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Schweizer Rekordwachstum im Konflikt mit der SNB-Kommunikation
11.09.18 16:30
Bank J. Safra Sarasin AG
Basel (www.anleihencheck.de) - Man kann sich ja mal irren. Als Ökonom sowieso. Und bei Prognosen erst recht. Aber im Durchschnitt sollte man doch die richtigen Signale geben, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG.
Erschwert werde das Prognosegeschäft sicherlich dadurch, dass sich die Datenbasis durch Revisionen verändern könne, wie dies nun beim Schweizer Bruttoinlandsprodukt (BIP) geschehen sei, das nach neueren Rechnungen im letzten Jahr statt 1,1% plötzlich nun um 1,6% gestiegen sei. Auch die vorherigen beiden Jahre seien nach oben korrigiert worden. Dies sei ein Grund, weshalb sich Ökonomen niemals nur auf einzelne statistische Zeitreihen verlassen sollten, sondern immer auch auf eine Beurteilung der Gesamtsituation, die beispielsweise qualitative Konjunktursignale mit einbeziehe, die aus Unternehmensgesprächen resultieren würden. All dies tue die Schweizerischen Nationalbank (SNB). Lese man jedoch noch einmal ihre letzte Geldpolitische Lagebeurteilung, so scheine die nur wenig mit den Signalen zu tun zu haben, die man vom Schweizer Arbeitsmarkt, den Finanzmärkten oder der offiziellen BIP-Statistik erhalte.
So heiße es bei der SNB, dass der "Franken hoch bewertet" sei, die Lage auf den Devisenmärkten mit Verweis auf die politische Unsicherheit in Italien "fragil" sei und die "Attraktivität von Franken Anlagen tief" gehalten würde. Es könne sein, dass der Franken hoch bewertet sei - seine hohe Kaufkraft im Ausland spreche durchaus dafür, unattraktiv seien Franken Anlagen dennoch nicht gewesen. Seit Jahresbeginn habe der Franken gegenüber den meisten Währungen aufgewertet, gegenüber dem Euro allein um rund 4%, während Schweizer Midcaps die großen europäischen Aktienindices geschlagen hätten. Gleichzeitig habe sich der Franken in den letzten Tagen, als die Zinsaufschläge für italienische Anleihen wieder massiv gesunken seien, überhaupt nicht verändert. Dies signalisiere, dass die letzte Frankenstärke vielleicht eher die Stärke der Schweizer Wirtschaft reflektiere.
So habe das SECO letzte Woche berichtet, dass die Wirtschaft nun "zum fünften Quartal in Folge überdurchschnittlich" expandiert sei, wozu vor allem das Verarbeitende Gewerbe mit einem seit dem Frühjahr 2017 bemerkenswerten Aufschwung beigetragen habe. Die Warenexporte seien dementsprechend gewachsen. Wie vertrage sich das mit der Einschätzung der Nationalbank, dass der Franken hoch bewertet sei und die Bereitschaft zu Devisenmarktinterventionen nötig bliebe?
Die hohe Bewertung des Franken stehe zumindest einer florierenden Exporttätigkeit nicht im Wege nach dem vom SECO veröffentlichten BIP-Wachstum von immerhin 3,4% gegenüber Vorjahresquartal. Sicherlich bei dem Vorjahresvergleich könnte man noch die unterschiedliche Anzahl an Arbeitstagen abziehen und dann blieben nur noch 3,2%. Oder man rechne den Effekt sportlicher Großereignisse wie der Fußball-Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele heraus, die zusammen einen Wachstumsbeitrag von noch einmal 0,4% gebracht hätten. Aber auch bei einem Wachstum von nur 2,8% lasse sich die Dynamik schlecht mit dem von der SNB in vierteljährlicher Regelmäßigkeit immer wieder betonten Abwärtsrisiken für ihr wirtschaftliches Hauptszenario vereinen; und dass obwohl die protektionistischen Tendenzen und politischen Spannungen, die sie anführe, doch wohl als eingetroffen gelten dürften.
