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Was EZB-Falke Holzmann zum Abschied von seinen Kollegen fordert


18.08.25 11:30
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Mit Blick auf seinen bevorstehenden Abgang Ende des Monats richtet der wohl eigenwilligste Zinshüter der Europäischen Zentralbank einen eindringlichen Appell an seine Kollegen: Die EZB solle ihre geldpolitischen Entscheidungen transparenter machen, so die Experten von "FONDS professionell".

Robert Holzmann, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und geldpolitischer Falke, habe in der Vergangenheit mehrfach als Einziger gegen Lockerungsschritte gestimmt. Nun fordere er, Außenstehende sollten besser nachvollziehen können, wie die Notenbank ihre Zinspolitik festlege.

Holzmann plädiere für ein Modell ähnlich dem "Dot Plot" der US-Notenbank Federal Reserve, bei dem Notenbanker anonym ihre Zinsprognosen veröffentlichen. Alternativ könnten abweichende Positionen vom offiziellen Kurs der EZB-Präsidentin Christine Lagarde in einer Zusammenfassung transparent gemacht werden.

"Zu Beginn ist Einstimmigkeit ein starkes Signal", habe der 76-Jährige im "Bloomberg"-Interview gesagt. "Doch wenn aufgrund unterschiedlicher Argumente unklar ist, in welche Richtung man gehen sollte, haben Abweichungen meiner Meinung nach Informationswert für den Markt."

Holzmanns Appell markiere den Schlusspunkt einer sechsjährigen Amtszeit im EZB-Rat. Er habe zu den entschiedensten Befürwortern drastischer Zinserhöhungen gezählt, mit denen die Eurozone ihre höchste Inflation seit Bestehen bekämpft habe. Die Zinssenkung im Juni auf zwei Prozent habe er ebenso ab wie andere Schritte im aktuellen Lockerungszyklus gelehnt.

Obwohl Lagarde ihn in diesem Jahr öffentlich dafür kritisiert habe, dass er sich nicht der Mehrheit angeschlossen habe, habe Holzmann betont: Persönliche Konflikte habe es nie gegeben, im Gegenteil – er schätze ihre Arbeit sehr.

Seine Forderung habe Holzmann auch bei einem Abschiedsessen in Frankfurt vorgebracht, als Lagarde nach Verbesserungsvorschlägen gefragt habe. Die Chancen auf Umsetzung seien jedoch gering, da die jüngste Strategieüberprüfung bereits abgeschlossen worden sei.

"Manche Menschen haben weniger Probleme damit, abweichende Meinungen zu vertreten als andere", habe Holzmann gesagt. "Aber es gab Punkte, an denen ich dachte, dass Abweichungen notwendig werden." In Wien habe ein solches Abweichen teils als Reputationsrisiko gegolten – ein Bruch mit der Tradition konsensorientierter Politik.

Andere geldpolitische Falken wie Isabel Schnabel oder Bundesbankpräsident Joachim Nagel hätten ihre Vorbehalte bislang nicht in Abstimmungen einfließen lassen. Holzmanns Inflationssorgen dagegen hätten sich als treffsicher erwiesen, nachdem steigende Energiepreise die EZB zu Zinserhöhungen um 450 Basispunkte in kurzer Zeit gezwungen hätten.

Sein Nachfolger Martin Kocher habe sich bisher nicht öffentlich zur Geldpolitik geäußert, bringe aber Erfahrung aus einer komplexen Regierungskoalition mit. Er übernehme eine Institution, die traditionell großen Wert auf Inflationsbekämpfung lege.

Angesichts des personellen Umbruchs im EZB-Rat habe Holzmann nicht spekulieren wollen, wer künftig seine Rolle am äußersten Ende des Falkenspektrums einnehme. "Mit sieben neuen Leuten könnte ich mir vorstellen, dass mindestens ein oder zwei diese Rolle übernehmen", habe er gesagt. "Aus informellen Gesprächen weiß ich jedenfalls, dass sich etliche oft inhaltlich auf meine Seite gestellt haben – nur nicht bei der Abstimmung." (mb/Bloomberg) (18.08.2025/alc/a/a)