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Rentenmärkte: US-Wirtschaft - Tempobremse, aber keine Rezession in Sicht


22.12.23 08:40
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen deutscher und US-amerikanischer zehnjähriger Staatsanleihen setzen ihre Abwärtsbewegung fort, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Aktuell stünden die Renditen der Bunds bei 1,96% und der T-Notes bei 3,87%. Investoren würden antizipieren, dass die EZB und die FED aufgrund der sich verschlechternden konjunkturellen Lage sowie einer abflauenden Inflation im Jahr 2024 früher und aggressiver als bisher angekündigt die Zinssätze senken würden. Die kürzlich veröffentlichten Daten in Europa würden größtenteils diese Annahme unterstützen. Sowohl die Schnellschätzung der HCOB PMIs für die Eurozone als auch der Ifo-Geschäftsklimaindex würden ein düsteres Bild der wirtschaftlichen Lage zeichnen. Einzig die ansteigenden Arbeitskosten in der Eurozone und der jüngste Anstieg der Ölpreise würden Fragen aufwerfen bezüglich der vorherrschenden Erwartung einer anhaltenden Inflationsverlangsamung.

In den USA würden Konjunkturindikatoren eher auf eine Verlangsamung als auf eine Rezession hindeuten. Arbeitslosenunterstützungsanträge seien gesunken, und Einzelhandelsdaten sowie Industrieproduktion würden eine leicht positive, wenn auch schwache Performance zeigen, die leicht über den Erwartungen liege. Die Märkte würden davon ausgehen, dass die FED bereits im März und die EZB im April erste Zinssenkungen vornehmen würden, mit insgesamt 150 Basispunkten Senkungen im nächsten Jahr. Die Analysten würden den geldpolitischen Ausblick der Märkte für zu dovish halten. Angesichts des höher als von den Märkten antizipierten Inflationsdrucks im kommenden Jahr würden die Analysten davon ausgehen, dass die Zentralbanken in Europa und den USA ihre Zinssenkungen jeweils später und in einem moderateren Umfang vornehmen würden.

Die wirtschaftliche Lage in Europa bleibe weiterhin herausfordernd, ohne Anzeichen einer nahenden Erholung. Dies sei besonders durch die Schnellschätzung der HCOB PMIs für die Eurozone verdeutlicht worden. Im Dezember sei der zusammengesetzte PMI, der verschiedene Branchen abdecke, um 0,6 Punkte auf 47,0 Zähler gefallen und habe damit unter den erwarteten 48,0 Punkten gelegen. Deutschland, als wichtigste Wirtschaft der Eurozone, habe ebenfalls keine positiven Entwicklungen verzeichnet. Der ifo Geschäftsklimaindex sei im Dezember auf 86,4 Punkte gesunken (November revidiert: 87,2 Punkte). Dabei sei der Index der Lagebeurteilung auf 88,5 Punkte (Vormonat: 89,4) zurückgegangen, während der Index der Geschäftserwartungen auf 84,3 Punkte (Vormonat: 85,1) gesunken sei. Ein erwarteter Anstieg auf 85,6 Punkte sei ausgeblieben.

Besonders besorgniserregend für Anleger dürfte die Veröffentlichung der Arbeitskosten im Euroraum gewesen sein. Im Jahresvergleich seien diese im dritten Quartal 2023 um 5,3% gestiegen, nach 4,5% im vorangegangenen Dreimonatszeitraum. Diese Kostensteigerungen seien vor allem durch Lohnerhöhungen in den Bereichen Verwaltung, Energieversorgung und Verkehr & Logistik angetrieben worden. Neben plötzlichen Preissteigerungen aufgrund geopolitischer Schocks seien steigende Löhne eine der Hauptbedenken der EZB hinsichtlich der Inflationsentwicklung im Jahr 2024.

