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Weshalb 2 Grad Erderwärmung gravierender sein könnten als 2 Prozent Inflation
05.09.19 12:45
Barings
Boston (www.anleihencheck.de) - Anleger sollten die Augen aufhalten, wenn die Finanzaufsicht beginnt, ihr Mandat etwas großzügiger auszulegen, und verstärkt auch auf die steigende Temperatur des Planeten achtet, so Gary Smith von Barings Investment Institute.
Nach Ansicht des bekannten amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz handle es sich beim Klimawandel um eine Krise, die eine Art politische Reaktion rechtfertige, die zuletzt während des Zweiten Weltkriegs zum Einsatz gekommen sei: Die Kosten der Politik sollten im Vergleich zu den Folgen der Untätigkeit als irrelevant betrachtet werden. Die Dominoeffekte eines extremen Klimas könnten zu Wasserknappheit führen und die Lebensmittelerzeugung bedrohen. Durch solche Ereignisse könnten Länder in besonders betroffenen Regionen potenziell zu Kriegsschauplätzen werden.
In solchen extremen Szenarien könnte die traditionelle Orientierung der Notenbanker am Zwei-Prozent-Ziel für den Anstieg des Verbraucherpreisindex bedeutungslos werden. Das Ziel von 2 Grad Celsius - die Schwelle, bei deren Überschreitung man davon ausgehe, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur katastrophale Folgen hätte - könnte ein Ziel werden, das alle anderen in den Schatten stelle.
So mancher möge entgegensetzen, dass die langfristigen Folgen des Klimawandels jenseits des üblichen Prognosehorizonts der Zentralbanken eintreten könnten. Die Federal Reserve Bank von San Francisco habe jedoch darauf hingewiesen, dass Notenbanken langfristige Faktoren wie den demografischen Wandel bei der Formulierung ihrer Politik bereits berücksichtigen würden. Ihrer Auffassung nach stelle sich der Klimawandel für eine Reihe makroökonomischer Fragen als relevant heraus. Hierzu würden das potenzielle Produktionswachstum, Vermögensbildung, Produktivität sowie das langfristige Realzinsniveau zählen.
Derselbe Artikel stelle den Klimawandel (neben Demografie und technologischer Innovation) als eine der drei wichtigsten makroökonomischen Kräfte heraus, die die US-amerikanische Wirtschaft im 21. Jahrhundert prägen würden. Die Autoren würden die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels aufgrund der Anpassung der Ausgaben an steigende Temperaturen beschreiben - darunter mehr Klimaanlagen, besseren Hochwasserschutz und eine widerstandsfähigere Infrastruktur. Darüber hinaus würden sie die mit der Anpassung an eine kohlenstoffarme Wirtschaft verbundenen Übergangsrisiken als Risiken für Assets unterstreichen, die von fossilen Brennstoffen abhängen würden. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, dass größere fossile Brennstoffanlagen aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Öl und Gas zu verlorenen Investitionen würden.
Um zu verdeutlichen, dass der Klimawandel für die Formulierung der Geld- und Regulierungspolitik der Notenbank relevant sei, betone der Bericht der Federal Reserve von San Francisco das Zahlungsausfallrisiko für Banken aufgrund von Betriebsunterbrechungen und Insolvenzen, die auf extreme Wetterereignisse zurückzuführen seien. Der Bericht komme zu dem Schluss, dass Finanzinstitute "Klimastresstests" durchführen sollten, um ihre Solvabilität in einer Reihe von Zukunftsszenarien zu beurteilen, die sich auf umweltbedingte und ökologische Veränderungen gründen würden.
Die Bank of England sei sogar noch weiter mit ihrer Empfehlung gegangen, dass Stresstests einen Rahmen schaffen sollten, anhand dessen Banken und Versicherungen herausgefordert werden könnten, ihren Umgang mit Umweltrisiken zu erläutern. Auch Finanzunternehmen würden auf diese Stresstests reagieren und ihre Notfallplanung beschreiben müssen. Leitende Bankangestellte hätten darauf hingewiesen, dass die Bank of England zweifellos an den Aufräumarbeiten infolge eines klimabedingten Notfalls beteiligt sein werde, selbst wenn das Vorgehen von der Regierung festgelegt werden sollte.
Ende vergangenen Jahres habe das Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, Benoît Coeuré, in einer Rede aufgezeigt, wie klimabedingte Risiken die Wirtschaft durch erhöhte Kreditaufschläge, vermehrtes Vorsichtssparen und sogar eine zukünftige Finanzkrise beeinträchtigen könnten. Er habe hinterfragt, wer für die Folgen extremer Wetterverhältnisse wie landwirtschaftliche Verluste, die Auswirkungen von Preisschüben bei Rohstoffen, Hochwasserschäden, usw. zur Verantwortung gezogen würde. Wenn der CO2-Emittent zahlen solle, wie berechne man dann die Kosten, wo die Auswirkungen doch einen unendlichen Zeithorizont hätten?
