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Die Stimmung bleibt hitzig


12.08.22 12:19
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Seit Wochen ächzt Europa unter einer Hitzewelle, so Bastian Ernst, CIIA, CEFA bei der Weberbank.

Abseits der Folgen für Mensch und Natur verschärfe sich hierdurch auch die wirtschaftliche Lage hierzulande, und auch zwischen den USA und China bleibe die Stimmung erhitzt.

Nach dem Taiwanbesuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, bleibe die Lage vor Ort angespannt. Die chinesische Regierung, welche den Besuch missbilligt habe, habe als Reaktion Militärübungen vor der Küste Taiwans durchgeführt. Entgegen vorherigen Aussagen, seien diese erst am Mittwoch beendet worden. Gleichzeitig habe die chinesische Regierung ein Weißbuch veröffentlicht, in dem man versichere, stets große Anstrengungen zu unternehmen, eine friedliche Wiedervereinigung mit Taiwan zu erreichen. Jedoch behalte man sich vor "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen" und nenne auch die Anwendung von Gewalt als "letzten Ausweg".

Die Spannungen zwischen China und den USA dürften die Verhandlungen über eine Abschaffung von Zöllen, die unter der Regierung von Donald Trump verhängt worden seien, erschweren. Eine weitere Eskalation der Situation würden die Analysten in Anbetracht der im Herbst in China anstehenden Wahlen jedoch aktuell nicht erwarten.

Der diesjährige Juli sei der zweitheißeste seit Beginn der Aufzeichnung in Europa gewesen. Die Folgen der Hitze und der damit verbundenen Dürre würden die Energiekrise in Europa weiter verschärfen. Aufgrund der hohen Temperaturen steige der Bedarf an Strom zur Kühlung. Gleichzeitig lägen die Pegelstände der Flüsse wie zum Beispiel im Rhein niedrig, und die Wassertemperaturen hoch. In der Folge habe beispielsweise Frankreich in einem Großteil seiner Atommeiler die Stromproduktion deutlich drosseln müssen, da es an benötigtem Wasser zur Kühlung mangele sowie eine weitere Erwärmung der Flüsse zu einer Schädigung der Ökosysteme führen würde.

Zudem verteuere sich durch die eingeschränkte Schiffbarkeit der Transport von alternativen Quellen zur Stromerzeugung wie beispielsweise Kohle. Entsprechend lasse sich der Gasverbrauch zur Stromerzeugung langsamer reduzieren. Derzeit liefere Russland noch rund 20 Prozent der möglichen Gasmengen nach Deutschland.

Positiv hervorzuheben sei, dass man dennoch weiter im Plan liege, die Gasspeicher aufzufüllen. So seien die Speicher in Europa derzeit mit über 72 Prozent gefüllt. In den nächsten Wochen werde jedoch auch in den USA mit einer Hitzewelle gerechnet. Rund ein Drittel der dortigen Stromerzeugung erfolge mittels Gas, was auch dort zu Steigerungen beim Gaspreis führen könnte und zu geringeren Lieferungen von US-Flüssiggas nach Europa. Die Energieversorgung Europas werde damit weiterhin unsicher bleiben, und mögliche Gasrationierungen würden ein unkalkulierbares Risiko für Europas Unternehmen bleiben.

Proaktiv würden die Firmen nun versuchen, ihren Energieverbrauch kurzfristig einzuschränken bzw. anzupassen. Wirtschaftliche Auswirkungen würden sich hierzulande bereits am schwächelnden Konsum zeigen, und auch die Aussichten in der Industrie würden sich verschlechtern. Entsprechend würden die Analysten die aktuellen Marktschätzungen der künftigen Unternehmensgewinne für zu hoch halten und Anpassungen nach unten erwarten. Daher würden sie trotz der sehr günstigen Bewertungen europäischer Aktien weiterhin den US-Markt präferieren.

In der Vorwoche habe der Arbeitsmarktbericht in den Vereinigten Staaten für ein Ausrufezeichen gesorgt. So seien mehr als doppelt so viele neue Stellen geschaffen worden als erwartet, wodurch die Arbeitslosenquote wieder den Tiefpunkt aus der Zeit vor der Corona-Pandemie markiert habe. Zudem seien die Löhne im Juli kräftiger gestiegen.

In einer ersten Reaktion hätten die Kapitalmärkte den starken Arbeitsmarktbericht so interpretiert, dass die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) nun doch nicht wie erhofft ihr Zinserhöhungstempo drosseln dürfte. Es gebe jedoch auch am Arbeitsmarkt bereits erste Anzeichen, dass die Zinserhöhungen der FED Wirkung zeigen würden. So sei die Anzahl offener Stellen etwas zurückgegangen, und die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe seien angestiegen. Der US-Arbeitsmarkt bleibe angesichts der weiterhin hohen Anzahl unbesetzter Stellen zwar überhitzt, eine leichte willkommene Abkühlung scheine jedoch einzusetzen.

Auch im Hinblick auf die Inflation dürfte der Hochpunkt in den USA überschritten sein. Er habe im Juli mit 8,5 Prozent zwar weiterhin auf sehr hohem Niveau gelegen, angesichts rückläufiger Benzinkosten aber geringer als die im Juni verzeichneten 9,1 Prozent. Die Analysten würden erwarten, dass die Inflation noch längere Zeit erhöht bleiben und nur langsam sinken werde. In Deutschland sei diese im Juli ebenfalls auf 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Auslaufende Effekte durch den Tankrabat, das 9 Euro-Ticket sowie die kommende Gas-Umlage dürften hier in den kommenden Monaten jedoch wieder zusätzlichen Inflationsdruck ausüben.

Solange die Inflation hoch bleibe, würden die Notenbanken weiter die Zinsen erhöhen, es sei denn die Wirtschaft rutsche in eine tiefe Rezession. Damit dürften die Märkte in den kommenden Monaten weiter angespannt bleiben und die aktuelle Kurserholung der Aktien nochmals auf die Probe gestellt werden. (12.08.2022/alc/a/a)