Es stelle sich daher die Frage, was die SNB wohl mit Abwärtsrisiken meine. Möglich sei, dass das Hauptszenario der Nationalbank tatsächlich ihre durchschnittlich erwartete, unverzerrte Erwartung sei, ein Prognosekorridor (wie der von anderen Zentralbanken verwendete Fan-Chart) aber kein symmetrisches Bild zeigen würde. Wenn das über die Jahre so zuträfe, wäre es aber wohl verständlicher, dann auch solch einen Chart zu zeigen. Eine zweite Interpretation der Risikoeinschätzung der SNB wäre, dass sich das Risiko eher auf ihre eigenen geldpolitischen Möglichkeiten beziehe, die ihr im Risikofall effektiv zur Verfügung stünden. Diese mögen tatsächlich grösser sein, wenn Wachstum und Inflation nach oben überschießen würden. Die SNB könnte dann einfach die Zinsen deutlicher erhöhen und den Wechselkurs aufwerten lassen. Bei Deflation und stagnierendem Wachstum blieben ihr nur die aktuell angewandten Politikoptionen. Diese Interpretation würde für die Erhöhung des Inflationsziels sprechen, das ihr im Krisenfall einen größeren Zinssenkungsspielraum gäbe.
Schließlich bestehe noch die Möglichkeit, dass man vielleicht gar nicht zu viel in die Risikoeinschätzung der Nationalbank reininterpretieren sollte. Der Ökonomenzunft in Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der OECD, vielen nationalen Zentralbanken, Universitäten sowie Ökonomen im Privatsektor, sei vorgeworfen worden, dass sie die Große Finanzkrise nicht vorhergesehen und davor gewarnt hätten. Seitdem sei zu beobachten, dass die meisten Institutionen nun mögliche Risiken immer intensiv diskutieren würden. Vor der nächsten Krise nicht gewarnt zu haben, werde sich daher kaum ein Ökonom mehr vorwerfen lassen müssen. Und irgendwann werde auch sicherlich wieder eine Krise eintreffen. Ob permanentes Warnen davor, dann aber die notwendige Aufmerksamkeit gefunden habe, sei fraglich.
Zunächst einmal werde sich beim Quartalstreffen am 20. September zeigen, ob die Nationalbank angesichts der sehr positiven Wirtschaftsentwicklungen in ihrer Lageeinschätzung zu optimistischeren Formulierungen finde. Ihrer Glaubwürdigkeit würde das nicht schaden. (11.09.2018/alc/a/a)
Erschwert werde das Prognosegeschäft sicherlich dadurch, dass sich die Datenbasis durch Revisionen verändern könne, wie dies nun beim Schweizer Bruttoinlandsprodukt (BIP) geschehen sei, das nach neueren Rechnungen im letzten Jahr statt 1,1% plötzlich nun um 1,6% gestiegen sei. Auch die vorherigen beiden Jahre seien nach oben korrigiert worden. Dies sei ein Grund, weshalb sich Ökonomen niemals nur auf einzelne statistische Zeitreihen verlassen sollten, sondern immer auch auf eine Beurteilung der Gesamtsituation, die beispielsweise qualitative Konjunktursignale mit einbeziehe, die aus Unternehmensgesprächen resultieren würden. All dies tue die Schweizerischen Nationalbank (SNB). Lese man jedoch noch einmal ihre letzte Geldpolitische Lagebeurteilung, so scheine die nur wenig mit den Signalen zu tun zu haben, die man vom Schweizer Arbeitsmarkt, den Finanzmärkten oder der offiziellen BIP-Statistik erhalte.
