a/a)
In den USA würden die Verbraucher auf die Zusatzersparnisse zurückgreifen, die sie während der Pandemie gebildet hätten. Damit würden sie den Schock der hohen Inflation abfedern, der die Kaufkraft ihrer Einkommen schmälere. In Europa seien die Gasspeicher kurz vor Ende der Heizsaison noch so gut gefüllt, dass die Gaspreise am Markt erheblich nachgegeben hätten und das Risiko eines Gasmangels kaum noch eine Rolle spiele. China habe die Herdenimmunität erreicht, allerdings auf die ganz harte Art. Das Land öffne sich wieder. Dies werde der chinesischen Konjunktur kurzfristig einen spürbaren Schub verleihen, der auch etwas auf Chinas Handelspartner ausstrahlen werde. Allerdings hätten nahezu alle großen Notenbanken ihre Zinspolitik Anfang 2023 noch einmal gestrafft und - zumindest in den USA und der Eurozone - weitere Schritte für die kommenden Monate in Aussicht gestellt. Da die radikale geldpolitische Wende ihre volle Wirkung erst im Verlaufe des Jahres entfalten dürfte, bleibe der Ausblick für die Weltwirtschaft vorerst noch verhalten.
Die hohen Preise für Energie und Nahrungsmittel hätten die europäische Konjunktur im Herbst und Winter hart getroffen. Nachdem sich die Verbraucher im Sommer nach zwei Jahren Corona eine gute Urlaubssaison gegönnt hätten, sei die Region im vierten Quartal kaum noch gewachsen. Auch für das erste Quartal 2023 zeichne sich eine Stagnation ab. Angesichts der hohen Energiekosten würden Verbraucher ihre Ausgaben für andere Güter einschränken. Auch die privaten Investitionen würden zurückgehen, vor allem im Wohnungsbau. Angesichts der weiterhin hohen Nachfrage nach Arbeitskräften steige die Arbeitslosigkeit aber nur geringfügig. Die hohen Zusatzersparnisse der Verbraucher, der robuste Arbeitsmarkt und staatliche Hilfen würden eine Rezession verhindern, auch wenn in von der Reduktion russischer Gaslieferungen besonders betroffenen Ländern wie Deutschland und Italien die Wirtschaftsleistung im Winterhalbjahr wahrscheinlich leicht rückläufig gewesen sei.
Wenn der Winter überstanden sei und sich der Gasmarkt nach dem Ende der Heizperiode weiter entspanne, könne die Euro-Konjunktur nach der Winterstagnation im Sommer 2023 wieder anspringen. Ab dann könnte auch der Anstieg der Einkommen wieder oberhalb der Inflationsrate liegen, sodass die Verbraucher real wieder etwas mehr Geld in der Tasche hätten. In der Außenwirtschaft habe Europa Glück. In diesem Sommer werde die vermutlich recht milde US-Rezession die Ausfuhren zwar bremsen. Aber der gleichzeitige Wachstumsspurt in China könne dies ausgleichen. Angesichts gut gefüllter Speicher und eines geringeren Verbrauchs würden für den kommenden Winter voraussichtlich weder ein Gasmangel noch eine erneute Explosion der Energiekosten drohen. Die Eurozone könne dann wieder an die Dynamik der Zeit vor Kriegsbeginn anknüpfen.
Anders als Europa würden die USA vor allem unter einer hausgemachten Inflation leiden. Mit ihrer späten, aber umso energischeren Zinswende werde die FED die Nachfrage voraussichtlich so dämpfen, dass die US-Konjunktur zur Jahresmitte 2023 in eine milde Rezession fallen könnte - bei rückläufigem Konsum und weniger Investitionen vor allem im Wohnungsbau. Für das Wahljahr 2024 zeichne sich dann ein erneuter Aufschwung ab, gestützt durch einen spürbaren Anstieg der real verfügbaren Einkommen und eine dann weniger straffe Zinspolitik. Chinas kurzer Spurt des Jahres 2023 dürfte Anfang 2024 allerdings mit einem Rückfall auf das nur noch geringe Trendwachstum von etwa 4% enden.
Auf beiden Seiten des Atlantiks habe der Preisdruck seinen Höhepunkt offenbar überschritten. Während die Lohnzuwächse zunächst hoch bleiben würden, würden etwas geringere Preise für Benzin die Verbraucher entlasten. Da in den USA auch der Arbeitsmarkt allmählich an Schwung verliere, könnte auch der Lohndruck dort langsam abnehmen. Dagegen würden die Löhne in der Eurozone im Jahr 2023 wohl um 5% steigen, bevor der Lohndruck dann bei abnehmender Inflation im Jahr 2024 wieder auf etwa 4% zurückgehen dürfte.
Auch wenn der Inflationsdruck in den USA und Europa Anfang 2023 nur langsam abgenommen habe, würden die Jahresvergleichsraten auf beiden Seiten des Atlantiks bald spürbar sinken. In Europa falle der Anstieg der Energiepreise des Jahres 2022 ab März schrittweise aus dem Vorjahresvergleich heraus. Gleichzeitig würden sich die bisherigen Lieferkettenprobleme entspannen. Auch Transportkosten seien gesunken. Das helfe, sowohl die Inflation zu dämpfen als auch die Auftriebskräfte der Konjunktur wieder zu stärken.
Damit sich die hohe Inflation nicht verfestige, würden die FED und die EZB auf die Zinsbremse treten. In den USA dürfte die Zentralbank den Leitzins bis Mai noch mehrfach anheben. Sobald die FED genügend Anzeichen sehe, dass die konjunkturelle Schwächephase den Inflationsdruck hinreichend gedämpft habe, werde sie dann die Zinsen wieder etwas senken, voraussichtlich beginnend Ende 2023. Die EZB könnte ihren Einlagensatz bis Juni 2023 auf 3,5% anheben, gefolgt von einer langen Pause. (Ausgabe Q2/2023) (21.03.2023/alc/a/a)


