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Weitblick mit Winkler: Die "Magie" der Notenbanken


28.06.21 15:07
St.Galler Kantonalbank Dtld.

München (www.anleihencheck.de) - So ein bisschen erinnern die Notenbanken mit ihrem derzeitigen Handeln an Magier, die Dinge vor den Augen des staunenden Publikums einfach verschwinden lassen, so Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank Deutschland AG.

Bei den Zentralbanken gehe es allerdings nicht um Spielkarten oder andere Gegenstände, die scheinbar einfach weggezaubert würden. Bei ihnen stünden die weltweit hohen rekordhohen Schuldenberge im Fokus. Angesichts der aktuellen Geldpolitik vor allem der US-Notenbank Federal Reserve, aber auch der EZB, dränge sich der Eindruck auf, dass diese Schuldenberge "weginflationiert" werden sollten.

Jedenfalls hätten es die Notenbanken mal wieder geschafft. Sie seien gerade dabei, die für sie vermutlich schönste aller Welten zu schaffen: Die Inflation steige, gleichzeitig würden die Zinsen künstlich niedrig gehalten. Am Rentenmarkt sei es zwar zu einer Beruhigung gekommen, und die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen habe zumindest den Ausreißer unter 1,4 Prozent wieder korrigiert. Allerdings sorge die ungebremste Fortsetzung der Niedrigzinspolitik dafür, dass die realen Renditen massiv negativ bleiben würden. Die Notenbanken hätten erreicht, dass trotz wiederholt höherer Inflationsraten als von ihnen selbst prognostiziert die Inflationserwartungen am Markt sogar wieder gesunken seien! Für die Assetklasse Anleihen bedeute dies auch weiterhin einen erheblichen Attraktivitätsverlust für Anleger.

Die Anleger würden also vollkommen auf die uneingeschränkte Fortsetzung der aktuellen Zinspolitik vertrauen. Und entsprechend stabil freundlich würden sich viele Aktienindices präsentieren, zum Beispiel der MSCI World, der wieder an seinen jüngsten Höchststand anknüpfe. Der NASDAQ 100 erreiche sogar ein neues Hoch und symbolisiere den aktuellen Aufholprozess von Technologie-Titeln. Growth-Werte lägen damit im aktuellen Performance-Vergleich wieder vor den Value-Werten. Das "Bäumlein-wechsel-Dich"-Spiel zwischen Growth und Value gehe also weiter. Es würde an Magie grenzen, eine zuverlässige Prognose zu stellen, wie sich diese Konstellation weiterentwickele.

Apropos Magie: Natürlich handele es sich beim "Verschwinden" der Schuldenberge nicht wirklich um Zauberei. Und anders als bei echten Zauberern mit ihren Zaubertricks gebe es an den Kapitalmärkten daher auch jemanden, der die Rechnung für die niedrigen Realrenditen zahlen müsse: Die Bondanleger. Für die Diversifikation im Portfolio eigne sich Gold derzeit grundsätzlich besser als Anleihen. Hier würden gerade die jüngsten Kursrückgänge je nach individuellem Risiko-Rendite-Profil die Chance zu antizyklischen Nachkäufen bieten. (28.06.2021/alc/a/a)