Außerdem sei zu berücksichtigen, dass die (bislang) größten Emittenten die entwickelten Volkswirtschaften gewesen seien. Viele Küstenstädte, die vom Anstieg des Meeresspiegels am stärksten gefährdet seien, befänden sich jedoch in der aufstrebenden Welt. Wie sollten Emittenten Betroffene in anderen Ländern entschädigen?
Es sei erst vier Jahre her, dass der Präsident der Bank of England, Mark Carney, seine richtungsweisende Rede zum Klimawandel gehalten habe und ihm daraufhin eine schleichende Ausweitung seiner Kompetenzen vorgeworfen worden sei. Die Lage habe sich schnell geändert. In den zwölf Monaten bis März 2019 hätten sich 21 Reden von Vertretern der Zentralbanken mit dem Thema befasst. Mit Ausnahme von zweien hätten sie alle von Mitgliedern des Network for Greening the Financial System (NGFS) gestammt, eines Netzwerks der Zentralbanken, das Ende 2017 als "Koalition der Willigen" gegründet worden sei, nachdem eine G20-Gruppe für nachhaltige Finanzwirtschaft am Widerstand der US-Regierung gescheitert sei. Das NGFS habe mit acht Gründungsmitgliedern begonnen; mittlerweile bestehe es aus 36 Mitgliedern und sechs Beobachtern.
Bleibe die Frage, ob bestehende Zentralbankmandate ein Klimaschutzziel beinhalten würden? Studien der Universität London hätten die Verordnungen von über 100 Zentralbanken untersucht und herausgefunden, dass 16 davon ausdrücklich ein Nachhaltigkeitsziel erwähnen würden. Weitere 38 Zentralbanken hätten allerdings über Mandate verfügt, die eine Anforderung zur Unterstützung nationaler Politik formulieren würden. Das Team der Universität London erkläre, dass, wenn Regierungen das Pariser Einkommen unterzeichnet hätten (und 189 Länder hätten dies getan), lokale Zentralbanken ein De-facto-Mandat zur Unterstützung von Politiken hätten, die sich dem Klimawandel widmen würden.
Wie genau Zentralbanken die Sorge um den Klimawandel allerdings in ihre Mandate integrieren würden, sei abzuwarten. Anleger im Allgemeinen und die Finanzdienstleistungsbranche im Besonderen sollten jedoch die Augen aufhalten, wenn Finanzaufsichtsbehörden anfangen würden, ihr Mandat etwas großzügiger auszulegen und verstärkt auf die steigende Temperatur des Planeten zu achten. (05.09.2019/alc/a/a)
Nach Ansicht des bekannten amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz handle es sich beim Klimawandel um eine Krise, die eine Art politische Reaktion rechtfertige, die zuletzt während des Zweiten Weltkriegs zum Einsatz gekommen sei: Die Kosten der Politik sollten im Vergleich zu den Folgen der Untätigkeit als irrelevant betrachtet werden. Die Dominoeffekte eines extremen Klimas könnten zu Wasserknappheit führen und die Lebensmittelerzeugung bedrohen. Durch solche Ereignisse könnten Länder in besonders betroffenen Regionen potenziell zu Kriegsschauplätzen werden.
In solchen extremen Szenarien könnte die traditionelle Orientierung der Notenbanker am Zwei-Prozent-Ziel für den Anstieg des Verbraucherpreisindex bedeutungslos werden. Das Ziel von 2 Grad Celsius - die Schwelle, bei deren Überschreitung man davon ausgehe, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur katastrophale Folgen hätte - könnte ein Ziel werden, das alle anderen in den Schatten stelle.
So mancher möge entgegensetzen, dass die langfristigen Folgen des Klimawandels jenseits des üblichen Prognosehorizonts der Zentralbanken eintreten könnten. Die Federal Reserve Bank von San Francisco habe jedoch darauf hingewiesen, dass Notenbanken langfristige Faktoren wie den demografischen Wandel bei der Formulierung ihrer Politik bereits berücksichtigen würden. Ihrer Auffassung nach stelle sich der Klimawandel für eine Reihe makroökonomischer Fragen als relevant heraus. Hierzu würden das potenzielle Produktionswachstum, Vermögensbildung, Produktivität sowie das langfristige Realzinsniveau zählen.
