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Was passiert, wenn die EZB wieder Unternehmensanleihen kauft?


04.07.19 15:00
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - Nach der Wahl von Christine Lagarde als EZB-Chefin scheinen in der Eurozone wieder alle Optionen auf dem Tisch zu liegen, um die europäische Inflation zu stützen. Dazu würde auch eine neue Runde quantitativer Lockerung zählen, so Dr. Wolfgang Bauer, Fondsmanager im Anleiheteam bei M&G Investments.

In seiner Rede im portugiesischen Sintra vor einigen Wochen habe der scheidende EZB-Präsident Mario Draghi die Tür für eine weitere Lockerung der Geldpolitik in der Eurozone weit offen gelassen. Das habe bei vielen Marktteilnehmers die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Programms zum Ankauf von Wertpapieren geweckt.

Ein solches Programm würde mit ziemlicher Sicherheit eine neue Version des Programms zum Ankauf von Unternehmensanleihen beinhalten, auch bekannt als Corporate Sector Purchase Programme oder CSPP. Die aktuellen Risikoaufschläge in dieser Anlageklasse weisen darauf hin, dass die Märkte bereits mit der Ankündigung einer solchen Maßnahme bei der EZB-Sitzung im September rechnen - nennen wir sie CSPP2, so die Experten von M&G Investments. Sollte die EZB die Markterwartungen nicht erfüllen, könnten die Bewertungen europäischer Unternehmensanleihen unter Druck geraten. Wenn die EZB aber tatsächlich wieder in einem beträchtlichen Umfang Unternehmensanleihen kaufe, sollten europäische Unternehmensanleihen mit Investment Grade (IG) im Großen und Ganzen davon profitieren.

Je nachdem, welche Schwerpunkte die EZB wähle, würden bestimmte Segmente des europäischen IG-Marktes stärker profitieren als andere. Nehme man das Verhalten in der Vergangenheit als Indikator für die Zukunft, dann sollten französische Unternehmen und der Versorgungssektor am meisten von einem CSPP2-Programm unterstützt werden.

Allerdings sei der Versuch, die Aktivitäten von Zentralbanken vorherzusagen, immer schwierig. Sollte es überhaupt ein CSPP2 geben, könne man zum heutigen Zeitpunkt über eventuelle Details nur Vermutungen anstellen.

Die EZB könnte die Märkte überraschen. Genau das habe sie auch im März 2016 getan, als sie das ursprüngliche Ankaufprogramm für Unternehmensanleihen skizziert habe und die meisten Marktteilnehmer nicht erwartet hätten, dass bonitätsschwache Unternehmensanleihen mit BBB-Rating und sogar Crossover-Titel für das Anleihekaufprogramm in Frage gekommen seien.

Eine solche Überraschung könnte diesmal beispielsweise die Einbeziehung von vorrangigen Bankanleihen sein. Banktitel würden fast 30 Prozent des Gesamtvolumens von in Euro ausgegebenen IG-Anleihen ausmachen. Eine solche Aktion würde das Anlageuniversum der EZB stark erweitern. Für europäische Banken würden damit die Risikoaufschläge und damit auch die Finanzierungskosten sinken: Eventuelle neue Zinssenkungen würden sich so weniger negativ auf die Rentabilität der Banken auswirken.

Die Einbeziehung von Bankanleihen würde aber auch Probleme mit sich bringen. Für die EZB könnte das ein Interessenskonflikt sein, denn am Ende würde sie damit genau die Institute finanzieren, die sie regulieren und überwachen solle. (04.07.2019/alc/a/a)