So heiße es bei der SNB, dass der "Franken hoch bewertet" sei, die Lage auf den Devisenmärkten mit Verweis auf die politische Unsicherheit in Italien "fragil" sei und die "Attraktivität von Franken Anlagen tief" gehalten würde. Es könne sein, dass der Franken hoch bewertet sei - seine hohe Kaufkraft im Ausland spreche durchaus dafür, unattraktiv seien Franken Anlagen dennoch nicht gewesen. Seit Jahresbeginn habe der Franken gegenüber den meisten Währungen aufgewertet, gegenüber dem Euro allein um rund 4%, während Schweizer Midcaps die großen europäischen Aktienindices geschlagen hätten. Gleichzeitig habe sich der Franken in den letzten Tagen, als die Zinsaufschläge für italienische Anleihen wieder massiv gesunken seien, überhaupt nicht verändert. Dies signalisiere, dass die letzte Frankenstärke vielleicht eher die Stärke der Schweizer Wirtschaft reflektiere.
Die hohe Bewertung des Franken stehe zumindest einer florierenden Exporttätigkeit nicht im Wege nach dem vom SECO veröffentlichten BIP-Wachstum von immerhin 3,4% gegenüber Vorjahresquartal. Sicherlich bei dem Vorjahresvergleich könnte man noch die unterschiedliche Anzahl an Arbeitstagen abziehen und dann blieben nur noch 3,2%. Oder man rechne den Effekt sportlicher Großereignisse wie der Fußball-Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele heraus, die zusammen einen Wachstumsbeitrag von noch einmal 0,4% gebracht hätten. Aber auch bei einem Wachstum von nur 2,8% lasse sich die Dynamik schlecht mit dem von der SNB in vierteljährlicher Regelmäßigkeit immer wieder betonten Abwärtsrisiken für ihr wirtschaftliches Hauptszenario vereinen; und dass obwohl die protektionistischen Tendenzen und politischen Spannungen, die sie anführe, doch wohl als eingetroffen gelten dürften.
Es stelle sich daher die Frage, was die SNB wohl mit Abwärtsrisiken meine. Möglich sei, dass das Hauptszenario der Nationalbank tatsächlich ihre durchschnittlich erwartete, unverzerrte Erwartung sei, ein Prognosekorridor (wie der von anderen Zentralbanken verwendete Fan-Chart) aber kein symmetrisches Bild zeigen würde. Wenn das über die Jahre so zuträfe, wäre es aber wohl verständlicher, dann auch solch einen Chart zu zeigen. Eine zweite Interpretation der Risikoeinschätzung der SNB wäre, dass sich das Risiko eher auf ihre eigenen geldpolitischen Möglichkeiten beziehe, die ihr im Risikofall effektiv zur Verfügung stünden. Diese mögen tatsächlich grösser sein, wenn Wachstum und Inflation nach oben überschießen würden. Die SNB könnte dann einfach die Zinsen deutlicher erhöhen und den Wechselkurs aufwerten lassen. Bei Deflation und stagnierendem Wachstum blieben ihr nur die aktuell angewandten Politikoptionen. Diese Interpretation würde für die Erhöhung des Inflationsziels sprechen, das ihr im Krisenfall einen größeren Zinssenkungsspielraum gäbe.
Schließlich bestehe noch die Möglichkeit, dass man vielleicht gar nicht zu viel in die Risikoeinschätzung der Nationalbank reininterpretieren sollte. Der Ökonomenzunft in Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der OECD, vielen nationalen Zentralbanken, Universitäten sowie Ökonomen im Privatsektor, sei vorgeworfen worden, dass sie die Große Finanzkrise nicht vorhergesehen und davor gewarnt hätten. Seitdem sei zu beobachten, dass die meisten Institutionen nun mögliche Risiken immer intensiv diskutieren würden. Vor der nächsten Krise nicht gewarnt zu haben, werde sich daher kaum ein Ökonom mehr vorwerfen lassen müssen. Und irgendwann werde auch sicherlich wieder eine Krise eintreffen. Ob permanentes Warnen davor, dann aber die notwendige Aufmerksamkeit gefunden habe, sei fraglich.
Zunächst einmal werde sich beim Quartalstreffen am 20. September zeigen, ob die Nationalbank angesichts der sehr positiven Wirtschaftsentwicklungen in ihrer Lageeinschätzung zu optimistischeren Formulierungen finde. Ihrer Glaubwürdigkeit würde das nicht schaden. (11.09.2018/alc/a/a)


