Erweiterte Funktionen
Rentenmarkt: Führt die jüngste Bewegung zu Unruhe?
12.03.21 12:00
ROBECO
Rotterdam (www.anleihencheck.de) - Die Notenbanken behalten den Anstieg der Anleiherenditen fest im Blick, während die Welt allmählich aus dem Lockdown erwacht, so das Multi-Asset-Team von ROBECO.
Stratege Peter van der Welle und sein Kollege Jeroen Blokland, Leiter des Multi-Asset-Teams, würden erwarten, dass sich die Aufwärtsbewegung der Anleiherenditen in den nächsten Monaten fortsetze, wenn auch möglicherweise mit geringerem Tempo.
Angeführt von US-Papieren seien die Renditen auf Staatsanleihen vor dem Hintergrund einer sich verstärkenden Erholung und dem Risiko einer Inflationszunahme rasant angestiegen: Die reale Rendite auf 30-jährige US-Treasuries liege zum ersten Mal seit Juni 2020 wieder im positiven Bereich, während sich die nominale Rendite auf 10-jährige US-Zinstitel seit Jahresbeginn um 50 Basispunkte erhöht habe.
Würden die Renditen auf Anleihen steigen, würden diese an Wert verlieren, was sie für Anleger weniger interessant mache. Für Regierungen werde es dann schwieriger, Anleihen zur Finanzierung ihrer Ausgaben zu verkaufen. Dies erhöhe das Risiko einer Intervention durch die Notenbanken, um die noch wacklige Erholung von der Pandemie zu schützen.
Nach Einschätzung der Experten werde sich die jüngste Aufwärtsbewegung der Anleiherenditen in den nächsten Monaten fortsetzen, wenn auch möglicherweise mit geringerem Tempo. In der Anfangsphase einer Konjunkturerholung würden Anleger am Rentenmarkt als Ausgleich für zunehmendes Wirtschaftswachstum üblicherweise höhere Renditen verlangen. Auch wenn die jetzige Erholung bisher ungleichmäßig verlaufe, würden sich im weltweiten Verarbeitenden Gewerbe fast überall grüne Triebe zeigen.
Hinzu komme: Auch Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor sollten zuversichtlicher werden, sobald die Volkswirtschaften allmählich aus dem Lockdown kommen würden. Da der Dienstleistungssektor in den Industrieländern am meisten zur Konjunktur beitrage, dürften positiv überraschende Daten aus diesem Wirtschaftszweig im Zuge des Wiederhochfahrens der Wirtschaft den Druck auf die realen Renditen aufrechterhalten.
Der Anstieg der realen Rendite auf die als Referenz dienende 10-jährige US-Staatsanleihe um 32 Basispunkte (BP) seit Jahresbeginn sei großenteils mit anhaltend positiven makroökonomischen Überraschungen zusammengefallen. Das habe sich 2013 ganz anders dargestellt: Damals seien die realen Renditen deutlich über die zugrunde liegenden makroökonomischen Überraschungen hinausgeschossen, nachdem die US-Notenbank FED eine Drosselung ihres Anleiheankaufprogramms angekündigt habe. Dies habe die realen Renditen von -75 BP im April 2013 auf +90 BP im September 2013 emporschnellen lassen - fünf Mal so stark wie es bisher im laufenden Jahr zu beobachten sei.
Dass sich die realen Renditen in letzter Zeit im Gleichklang mit makroökonomischen Überraschungen entwickelt hätten, scheine mehr durch das Wirtschaftswachstum bedingt zu sein als durch die Sorge vor einer Verschärfung der Geldpolitik. Die jüngsten Verkaufswellen im bauchigen Teil der Zinsstrukturkurve würden eine höhere Erwartung einer Verschärfung durch die FED ausdrücken, die aber bisher ziemlich moderat gewesen sei.
Dass die realen Renditen nicht über das hinausgehen würden, was angesichts der zugrunde liegenden Wachstumsdynamik zu erwarten wäre, sei für die Experten ein Hinweis, dass die Notenbanker die Kontrolle über die Zinsstrukturkurve nicht verloren hätten. Dies erkläre, warum sich FED-Chef Jerome Powell und andere Mitglieder seines Hauses mit Blick auf die in letzter Zeit steiler gewordene Zinsstrukturkurve bisher relativ tolerant zeigen würden. Vielleicht beruhige es die Notenbanker, dass sich die Veränderung der Kurve nicht wesentlich von der Entwicklung zu Beginn zurückliegender Konjunkturerholungen unterscheide.
Neben konjunkturellen Faktoren würden Anleger am US-Rentenmarkt einen zusätzlichen Ausgleich für Inflationsrisiken in einer Wirtschaft fordern, die in beispiellosem Ausmaß durch die Geld- und Finanzpolitik stimuliert werde. Die USA seien dabei, ein 1,9 Billionen US-Dollar schweres Hilfspaket auf den Weg zu bringen, während der US-Kongress über ein 10-jähriges Infrastrukturprogramm im Volumen von 1,3 Billionen US-Dollar berate.
