Erweiterte Funktionen

Rohstoffhausse bei Emerging Markets-Corporates nicht eingepreist


24.03.22 12:56
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Russlands Invasion der Ukraine führt derzeit an den Anleihenmärkten in den Schwellenländern zu einem beschleunigten Verkaufsdruck, so Thomas Rutz, Head Emerging Market Corporate Bonds bei Fisch Asset Management in Zürich.

Bei Unternehmensanleihen würden die Experten dies nicht nur bei betroffenen Unternehmen, sondern weltweit und zunehmend auch wahllos sehen. Die jüngste Korrektur stelle bislang den Höhepunkt einer nun schon seit September anhaltenden Schwächephase dar. Nettoabflüsse von über USD 15 Mrd. aus der Anlageklasse der Unternehmensanleihen in Hartwährung würden die Anleihekurse zurückgehen und die Renditen entsprechend stetig steigen lassen. Der Hauptgrund für die Kursrückgänge der letzten Monate seien Ängste vor einer deutlich restriktiveren Geldpolitik der US-Notenbank FED und den Folgen des dadurch ausgelösten Zinsanstieges gewesen. Dazu sei eine stetige Ausweitung der Probleme im chinesischen Immobilien- und Technologiesektor gekommen.

Das schwierige Marktumfeld und die Flut negativer Nachrichten erfordere einerseits vorsichtiges Handeln. Gleichzeitig würden sich aber auch Opportunitäten für Investoren abzeichnen, die einen längerfristigen Anlagehorizont mitbringen würden. Denn nach Ansicht der Experten würden die Fundamentaldaten auf Unternehmensebene in vielen Fällen derartig substanzielle Neubewertungen nicht rechtfertigen. Besonders offensichtlich sei die Unterbewertung im Rohstoffsektor. Strukturelle Defizite (fehlende Investitionen über die letzten Jahre) sowie die neue geopolitische Realität hätten die Rohstoffpreise in die Höhe getrieben und zahlreiche Faktoren würden dafür sprechen, dass diese Rally bis auf weiteres bestehen bleibe.

Viele Schwellenländer seien Rohstoffexporteure. Insbesondere in vielen lateinamerikanischen Ländern würden Rohstoffe immer noch mehr als zwei Drittel des Exportvolumens ausmachen. In Kolumbien beispielsweise würden etwa 40 Prozent der Exporterlöse auf Erdöl entfallen. Trotz Reformprogrammen zur Wirtschaftsdiversifizierung basiere der Großteil des Wachstums immer noch auf diesen Rohstoffexporten. Höhere Preise würden der gesamten Wertschöpfungskette zugute kommen und die Experten würden daher erwarten, dass die Wirtschaftswachstumsprognosen für viele Exportländer nach oben angepasst würden. Die Entwicklung der Währungs- und Aktienmärkte nehme diese Einschätzung für Lateinamerika bereits vorweg.

Im starken Kontrast dazu habe der Risikoaufschlag bei Unternehmensanleihen aus dem High-Yield-Segment im Fall von Brasilien, Peru und Kolumbien seit Ausbruch des Ukrainekrieges um 50 bis 60 Basispunkte zugenommen. Teilweise lasse sich die fehlende Anlegernachfrage durch die Sorge vor einem Linksrutsch in diesen Ländern erklären. Linke Präsidentschaftskandidaten lägen im Wahlkampf in Kolumbien und in Brasilien vorne. Allerdings hätten die Beispiele von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko, oder der vergangenes Jahr in Peru gewählte Pedro Castillo gezeigt, dass die demokratischen Strukturen in diesen Ländern gut funktionieren würden und sich im Parlament nur eine stark gemäßigte Politik durchsetzen lasse. Eine gewisse politische Prämie dürfte noch länger eingepreist bleiben, aber ein völliges Ignorieren der Rohstoff-Preisanstiege würden die Experten als nicht nachvollziehbar und nur durch eine irrationale Stimmung erklärbar erachten.

Noch direkter würden Rohstoffproduzenten von den hohen Preisen profitieren. Die Experten würden für das laufende Jahr fast durchgehend stärkere Bilanzen dieser Unternehmen und damit einhergehend eine Reduzierung der Risikoprämie erwarten. Trotzdem würden die Credit Spreads hochverzinslicher Unternehmensanleihen in den Sektoren Öl & Gas sowie Metalle und Bergbau (ohne Russland und Ukraine) seit Mitte Februar etwa 100 Basispunkte weiter handeln (gemessen an den J.P. Morgan CEMBI Broad Diversified HY+ Oil & Gas sowie Metals & Mining Indices per Mitte März). Darin enthalten seien beispielsweise ein kolumbianischer Goldproduzent, dessen Rendite sich von sieben auf zehn Prozent ausgeweitet habe; oder ein brasilianisches Unternehmen, welches ein Ölexportterminal betreibe und dessen 10-jährige Anleihe über zehn Punkte gefallen sei. In beiden Fällen ist uns keine fundamentale Begründung bekannt, die diese Bewertung rechtfertigen würden, so die Experten von Fisch Asset Management.

Solange dieser Verkaufsdruck anhalte, werde es nach Meinung der Experten vermehrt entsprechende Kaufgelegenheiten geben, die langfristig orientierte Investoren selektiv und schrittweise nutzen könnten, um sich in den jeweiligen Schwellenländern-Segmenten in den vielversprechendsten Unternehmen zu positionieren. (24.03.2022/alc/a/a)