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Warten auf die FED, Rentenmarkt zeigt Lebenszeichen


16.09.16 12:55
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Es ist inzwischen fast schon gute alte Tradition, das "Finanzmarkt aktuell" mit einem kurzen Bericht über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Notenbankpolitik zu beginnen, so die Analysten der Weberbank.

Und das nicht zu Unrecht: Denn schließlich würden viele Assetklassen im Moment maßgeblich von den Notenbanken beeinflusst bzw. provokativer ausgedrückt: verzerrt. So habe die Europäische Zentralbank die Renditen deutscher Staatsanleihen inzwischen bis in den zehnjährigen Laufzeitenbereich an bzw. unter die Nullrendite gedrückt. Ähnlich drastisch stelle sich ihr Einfluss bei den Renditeaufschlägen von Unternehmensanleihen dar. Mit ihren 80 Mrd. Euro schweren monatlichen Käufen nehme sie den Investoren eine Renditequelle nach der anderen. Umso erstaunlicher sei die letzte Notenbanksitzung Mario Draghis (EZB-Präsident) verlaufen. Denn obwohl die massiven Kaufprogramme ohne eine weitere EZB-Entscheidung im März enden würden und bis dahin nun nur noch drei Notenbanksitzungen verbleiben würden, habe er sich nicht zu einer möglichen Fortsetzung geäußert. Ganz im Gegenteil habe er den erstaunten Journalisten sogar klar zu machen versucht, dass in der internen Sitzung der EZB nicht einmal über das Thema gesprochen worden sei. Daneben sei auch an keinen anderen wichtigen Stellschrauben gedreht worden.

Verständlicher sei da schon die gestrige Entscheidung der britischen Notenbank (BoE), ebenfalls keine Änderungen ihrer aktuellen Geldpolitik vorzunehmen. Denn schließlich hätten die dortigen Zentralbänker ja bereits kurz nach dem Brexit-Votum mit einer Zinssenkung und einer Erweiterung ihrer Anleihekaufprogramme reagiert. In der gestrigen Erklärung hätten sie aber ihre Bereitschaft signalisiert, bei Bedarf weitere Stützungsmaßnahmen durchzuführen. Die Augen würden sich nun wieder auf die US-Notenbank richten, die neben der japanischen Notenbank als nächste im Reigen der Zentralbanken die Möglichkeit hätte, ihre Zinsvorgaben zu ändern. Allerdings wäre eine Zinserhöhung schon am nächsten Mittwoch als Überraschung zu werten, lägen doch die eingepreisten Wahrscheinlichkeiten für diese Anpassung aktuell nur noch bei 18 Prozent.

Losgelöst von der Betrachtung der Notenbankpolitik seien zuletzt etwas schwächere volkswirtschaftliche Daten aus den USA zu vernehmen gewesen. So seien vielbeachtete Einkaufsmanagerindices sowohl im verarbeitenden als auch im Dienstleistungssektor überraschend deutlich gefallen. Das sei insofern überraschend gewesen, als andere Indikatoren eine solche Abschwächung bislang nicht zeigen würden. Auch würden die weiter soliden Konsum- und Arbeitsmarktwerte keine wirtschaftliche Abkühlung andeuten. Unternehmensseitig würden die Ergebnisschätzungen der Analysten weiter steigen.

In Europa würden sich die Augen insbesondere auf mögliche Brexit-Auswirkungen richten. Die gute Nachricht sei hierbei, dass sich im Augenblick innerhalb Großbritanniens noch nicht die befürchtete Investitionszurückhaltung zeige. Dies gelte auch für Deutschland, obwohl die Auftragseingänge jüngst die Erwartungen enttäuscht hätten. So hätten sich zuletzt die Auftragseingänge aus dem Ausland zwar eher stabil gezeigt, während allerdings eine leichte Eintrübung im Inland festzustellen gewesen sei. Dies beruhe aber zu großen Teilen auf statistischen Effekten und sollte deshalb nicht zu negativ gesehen werden. Die Einzelhandelsumsätze innerhalb Kontinentaleuropas würden eine weiter sehr positive Entwicklung zeigen.

Der Rentenmarkt stehe nun vor dem Scheideweg. Würden die Renditen weiter durch die EZB gedrückt, oder werde der Rentenmarkt eine gewisse Normalisierung schaffen und auf leicht steigende Inflationserwartungen reagieren? Zumindest sei in den letzten Tagen wieder etwas Bewegung in die ansonsten wie festgenagelten Renditen gekommen, sodass die zehnjährige Bundrendite von -0,12 Prozent auf + 0,08 Prozent angestiegen sei.

Unternehmensseitig würden sich die Ergebnisschätzungen der Analysten in Europa uneinheitlicher als in den USA präsentieren. Dass die Marktteilnehmer inzwischen aber hauptsächlich an den Lippen der Notenbänker hängen würden, habe sich in den letzten Tagen gezeigt. Schon Veränderungen in den Formulierungen einzelner US-Zentralbankmitglieder würden zu deutlichen Kursschwankungen an den Aktienmärkten führen. So seien die US-Indices von ihren erreichten Allzeithochs wieder etwas zurückgefallen. Nichtsdestotrotz würden die mittelfristigen Trends intakt bleiben und die Bewertung in Relation zum Rentenmarkt attraktiv. Auch in den Schwellenländern würden sich die Erholungsbewegungen fortsetzen, weshalb die Analysten in den von ihnen betreuten Mandaten die Quote der dortigen Aktieninvestments leicht erhöht hätten. Im Gegenzug würden sie aber raten, weiterhin Defensivkomponenten, wie z.B. Gold, im Portfolio zu behalten. Denn noch gebe es viele potenzielle Stolpersteine auf dem Weg voraus, sodass es immer wieder zu Verunsicherungsreaktionen kommen werde. (16.09.2016/alc/a/a)