Ökonomen würden intensiv darüber diskutieren, ob bereits durchgeführte und noch bevorstehende Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft zusammen mit der Freisetzung überschüssiger Haushaltsersparnisse die Produktionslücke in den USA bereits in diesem Jahr schließen könnten. Eine mögliche Folge wäre, dass sich die Wirtschaft überhitze.
Da mehrere Indices bereits auf Druck auf der Angebotsseite hinweisen würden, könnte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen, wenn Volkswirtschaften in den nächsten Monaten wieder hochgefahren würden. Unter diesen Rahmenbedingungen sei die Neueinschätzung von Inflationsrisiken wahrscheinlich noch nicht vorbei, auch wenn die erforderliche Inflationsrisikoprämie am Rentenmarkt bereits über ihren historischen Durchschnittswert hinausgeschossen sei.
Die Notenbanken würden die Entwicklung sehr genau beobachten, doch die FED habe bisher nichts gegen steigende Renditen unternommen. Obwohl der Rentenmarkt in Bewegung geraten sei, habe die US-Zentralbank bisher weder verbal noch durch konkrete Maßnahmen interveniert. Die Notenbanker hätten anscheinend kein Problem mit der aktuellen Kombination von Faktoren, die zu einer steiler werdenden Zinsstrukturkurve beitragen würden. Sie könnten weiter abwarten, solange die Erholung der Realwirtschaft durch die anhaltende Dynamik aufrechterhalten werde und es Fortschritte beim angestrebten Überschießen der Inflation gebe, um die während der letzten Expansionsphase um 0,5 Prozentpunkte unter dem Ziel liegende Kerninflationsrate auszugleichen.
Diese Zurückhaltung der FED stehe im Gegensatz zur Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) und der britischen Notenbank, die eine Intervention für den Fall angedeutet hätten, dass die Liquiditätslage am Markt und die Erholung durch den Renditeanstieg gefährdet würden.
Die Experten würden mit Blick auf den Rentenmarkt auch ein Szenario für möglich halten, in dem dieser in Bewegung und beunruhigt sei. Die für die Geldpolitik Verantwortlichen könnten zu der Überzeugung gelangen, dass die realen Renditen die Konjunkturerholung und die Liquiditätslage beeinträchtigen, und deshalb ihre Anleihekäufe ausweiten oder deren Ausweitung andeuten würden. Die EZB habe mit dem größten Nachdruck erklärt, dass eine steiler werdende Zinsstrukturkurve nicht erwünscht sei und einer solchen Entwicklung entgegengewirkt werden sollte. Einige EZB-Mitglieder hätten angedeutet, erforderlichenfalls das Volumen der Anleihekäufe zu erhöhen. Unter dem Strich würden die Experten erwarten, dass sich der jüngste Renditeanstieg noch etwas fortsetzen werde. (12.03.2021/alc/a/a)
Stratege Peter van der Welle und sein Kollege Jeroen Blokland, Leiter des Multi-Asset-Teams, würden erwarten, dass sich die Aufwärtsbewegung der Anleiherenditen in den nächsten Monaten fortsetze, wenn auch möglicherweise mit geringerem Tempo.
Angeführt von US-Papieren seien die Renditen auf Staatsanleihen vor dem Hintergrund einer sich verstärkenden Erholung und dem Risiko einer Inflationszunahme rasant angestiegen: Die reale Rendite auf 30-jährige US-Treasuries liege zum ersten Mal seit Juni 2020 wieder im positiven Bereich, während sich die nominale Rendite auf 10-jährige US-Zinstitel seit Jahresbeginn um 50 Basispunkte erhöht habe.
Würden die Renditen auf Anleihen steigen, würden diese an Wert verlieren, was sie für Anleger weniger interessant mache. Für Regierungen werde es dann schwieriger, Anleihen zur Finanzierung ihrer Ausgaben zu verkaufen. Dies erhöhe das Risiko einer Intervention durch die Notenbanken, um die noch wacklige Erholung von der Pandemie zu schützen.
Nach Einschätzung der Experten werde sich die jüngste Aufwärtsbewegung der Anleiherenditen in den nächsten Monaten fortsetzen, wenn auch möglicherweise mit geringerem Tempo. In der Anfangsphase einer Konjunkturerholung würden Anleger am Rentenmarkt als Ausgleich für zunehmendes Wirtschaftswachstum üblicherweise höhere Renditen verlangen. Auch wenn die jetzige Erholung bisher ungleichmäßig verlaufe, würden sich im weltweiten Verarbeitenden Gewerbe fast überall grüne Triebe zeigen.
Hinzu komme: Auch Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor sollten zuversichtlicher werden, sobald die Volkswirtschaften allmählich aus dem Lockdown kommen würden. Da der Dienstleistungssektor in den Industrieländern am meisten zur Konjunktur beitrage, dürften positiv überraschende Daten aus diesem Wirtschaftszweig im Zuge des Wiederhochfahrens der Wirtschaft den Druck auf die realen Renditen aufrechterhalten.
