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Ungewöhnliches Phänomen am US-Zinsmarkt


16.08.19 10:26
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Der Handelsstreit zwischen den USA und China sorgt an den Kapitalmärkten weiterhin für ein Wechselbad der Gefühle, so Daniel Schär, CFA bei der Weberbank.

Für den Beobachter des Schlagabtausches sei eine klare Richtung nur schwer auszumachen. Es handle sich mehr und mehr um ein ökonomisches Kräftemessen zweier Supermächte, bei dem die restliche Welt am Rand stehe und zusehen müsse, wie sie mit den Ergebnissen am besten lebe. Die jüngste Eskalation, in der Donald Trump 10 Prozent Zoll auf weitere chinesische Importe im Volumen von 300 Mrd. USD angekündigt habe, sei überraschend gewesen und habe für deutliches Aufhorchen gesorgt. 60 Prozent der neu zu verzollenden Waren würden Konsumgüter wie Handys, Fernseher oder Computer betreffen. Damit wäre der Handelskonflikt auch für den US-Verbraucher spürbar, da ein kurzfristiges Ausweichen auf andere Anbieter in diesen Segmenten schwerfalle. Das scheine im Nachgang auch der Trump-Administration bewusst geworden zu sein und so sei der Einführungstermin kurzerhand auf Mitte Dezember verschoben worden. Dementsprechend hätten die neuen Zölle keinen Einfluss auf das für die amerikanische Konsumgesellschaft wichtige Weihnachtsgeschäft.

Je länger das Hin und Her zwischen den Streitparteien anhalte, desto mehr verunsichere es die Wirtschaftsteilnehmer. Die Investitionszurückhaltung auf Unternehmensebene sei schon jetzt deutlich spürbar. Die Verarbeitende Industrie befinde sich bereits in einer schwierigen Situation. Vor allem in Deutschland, das sehr exportorientiert ausgerichtet sei, würden sich die Warnsignale mehren. Der Handelskonflikt komme zur Unzeit. Die wichtige Automobilindustrie befinde sich in einem disruptiven Wandlungsprozess, der für sich genommen schon herausfordernd genug sei. Zusätzlich würden auch noch die Gefahren eines ungeregelten Brexits lauern. Noch halte sich der Konsum- und Dienstleistungsbereich als tragende Säule sowohl in Deutschland als auch international. Es steige jedoch die Gefahr, dass die geschilderten Faktoren auch hier die Stimmung eintrüben und für Konsumzurückhaltung sorgen würden. Im zweiten Quartal sei die deutsche Wirtschaft bereits um 0,1 Prozent geschrumpft. Die Aussichten auf eine merkliche Besserung im laufenden Quartal seien nicht besonders hoch. Es verwundere also nicht, dass neben einer lockeren Geldpolitik, die bereits avisiert worden sei, auch der Ruf nach erhöhten Staatsausgaben oder Steuersenkungen immer lauter werde.

Wasser auf die Mühlen der Konjunkturskeptiker sei ein Phänomen, das aktuell in den USA zu beobachten sei. Die Rendite für zweijährige US-Staatsanleihen habe erstmals seit dem Jahr 2007 über der Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen notiert. Normalerweise würden Investoren einen Renditeaufschlag verlangen, wenn sie ihr Kapital langfristiger verleihen würden. Dieses ungewöhnliche Umfeld würden Fachleute als Inversion der Zinskurve bezeichnen. Es gelte historisch als guter Krisenindikator für eine mögliche Rezession in den Folgejahren. Ob er in einem Umfeld ultraexpansiver Geldpolitik genauso verlässlich Signale generiere wie in der Vergangenheit, sei unsicher. Die zunehmend sichtbare Schwächephase der Weltwirtschaft wird in unseren Augen dadurch aber bestätigt, so die Analysten der Weberbank. Auch wenn am Ende eine Rezession vermieden werden könne, so sollten Anleger das aktuelle Umfeld zum Anlass nehmen, ihre Portfolioaufstellung im Hinblick auf die Aufteilung von zyklischen zu defensiven Komponenten zu überprüfen.

Die Aktienmärkte würden derzeit am Tropf der Notenbanken und der Geopolitik hängen. Auf Unternehmensebene würden derzeit nur wenige zusätzliche Impulse generiert. Das Gewinnwachstum habe sich spürbar abgeschwächt und die Erwartung an das Wachstum für das Kalenderjahr 2019 sei nur noch leicht positiv. Wir haben bereits im letzten Jahr begonnen, die Aktienportfolios insgesamt defensiver auszurichten und Unternehmen, deren Geschäftserfolg stark von der Konjunkturentwicklung abhängt, zu reduzieren, so die Analysten der Weberbank. Zusätzlich hätten die Analysten aktuell Gold aufgenommen, um im Falle einer weiteren Verschlechterung des wirtschaftlichen Umfeldes die Portfolios zu stabilisieren. Gold profitiere von der gestiegenen Verunsicherung der Kapitalmarktteilnehmer, den niedrigen Realrenditen bei Anleihen und erhöhten Käufen verschiedener Notenbanken.

Die Entwicklungen der letzten Wochen hätten am deutschen Rentenmarkt dazu geführt, dass erstmals in der Geschichte alle (!) deutschen Staatsanleihen eine negative Rendite aufweisen würden. Selbst 30-jährige Papiere würden somit keine positive Rendite mehr erzielen, wenn man sie bis zur Fälligkeit halte. Für den konservativen Anleger verschlimmere sich dadurch der Anlagenotstand weiter. Es stünden immer weniger Papiere mit einem positiven Ertragspotenzial zur Verfügung. Vor der Versuchung, einfach bei der Qualität der Anleihen Abstriche zu machen, um noch akzeptable Renditen zu erzielen, können wir aber nur warnen, so die Analysten der Weberbank. Ein aktives Management und eine Beimischung internationaler Papiere würden immer wichtiger. (16.08.2019/alc/a/a)