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Wie geht es mit dem EU-Bankensektor weiter?


27.07.16 14:40
GAM

Berlin (www.anleihencheck.de) - Im Gegensatz zum Jahr 2011 ist der europäische Bankensektor dank langfristiger Refinanzierungsgeschäfte und der quantitativen geldpolitischen Lockerung nicht mehr mit Liquiditätsproblemen konfrontiert, so Davide Marchesin, Fondsmanager im Team für nichtdirektionale Aktienstrategien von GAM.

Die größte Herausforderung sei jedoch geblieben: In vielen Bankbilanzen finde sich eine große Menge notleidender Kredite. In dieser Hinsicht sei es entscheidend, ob sich die europäischen Staats- und Regierungschefs einigen könnten, wie dieses Problem angegangen werden solle. Im derzeitigen Marktumfeld würden die am besten aufgestellten Banken eine solide Bonität, ein hohes Eigenkapitalniveau und eine gute Gesamtkapitalrentabilität aufweisen. Das sollte ihnen ermöglichen, auch höhere Kreditkosten zu verkraften.

Die effektivste Lösung wäre nach Meinung der Experten, wenn die EZB dem Ansatz der amerikanischen Notenbank FED folgen würde, mit dem diese die durch die Subprime-Krise verursachten Schäden behoben habe. Im Jahr 2008 habe der US-amerikanische Kongress das sogenannte Troubled Asset Relief Program (TARP) verabschiedet, das es dem Finanzministerium ermögliche, Problemwerte in Milliardenhöhe zu kaufen oder abzusichern.

Nach diesem Beschluss habe das US-Schatzamt illiquide, schwer zu bewertende Vermögenswerte von Banken und anderen Finanzinstituten gekauft, und die US-Notenbank habe ihre Bilanz von rund 500 Milliarden US-Dollar an Wertpapieren Ende 2008 auf über 4000 Milliarden US-Dollar Ende 2014 ausgeweitet. Dies habe mehr als 1500 Milliarden Dollar an nichtstaatlichen Papieren, wie durch Wohnbauhypotheken unterlegte Wertpapiere (RMBS) umfasst.

Derzeit könnten die europäischen Regierungen die Kapitallöcher der Banken nicht stopfen, und die EZB dürfe keine Problempapiere von Banken kaufen, nur Werte mit einem AAA-Rating. Wenn es der EZB erlaubt würde, Problempapiere von Banken zu kaufen und möglicherweise entstehende Kapitaldefizite zu decken, würde die Glaubwürdigkeit wiederhergestellt. Bis dahin würden die europäischen Banken weiter unter enormem Druck stehen.

Das italienische Wirtschaftswachstum sei in den letzten zehn Jahren bestenfalls schwach gewesen. Zusammen mit der Finanzkrise und einigen spezifischen Misswirtschaftsfällen habe dies zu einer starken Zunahme notleidender Kredite geführt. Diese Problempapiere würden sich auf verschiedene Bereiche verteilen und Gewerbeimmobilienkredite, Kredite für kleine und mittlere Unternehmen sowie Konsumentenkredite umfassen.

Die italienischen Banken würden diese Problempapiere immer noch halten, da sie in den letzten Jahren gezwungen gewesen seien, ihre Deckungsquoten zu erhöhen und gleichzeitig ihre Kapitalpositionen zu verbessern. Jetzt, da diese Kredite im Durchschnitt auf 40 Cent abgeschrieben seien, könnten sie sie möglicherweise für 25 bis 30 Cent verkaufen, ohne untragbar hohe Verluste zu erleiden.

Nach Meinung der Experten würde ein Stresstest eine insgesamt solide Kapitalposition der italienischen Bank, aber auch einige Risiken zutage fördern, insbesondere hohe Texas-Ratios (Bruttobetrag der notleidenden Kredite im Verhältnis zum Eigenkapital plus Rücklagen). Um dies zu beheben, wäre eine konstante Veräußerung dieser Papiere erforderlich.

Im Augenblick könnten sich die Experten nicht vorstellen, dass eine italienische Bank begierig darauf sei, die schwächsten Akteure zu kaufen. Deshalb müsste der Umstrukturierungs- und Bereinigungsprozess direkt von der italienischen Regierung gehandhabt und organisiert werden - mit voller Unterstützung der europäischen Institutionen. Wenn es gelinge, noch vor dem Referendum im Oktober oder November eine glaubwürdige Lösung für die Banca Monte dei Paschi zu finden, könnte dies ein bedeutender positiver Impuls sein, nicht nur für die italienischen Banken, sondern für das gesamte europäische Bankensystem. (27.07.2016/alc/a/a)