Erweiterte Funktionen

Sollten Anleihen grundsätzlich gemieden werden?


24.07.17 10:15
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Die Kluft zwischen wirtschaftlicher Realität und dem Wunschdenken zahlreicher Marktteilnehmer ist nach wie vor sehr hoch, so Jan Gengel, CIIA, CEFA bei der Weberbank.

In unseren vorherigen Publikationen haben wir bereits ausgeführt, dass wir nicht vor einem ausbrechenden Wirtschaftsboom stehen und sich das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr nicht verdoppeln wird - weder in Europa noch in Deutschland oder den USA, so die Analysten der Weberbank. Dennoch würden sich zahlreiche Vorlaufindikatoren wie beispielsweise der ifo-Index auf rekordhohen Niveaus, ohne ein Zeichen der Schwäche halten. Und je länger die Diskrepanz aus tatsächlicher Entwicklung und den Erwartungen anhalte, desto größer werde die Nervosität der Marktteilnehmer, auch mit Blick auf das Verhalten der Notenbanken. Unterlägen sie der Euphorie und würden ihre Geldpolitik straffen, um nicht zu spät zu agieren? Oder würden sie lieber Vorsicht walten lassen, um den Aufschwung nicht zu gefährden? Fragen über Fragen, die das Tagesgeschehen beherrschen würden.

So werde jede Äußerung der Zentralbanker auf die Goldwaage gelegt. Allen voran die vielleicht letzte Rede der amerikanischen Notenbankchefin Janet Yellen vor dem US-Kongress in der vergangenen Woche. Berichtet habe sie inhaltlich nichts Neues. Jedoch habe sie in ihren Ausführungen die Reihenfolge der Risiken für die künftige Geldpolitik leicht geändert, die Inflation an vorderster Stelle genannt und eine Abschwächung dieser festgestellt. Die Marktreaktion in Form von steigenden Aktienkursen, sinkenden Renditen und schwächerem US-Dollar habe nicht lange auf sich warten lassen. Würde doch ein schwächeres Inflationsbild mögliche Zinserhöhungen in die Zukunft schieben. Auf die Freude sei ebenso schnell die Ernüchterung gefolgt, sodass die Aufmerksamkeit von der FED hin zur EZB gewechselt habe. Nach den letzten Äußerungen von Mario Draghi seien die Erwartungen an Signale über den Ausstieg aus dem derzeitigen Anleihenkaufprogramm sehr hoch gewesen. Doch auf ihrer Sitzung am Donnerstag sei alles beim Alten geblieben, sodass die Spekulationen über erste Zeichen einer geldpolitischen Straffung anhalten würden.

In diesem Umfeld sollte die Konsolidierung an den europäischen Aktienmärkten nicht verwundern. Die Macht der Notenbankliquidität überschatte jeden fundamentalen Trend. So rücke selbst die Berichtsaison in den Hintergrund, bevor sie eigentlich richtig in Gang gekommen sei. Dabei sei der Start gar nicht so schlecht gewesen. Auch seien im Vorfeld der Gewinnveröffentlichungen die Erwartungen seitens der Analysten nicht wie üblich nach unten genommen worden, um sich dann an übertroffenen Schätzungen zu erfreuen. Für das 2. Quartal sei die Messlatte hoch geblieben, und dennoch hätten die ersten Unternehmen bessere Zahlen und damit gute Gründe für weitere Kursanstiege geliefert.

Jedoch schwebe über dem soliden wirtschaftlichen Umfeld und den guten Unternehmensentwicklungen die alles entscheidende Unsicherheit über die Maßnahmen der EZB. Und damit sei nicht nur die Marktliquidität gemeint, sondern beispielsweise auch die Frage über die Entwicklung des Euro oder die Bewertung der Unternehmen. Insbesondere für den exportorientierten deutschen Aktienmarkt könne ein weiter steigender Euro wie Sand im Getriebe wirken. Zudem würden steigende Renditen zu einer teureren Bewertung führen, da zukünftige Gewinne mit höheren Zinsen abdiskontiert würden und so den heutigen vermeintlichen fairen Wert der Aktien verringern würden.

Aus Sicht der Analysten der Weberbank sollten die Sorgen über die Geldpolitik jedoch nicht überbewertet werden. Die Entwicklung in den USA könne hier eine gute Blaupause sein. Auch für Europa sei für den erwarten Ausstieg aus den Anleihekäufen nicht mit einer schnellen Verringerung der Liquidität zu rechnen. So sollte die EZB im kommenden Jahr lediglich aufhören, ihre Bilanzsumme weiter aufzublähen. Dadurch verringere sich jedoch die Geldmenge nicht. Die Unterstützung bleibe. Und sollte die Konjunktur in den kommenden Quartalen einen so kräftigen Wachstumspfad einschlagen, dass die EZB ihre Geldpolitik weiter normalisieren könne, dürfte dies die Aktienmarktentwicklung nicht belasten, sondern stützen. Die derzeitige Konsolidierung biete somit aus Sicht der Analysten gute Möglichkeiten, weitere aussichtsreiche Titel zu selektieren und Ihr Depot in Aktien zu positionieren.

Herausfordernder stelle sich das aktuelle Umfeld für zinssuchende Anleger dar. Die Waage bestückt mit Chancen und Risiken bewege sich auf und ab und finde nur schwer eine ausbalancierte Ruhe. Der Vergleich mit der Entwicklung in den USA helfe hier leider nicht richtig weiter. So sei die größte dortige Bewegung im Jahr 2013 durch die Überraschung über das mögliche Ende der Anleihekäufe bedingt gewesen. Die möglichen Ankündigungen der EZB würden jedoch alles andere als überraschend sein, werde doch schon seit geraumer Zeit darüber diskutiert. Fraglich bleibe, ob analog zu den USA die nunmehr erreichte Größe der EZB-Bilanz und die damit verbundene Marktliquidität ausreichen würden, um die Renditen langfristig zu stabilisieren. Aus Sicht der Analysten stünden die Chancen dafür nicht schlecht, von kurzfristigen intensiven Schwankungen einmal abgesehen. So lange die Inflation nicht nachhaltig ansteige, und dafür gebe es derzeit kaum Anzeichen, würden die Analysten negative Marktphasen zum Erwerb einzelner langlaufender Anleihen nutzen, weiterhin bevorzugt in Unternehmenspapieren. (Ausgabe vom 21.07.2017) (24.07.2017/alc/a/a)