Der Anstieg der realen Rendite auf die als Referenz dienende 10-jährige US-Staatsanleihe um 32 Basispunkte (BP) seit Jahresbeginn sei großenteils mit anhaltend positiven makroökonomischen Überraschungen zusammengefallen. Das habe sich 2013 ganz anders dargestellt: Damals seien die realen Renditen deutlich über die zugrunde liegenden makroökonomischen Überraschungen hinausgeschossen, nachdem die US-Notenbank FED eine Drosselung ihres Anleiheankaufprogramms angekündigt habe. Dies habe die realen Renditen von -75 BP im April 2013 auf +90 BP im September 2013 emporschnellen lassen - fünf Mal so stark wie es bisher im laufenden Jahr zu beobachten sei.
Dass die realen Renditen nicht über das hinausgehen würden, was angesichts der zugrunde liegenden Wachstumsdynamik zu erwarten wäre, sei für die Experten ein Hinweis, dass die Notenbanker die Kontrolle über die Zinsstrukturkurve nicht verloren hätten. Dies erkläre, warum sich FED-Chef Jerome Powell und andere Mitglieder seines Hauses mit Blick auf die in letzter Zeit steiler gewordene Zinsstrukturkurve bisher relativ tolerant zeigen würden. Vielleicht beruhige es die Notenbanker, dass sich die Veränderung der Kurve nicht wesentlich von der Entwicklung zu Beginn zurückliegender Konjunkturerholungen unterscheide.
Neben konjunkturellen Faktoren würden Anleger am US-Rentenmarkt einen zusätzlichen Ausgleich für Inflationsrisiken in einer Wirtschaft fordern, die in beispiellosem Ausmaß durch die Geld- und Finanzpolitik stimuliert werde. Die USA seien dabei, ein 1,9 Billionen US-Dollar schweres Hilfspaket auf den Weg zu bringen, während der US-Kongress über ein 10-jähriges Infrastrukturprogramm im Volumen von 1,3 Billionen US-Dollar berate.
Ökonomen würden intensiv darüber diskutieren, ob bereits durchgeführte und noch bevorstehende Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft zusammen mit der Freisetzung überschüssiger Haushaltsersparnisse die Produktionslücke in den USA bereits in diesem Jahr schließen könnten. Eine mögliche Folge wäre, dass sich die Wirtschaft überhitze.
Da mehrere Indices bereits auf Druck auf der Angebotsseite hinweisen würden, könnte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen, wenn Volkswirtschaften in den nächsten Monaten wieder hochgefahren würden. Unter diesen Rahmenbedingungen sei die Neueinschätzung von Inflationsrisiken wahrscheinlich noch nicht vorbei, auch wenn die erforderliche Inflationsrisikoprämie am Rentenmarkt bereits über ihren historischen Durchschnittswert hinausgeschossen sei.
Die Notenbanken würden die Entwicklung sehr genau beobachten, doch die FED habe bisher nichts gegen steigende Renditen unternommen. Obwohl der Rentenmarkt in Bewegung geraten sei, habe die US-Zentralbank bisher weder verbal noch durch konkrete Maßnahmen interveniert. Die Notenbanker hätten anscheinend kein Problem mit der aktuellen Kombination von Faktoren, die zu einer steiler werdenden Zinsstrukturkurve beitragen würden. Sie könnten weiter abwarten, solange die Erholung der Realwirtschaft durch die anhaltende Dynamik aufrechterhalten werde und es Fortschritte beim angestrebten Überschießen der Inflation gebe, um die während der letzten Expansionsphase um 0,5 Prozentpunkte unter dem Ziel liegende Kerninflationsrate auszugleichen.
Diese Zurückhaltung der FED stehe im Gegensatz zur Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) und der britischen Notenbank, die eine Intervention für den Fall angedeutet hätten, dass die Liquiditätslage am Markt und die Erholung durch den Renditeanstieg gefährdet würden.
Die Experten würden mit Blick auf den Rentenmarkt auch ein Szenario für möglich halten, in dem dieser in Bewegung und beunruhigt sei. Die für die Geldpolitik Verantwortlichen könnten zu der Überzeugung gelangen, dass die realen Renditen die Konjunkturerholung und die Liquiditätslage beeinträchtigen, und deshalb ihre Anleihekäufe ausweiten oder deren Ausweitung andeuten würden. Die EZB habe mit dem größten Nachdruck erklärt, dass eine steiler werdende Zinsstrukturkurve nicht erwünscht sei und einer solchen Entwicklung entgegengewirkt werden sollte. Einige EZB-Mitglieder hätten angedeutet, erforderlichenfalls das Volumen der Anleihekäufe zu erhöhen. Unter dem Strich würden die Experten erwarten, dass sich der jüngste Renditeanstieg noch etwas fortsetzen werde. (12.03.2021/alc/a/a)


