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Zentralbanken-Ausblick: Management der Markterwartungen


13.12.23 10:38
Carmignac Gestion

Luxemburg (www.anleihencheck.de) - Kevin Thozet, Mitglied des Anlageausschusses von Carmignac, kommentiert die in dieser Woche stattfändenden Sitzungen der FEDeral Reserve, der Europäischen Zentralbank und der Bank of England.

Die Märkte seien schnell bereit gewesen, die Aufgabe der Zentralbanken als abgeschlossen zu betrachten. Die Theorie besage, dass die Inflation (einigermaßen) eingedämmt sei und die Institutionen daher einen Zinssenkungszyklus einleiten könnten, um auf Disinflation und/oder Rezessionsdruck zu reagieren. Die Realität sehe jedoch anders aus.

Angesichts der sanften Landung der US-Wirtschaft würden die Experten von Carmignac davon ausgehen, dass die Federal Reserve die Markterwartungen für mehrere Zinssenkungen bis 2024 dämpfen werde. Im Gegensatz dazu dürfte die Stagnation im Euroraum - mit dem Risiko einer technischen Rezession in der Region - dazu führen, dass die Europäische Zentralbank die Aussichten auf künftige Zinssenkungen weniger energisch zurücknehme. Im Vereinigten Königreich schließlich dürfte die Bank of England angesichts des stagflationären Umfelds ihre Absicht signalisieren, die Zinsen so lange auf dem aktuellen Niveau zu belassen, wie dies zur Eindämmung der Inflation erforderlich sei.

Die Federal Reserve (FED)

Auf ihrer Sitzung in dieser Woche werde die FED sowohl ihre Leitzinsentscheidung als auch ihre Wirtschaftsprognosen bekannt geben.

Was die Prognosen betreffe, so würden die Daten den von Jerome Powell bevorzugten Kurs und das Narrativ der sanften Landung unterstützen, bei dem die Inflation nach unten und die Wachstumserwartungen nach oben gehen würden, während die Arbeitslosigkeit nach wie vor niedrig bleibe.

Es werde daher erwartet, dass die Leitzinsen auf ihrem derzeitigen Niveau bleiben würden (5,25 bis 5,5 Prozent), dass die für 2023 angekündigte Zinserhöhung ausfalle und dass die Zahl der für 2024 angekündigten Zinssenkungen nach unten korrigiert werde - allerdings nicht in dem vom Markt erwarteten Umfang.

Tatsächlich hätten die Märkte rasch auf die Aussicht reagiert, dass die Zinsen ihren Höchststand erreichen könnten, indem sie künftige Zinssenkungen vorweggenommen hätten und von einer massiven Lockerung der finanziellen Bedingungen ausgegangen seien. Es werde daher erwartet, dass Jerome Powell die Markterwartungen dämpfe und die Leitzinsen im Jahr 2024 um 1,5 Prozent niedriger ansetze als heute.

Die wichtigste Frage für diese Woche sei, ob die Marktteilnehmer eher auf den Vorsitzenden der Federal Reserve hören würden oder auf den aktuellen Disinflationstrend.

Für das kommende Jahr lautet die Schlüsselfrage, ob wir schrittweise Zinssenkungen erleben werden, um die Desinflation zu begleiten und eine restriktive - aber nicht übermäßig restriktive - Geldpolitik beizubehalten; ein Szenario, das für risikobehaftete Anlagen günstig wäre, so die Experten von Carmignac. Oder ob die Zinssenkungen in Erwartung eines stärkeren Rezessionsdrucks oder als Reaktion darauf abrupt erfolgen würden; ein Szenario, das sich für Risikoanlagen als schwieriger erweisen würde. Powell werde wahrscheinlich eher auf das erste Szenario reagieren, aber wenn er betone, dass dies seine Präferenz sei, könnte dies dazu führen, dass die Märkte noch mehr Zinssenkungen erwarten würden.

Die Europäische Zentralbank (EZB)

Die Wirtschaftsprognosen des EZB-Stabes würden bei der Inflation nach unten korrigieren. Die Schlüsselfrage werde sein, ob die EZB - wie von den Märkten erhofft - signalisieren werde, dass die Inflation im Jahr 2025 bei 2 Prozent und - noch besser - bis 2026 unter 2 Prozent liegen werde.

Auch das BIP-Wachstum dürfte nach unten revidiert werden. Das Risiko einer technischen Rezession (zwei aufeinander folgende Quartale mit negativem BIP-Wachstum) sei real, auch wenn das vorherrschende wirtschaftliche Umfeld in der Region höchstwahrscheinlich eine Stagnation sei.

Vor diesem Hintergrund werde erwartet, dass Christine Lagarde erkläre, die Geldpolitik sei restriktiv genug, was darauf hindeute, dass der nächste Schritt der EZB eine Senkung der Leitzinsen sein werde - aber die Experten von Carmignac würden nicht erwarten, dass irgendeine Form von Zeitplan oder eine harte Grenze bekannt gegeben werde. Dieser Ansatz könne als eine Art sanfter Pushback angesichts einer härteren Landung der Wirtschaft bezeichnet werden.

Die zweite Frage, die sich den Anlegern stelle, betreffe die Entwicklung der EZB-Bilanz. In den letzten Wochen habe die Institution (vor allem durch Isabel Schnabel) angedeutet, dass eine Vorverlegung des Termins für die Bilanzverkürzung keine große Sache wäre. Es sei durchaus denkbar, dass Christine Lagarde den Weg für eine weitere Bilanzverkürzung bereits im ersten Quartal 2024 ebne (obwohl die Reinvestition des Pandemie-Notprogramms offiziell nicht vor Ende 2024 auslaufen solle). In einem solchen Szenario könnten Peripherieanleihen anfälliger sein als Kernanleihen, zumal das Nettoangebot im Jahr 2024 zunehmen dürfte.

Bank von England (BoE)

Es werde erwartet, dass der geldpolitische Ausschuss seine Leitzinsen bei 5,25 Prozent belasse - und höchstwahrscheinlich versuchen werde, sie so lange wie möglich auf diesem Niveau zu halten.

Die Inflation im Vereinigten Königreich sei nach wie vor hoch und obwohl sich die Lohninflation stärker als erwartet verlangsamt habe, würden die jüngsten Daten zeigen, dass die Lohninflation auf Jahresbasis immer noch bei über 7 Prozent liege. Es sei daher unwahrscheinlich, dass Andrew Bailey in absehbarer Zeit eine Kehrtwende einleite, sofern die Wirtschaft nicht selbst einen Turn-Around vollziehe. Sobald jedoch der Zinssenkungszyklus in den USA und in der Eurozone beginne, werde die BoE wahrscheinlich nicht in der Lage sein, lange durchzuhalten. (13.12.2023/alc/a/a)