Die US-Wirtschaft verzeichne zwar eine langsame Abschwächung, jedoch sei von einer unmittelbar bevorstehenden Rezession noch keine Rede. Der Arbeitsmarkt sende weiterhin robuste Signale, wie die Zahl der Amerikaner, die in der Woche zum 9. Dezember Arbeitslosenunterstützung beantragt hätten, zeige. Mit einem Rückgang um 19.000 auf 202.000 liege diese Zahl deutlich unter den Markterwartungen von 220.000 und markiere den niedrigsten Stand an neuen Anträgen seit zwei Monaten. Weitere Datenpunkte würden einen schwächeren, aber keineswegs negativen Eindruck vermitteln.

Im November seien die US-Einzelhandelsumsätze überraschend um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vormonat gestiegen, nach einem Rückgang um 0,2 Prozent im Oktober. Dies habe die Marktprognosen eines erwarteten Rückgangs um 0,1 Prozent übertroffen und deute auf einen robusten Start der Weihnachtseinkaufssaison hin, was die Stärke der US-Verbraucher unterstreiche. Auch die Industrieproduktion in den USA sei im November um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat angestiegen, obwohl Analysten nach einem Rückgang von 0,9 Prozent im Oktober mehrheitlich einen Anstieg um 0,3 Prozent erwartet hätten.

Obwohl die aktuellen Konjunkturdaten in den USA eigentlich länger anhaltend höhere Zinsen rechtfertigen würden, habe die Federal Reserve im Dezember-Meeting durch die Projektion von drei aufeinanderfolgenden Zinssenkungen à 25 Basispunkte die geldpolitische Diskussion selbst verschärft. Die Märkte würden nun davon ausgehen, dass die ersten Zinssenkungen bereits im März 2024 erfolgen könnten. Einige FED-Mitglieder würden versuchen, dem dovishen Sentiment der Anleger entgegenzuwirken. John Williams, Präsident der New Yorker FED, habe sogar betont, dass bei der FED derzeit nicht einmal über Zinssenkungen gesprochen werde.

Der Präsident der Atlanta FED habe zwar in einer Rede zwei erwartete Zinsschritte im nächsten Jahr erwähnt, sei jedoch davon ausgegangen, dass diese erst in der zweiten Hälfte des Jahres erfolgen würden. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) würden die Märkte davon ausgehen, dass die erste Zinssenkung im April 2024 erfolgen könnte, da nicht erwartet werde, dass die EZB tatenlos den möglichen wirtschaftlichen Einbruch (den die Analysten nicht erwarten würden) in der Eurozone beobachten würde.

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, habe zur Geduld gemahnt und betont, dass die EZB in Bezug auf die Inflation weiterhin wachsam sein müsse. In Frankfurt scheine man ein erneutes Aufflammen der Inflation für möglich zu halten, weshalb die Analysten für 2024 lediglich von nur von zwei Zinssenkungen ausgehen würden. In den USA würden die Analysten eine ähnliche Einschätzung wie der Präsident der Atlanta FED teilen und davon ausgehen, dass zwei Zinssenkungen im zweiten Halbjahr 2024 realistisch sein könnten.

Datenseitig werde es in Deutschland erst nach dem Jahreswechsel wieder spannend. Die Inflationszahlen für Dezember (4.1.) würden erwartet, und aufgrund von Basiseffekten (Einmalzahlungen im Bereich Energie) prognostiziere das Nowcast-Modell der Analysten einen Anstieg der Inflation von 3,2% im November auf 3,9% im Dezember. Zusätzlich würden am 4.1. finale HCOB PMI-Daten für den Dezember für die Eurozone veröffentlicht. Ein weiterer Fokus liege auf den Einzelhandelsdaten.

In den USA werde es noch vor dem Jahreswechsel datenseitig interessant. Die PCE-Preisindex-Zahlen (22.12.) für Dezember würden erwartet. Die Nowcast-Prognose der Analysten deute auf einen Rückgang der PCE-Inflation auf 2,9% hin, basierend auf vorherigen CPI- und PPI-Daten. Der Markt gehe ebenfalls von 2,9% aus. Dies dürfte den FED-Mitgliedern eine wichtige Einschätzung darüber ermöglichen, ob ihre Signale bezüglich Zinssenkungen für das kommende Jahr angemessen seien. (Ausgabe vom 21.12.2023) (22.12.2023/alc/a/a)