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Rentenmärkte: Zinswende im Juni in den USA unwahrscheinlich


19.04.24 11:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen haben sich in den letzten Tagen per saldo kaum verändert, obwohl es zwischenzeitlich sehr volatil zuging, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen der USA hätten ein Fünf - Monatshoch von 4,65% erreicht und lägen nun bei 4,58%. Auch die Rendite der zehnjährigen Bunds sei weitgehend stabil geblieben und liege derzeit bei 2,44%, nachdem sie zwischenzeitlich ebenfalls ein Fünf-Monatshoch von 2,50% erreicht habe. Trotz dieser Ähnlichkeiten in der Renditeentwicklung würden die geldpolitischen Aussichten der beiden Wirtschaftsräume unterschiedliche Realitäten widerspiegeln. Während die FED die USA in einer robusten wirtschaftlichen Verfassung sehe und sich aufgrund der hartnäckig niedrigen Inflation vor Herausforderungen bei der Zinswende sehe, stehe die EZB vor einem anderen Szenario.

In Europa deute sich eine wirtschaftliche Erholung an, begleitet von sinkenden Zinsen und einer Annäherung an das Inflationsziel. Daher werde eine Zinswende in Europa voraussichtlich im Juni erwartet, während die FED möglicherweise erst im Juli mit Zinssenkungen beginne. HCOB Economics prognostiziere zwei Zinssenkungen der EZB ab Juni und drei Zinssenkungen der FED ab Juli, wobei die Schritte der FED eher als maximal mögliche angesehen werden sollten.

Die Einzelhandelsumsätze in den USA hätten im März positiv überrascht, indem sie um 0,7% gegenüber dem Vormonat gestiegen seien, deutlich über den Prognosen von 0,3%. Besonders beeindruckend sei die Beschleunigung der Online-Umsätze um 2,7% gewesen, was auf eine anhaltende Robustheit der Verbraucherausgaben hindeute, trotz höherer Inflation und Kreditkosten.

Gleichzeitig habe auch die Industrie ihre Erholung begonnen, mit einem Anstieg von 0,4%, unterstützt durch die Sparte Kraftfahrzeuge und -teile (3,1%). Interessanterweise seien die Märkte kaum von den geopolitischen Spannungen im Nahen Osten beeinflusst worden, was sich in einer gedämpften Reaktion der Rohölpreise auf die iranischen Angriffe auf Israel gezeigt habe. Der Preis für Brent-Rohöl sei seit dem Angriff von 89 USD/Barrel auf aktuell 86 USD/Barrel gefallen.

In der EU bleibe die wirtschaftliche Lage weiterhin herausfordernd. Der Internationale Währungsfonds (IWF) habe in seiner jüngsten April-Prognose einen skeptischen Blick auf die Wachstumsdynamik in der Eurozone geworfen. Zwar sei die BIP-Wachstumsprognose für die Eurozone auf moderate 0,8% leicht (-0,1%) nach unten korrigiert worden. Etwas deutlichere Korrekturen habe es bei den Wirtschaftsmotoren der Eurozone gegeben: Deutschland (0,2%) und Frankreich (0,7%) jeweils um -0,3%. Positiv sei hingegen, dass in 2025 die Eurozone als Ganze um 1,5%, Deutschland um 1,3% und Frankreich um 1,4% wachsen sollten. Aber auch hier seien im Vergleich zur Prognose zum Jahresbeginn Korrekturen nach unten vorgenommen worden.

Bessere Nachrichten seien jedoch von der Industrieproduktion im Euroraum gekommen, die sich im Februar 2024 um 0,8% gegenüber dem Vormonat erholt und damit teilweise den Rückgang im Januar ausgeglichen habe. Der Handelsbilanzüberschuss der Eurozone habe sich im Februar 2024 deutlich auf 23,6 Mrd. EUR ausgeweitet und damit auf den höchsten Wert seit Dezember 2020, gegenüber 3,6 Mrd. EUR im Vorjahreszeitraum.

Die Federal Reserve habe bereits letztes Jahr im Dezember drei Zinssenkungen angedeutet, was die Finanzmärkte dazu veranlasst habe, den März als Zeitpunkt für die Zinswende im Blick zu behalten. Doch gemäß den aktuellen Aussagen der FED-Mitglieder sei nicht einmal mehr der Juni-Termin sicher.

Dies gehe aus den Protokollen der geldpolitischen Sitzung vom März hervor, in denen auf enttäuschende Inflationsdaten hingewiesen worden sei. FED-Chef Jerome Powell habe schließlich bestätigt, dass angesichts der Stärke des Arbeitsmarktes und der bisherigen Fortschritte bei der Inflation eine restriktive Geldpolitik weiterhin angemessen sei. Im Gegensatz dazu würden die Zinssenkungspläne der Europäischen Zentralbank (EZB) weiterhin realistisch bleiben. Präsidentin Christine Lagarde habe bestätigt, dass die EZB bald die Zinsen senken werde, und Ratsmitglied François Villeroy de Galhau habe deutlich gemacht, dass eine Zinssenkung im Juni sehr wahrscheinlich sei, da die EZB zunehmend zuversichtlich sei, den Kampf gegen die Inflation zu gewinnen.

Vor dem FOMC-Meeting der FED am 1. Mai stünden in der kommenden Woche wichtige Datenveröffentlichungen an. Zunächst würden am 23. April die Erstschätzungen der PMI-Einkaufsmanagerindices von S&P Global veröffentlicht, um einen Überblick über die Konjunktur der US-Wirtschaft im April, zu Beginn des zweiten Quartals, zu geben. Am 25. April würden außerdem die BIP-Zahlen des ersten Quartals veröffentlicht, mit einem vom HCOB Nowcast prognostizierten Wachstum von 1,6% annualisiert.

In Europa stünden für den April eher Konjunkturindikatoren an. Darunter würden die Erstschätzungen der HCOB PMI-Einkaufsmanagerindices am 23. April fallen, um zu zeigen, ob sich das Verarbeitende Gewerbe weiterhin auf einem Erholungskurs befinde, sowie der ifo Geschäftsklimaindex am 24. April, um spezifischere Einblicke in die Gesundheit der deutschen Wirtschaft zu geben. (Ausgabe vom 18.04.2024) (19.04.2024/alc/a/a)