Derselbe Artikel stelle den Klimawandel (neben Demografie und technologischer Innovation) als eine der drei wichtigsten makroökonomischen Kräfte heraus, die die US-amerikanische Wirtschaft im 21. Jahrhundert prägen würden. Die Autoren würden die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels aufgrund der Anpassung der Ausgaben an steigende Temperaturen beschreiben - darunter mehr Klimaanlagen, besseren Hochwasserschutz und eine widerstandsfähigere Infrastruktur. Darüber hinaus würden sie die mit der Anpassung an eine kohlenstoffarme Wirtschaft verbundenen Übergangsrisiken als Risiken für Assets unterstreichen, die von fossilen Brennstoffen abhängen würden. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, dass größere fossile Brennstoffanlagen aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Öl und Gas zu verlorenen Investitionen würden.
Die Bank of England sei sogar noch weiter mit ihrer Empfehlung gegangen, dass Stresstests einen Rahmen schaffen sollten, anhand dessen Banken und Versicherungen herausgefordert werden könnten, ihren Umgang mit Umweltrisiken zu erläutern. Auch Finanzunternehmen würden auf diese Stresstests reagieren und ihre Notfallplanung beschreiben müssen. Leitende Bankangestellte hätten darauf hingewiesen, dass die Bank of England zweifellos an den Aufräumarbeiten infolge eines klimabedingten Notfalls beteiligt sein werde, selbst wenn das Vorgehen von der Regierung festgelegt werden sollte.
Ende vergangenen Jahres habe das Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, Benoît Coeuré, in einer Rede aufgezeigt, wie klimabedingte Risiken die Wirtschaft durch erhöhte Kreditaufschläge, vermehrtes Vorsichtssparen und sogar eine zukünftige Finanzkrise beeinträchtigen könnten. Er habe hinterfragt, wer für die Folgen extremer Wetterverhältnisse wie landwirtschaftliche Verluste, die Auswirkungen von Preisschüben bei Rohstoffen, Hochwasserschäden, usw. zur Verantwortung gezogen würde. Wenn der CO2-Emittent zahlen solle, wie berechne man dann die Kosten, wo die Auswirkungen doch einen unendlichen Zeithorizont hätten?
Außerdem sei zu berücksichtigen, dass die (bislang) größten Emittenten die entwickelten Volkswirtschaften gewesen seien. Viele Küstenstädte, die vom Anstieg des Meeresspiegels am stärksten gefährdet seien, befänden sich jedoch in der aufstrebenden Welt. Wie sollten Emittenten Betroffene in anderen Ländern entschädigen?
Es sei erst vier Jahre her, dass der Präsident der Bank of England, Mark Carney, seine richtungsweisende Rede zum Klimawandel gehalten habe und ihm daraufhin eine schleichende Ausweitung seiner Kompetenzen vorgeworfen worden sei. Die Lage habe sich schnell geändert. In den zwölf Monaten bis März 2019 hätten sich 21 Reden von Vertretern der Zentralbanken mit dem Thema befasst. Mit Ausnahme von zweien hätten sie alle von Mitgliedern des Network for Greening the Financial System (NGFS) gestammt, eines Netzwerks der Zentralbanken, das Ende 2017 als "Koalition der Willigen" gegründet worden sei, nachdem eine G20-Gruppe für nachhaltige Finanzwirtschaft am Widerstand der US-Regierung gescheitert sei. Das NGFS habe mit acht Gründungsmitgliedern begonnen; mittlerweile bestehe es aus 36 Mitgliedern und sechs Beobachtern.
Bleibe die Frage, ob bestehende Zentralbankmandate ein Klimaschutzziel beinhalten würden? Studien der Universität London hätten die Verordnungen von über 100 Zentralbanken untersucht und herausgefunden, dass 16 davon ausdrücklich ein Nachhaltigkeitsziel erwähnen würden. Weitere 38 Zentralbanken hätten allerdings über Mandate verfügt, die eine Anforderung zur Unterstützung nationaler Politik formulieren würden. Das Team der Universität London erkläre, dass, wenn Regierungen das Pariser Einkommen unterzeichnet hätten (und 189 Länder hätten dies getan), lokale Zentralbanken ein De-facto-Mandat zur Unterstützung von Politiken hätten, die sich dem Klimawandel widmen würden.
Wie genau Zentralbanken die Sorge um den Klimawandel allerdings in ihre Mandate integrieren würden, sei abzuwarten. Anleger im Allgemeinen und die Finanzdienstleistungsbranche im Besonderen sollten jedoch die Augen aufhalten, wenn Finanzaufsichtsbehörden anfangen würden, ihr Mandat etwas großzügiger auszulegen und verstärkt auf die steigende Temperatur des Planeten zu achten. (05.09.2019/alc/a/a)


