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Wahlen in Frankreich richten den Fokus der Anleger neu aus


27.06.24 09:36
Vontobel Asset Management

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Wenn die Nationale Sammlungsbewegung (Rassemblement National, RN) bei den anstehenden Parlamentswahlen in Frankreich eine relative Mehrheit gewinnt, werden wir wahrscheinlich eine Verengung der Spreads französischer Staatsanleihen sehen, so Gordon Shannon, Portfoliomanager bei TwentyFour Asset Management.

Denn auch wenn der Markt den Status quo bevorzugt hätte - der Zug sei abgefahren, und angesichts des Umfragevorsprungs der RN käme dieses Ergebnis nicht unerwartet. Marine Le Pen habe die richtigen Töne hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit Macrons Regierung angeschlagen, sodass der Markt nicht gleich eine Finanzkrise einpreisen werde. Damit falle auch das Risiko weg, dass eine neue Volksfront an die Macht kommen könnte. Dieses Szenario mache den Anlegern am meisten Angst, da sie in dem Fall einen schnellen Anstieg der ungedeckten Staatsausgaben fürchten würden.

Mittelfristig werde jedoch eine größere Machtfülle der RN oder des Front National die Beziehungen zu Europa schwächen. Es werde für Europa schwieriger werden, auf externe Schocks koordiniert zu reagieren, etwa durch eine gemeinsame Fiskalpolitik. Die Handlungsschwelle für die EZB sei niedriger, da es ihr schwerfallen würde, für innenpolitisch verursachte Fehler gerade zu stehen.

Dies gelte auch für andere Länder in Europa, die populistischere Regierungen wählen würden. Es müsse klar sein, dass die EZB im Interesse der EU als Ganzes handele und nicht die inländischen Entscheidungen von Einzelstaaten unterstütze.

Zwar könnte man nun Parallelen ziehen, zu der Art und Weise, wie die EU-Peripherie im Jahr 2009 unterstützt worden sei. Aber der Unterschied liege in der Zeitspanne, in der diese Probleme aufgetreten seien, in der Komplizenschaft, mit der die Staaten Kerneuropas ihr Entstehen ignoriert hätten, und in der Möglichkeit, die globalen Wachstumsbedingungen dafür verantwortlich zu machen - all diese Argumente würden heute nicht gelten.

Daher würden die Experten die Spreads von Staatsanleihen außerhalb Kerneuropas gegenüber Bundesanleihen längerfristig negativ sehen, was jetzt auch die französischen Staatsanleihen OATS (Obligations assimilables du Trésor) einschließe. Sie seien in Stressphasen anfälliger dafür, das Vertrauen der Anleger zu verlieren. In der Zwischenzeit würden Bundesanleihen weiterhin ein beliebtes Instrument zur Absicherung von Risiken sein und daher von jeder Zunahme der Wahrnehmung einer globalen Wirtschaftsschwäche profitieren.

Diese Wahlen würden den Fokus der Anleger neu ausrichten. Die Anleger seien zunehmend unzufrieden mit einer nicht nachhaltigen Haushaltspolitik und Defiziten. Dies habe auch zu einer Schwäche bei Bankaktien und -anleihen geführt. Der Marktzugang sei für die Banken von existenzieller Bedeutung, und in Zeiten von Marktstress seien die Möglichkeiten zur Beschaffung von frischem Kapital eingeschränkt.

Wenn die Risikoprämien der OATS weiter ansteigen würden, sei das nicht allein ein einmaliger Fall von Überschuldung. Der Anteil Frankreichs an der EU sei zu groß, als dass dies einfach überspielt werden könnte. Das könnte möglicherweise dazu führen, die Aufmerksamkeit der Märkte wieder auf die US-Haushaltsdefizite zu lenken. Diese würden sich seit Jahren auf einem "unhaltbaren" Niveau bewegen, aber solange der Markt mit einem Schuldenstand im Verhältnis zum BIP von über 100% zufrieden gewesen sei, sei dies kein Problem für die Emission von US-Staatsanleihen gewesen. Wenn aber die Anleger künftig die Kreditwürdigkeit eines G7-Landes in Frage stellen würden, warum nicht auch die anderer Länder? (Ausgabe vom 26.06.2024) (27.06.2024/alc/a/a)