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Rentenmärkte: Keine Eile, die Zinsen zu senken


05.04.24 09:27
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den letzten Tagen verzeichneten die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen der USA und Deutschlands eine Rally, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Rendite der T-Notes liege aktuell bei 4,36% (+ 14 Basispunkte seit dem 28. März) und die der Bunds bei 2,38% (+ 6,5 Basispunkte seit dem 28. März). Trotz einer gemächlichen Annäherung an das FED-Inflationsziel von 2% bleibe die US-Wirtschaft robust, wie aktuelle PCE-Daten zeigen würden. Die Einzelhandelsumsätze, die US-Fabrikaktivität gemäß ISM und die Arbeitsmarktdaten hätten den Druck auf die FED, zügig Zinssenkungen vorzunehmen, etwas gemindert. Lediglich der ISM-Indexwert für US-Dienstleistungen habe das Bild etwas getrübt und die langfristigen Renditen zuletzt leicht sinken lassen.

Auch in der EU bleibe der Arbeitsmarkt trotz widriger wirtschaftlicher Bedingungen robust. Die Angst vor einem erneuten Wiederaufflammen der Inflation sei begrenzt angesichts niedriger als erwarteter Inflationsdaten in der Eurozone und einer schwachen Konjunktur, insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe und im Baugewerbe. Daher sei es unwahrscheinlich, dass die EZB auf die erste Zinssenkung im Juni verzichten werde.

Die Finanzmärkte würden für einen Juni-Zinsschritt aktuell eine Wahrscheinlichkeit von fast 90% sehen, wie auch von HCOB Economics prognostiziert. Bei der FED scheine der Juni-Termin für die erste Zinssenkung allerdings ins Wanken zu geraten, da die Finanzmärkte nur noch eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50% statt der knapp 60% in der Vorwoche sehen würden. Die FED-Mitglieder würden in ihren Äußerungen aber weiterhin Gelassenheit vermitteln, was sich auf die Märkte auswirke. Dennoch bleibe HCOB Economics bei seiner Einschätzung eines Zinsschritts im Juni.

Die US-Wirtschaft bleibe stabil, was sowohl Marktteilnehmer als auch die FED davon überzeugen dürfte, nicht überstürzt Zinssenkungen vorzunehmen. Die Inflation steige nur noch behutsam und ziele mittelfristig auf ein Niveau in Richtung des 2-%-Ziels ab, mit möglichen kurzfristigen Schwankungen. Der Preisindex für persönliche Konsumausgaben (PCE) in den USA sei im Februar 2024 um 0,3% gegenüber dem Vormonat gestiegen, was unterhalb der Prognosen gelegen habe und auch niedriger als der Anstieg im Januar. Starke Einzelhandelsdaten im Februar und die ISM-Fabrikaktivität im März hätten überzeugt. Erste Arbeitsmarktdaten für den März würden die Stärke des Arbeitsmarktes unterstreichen, wobei die Zahl der offenen Stellen und der ADP-Bericht beide positiv ausgefallen seien. Allerdings habe der ISM-Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor im März enttäuscht, der das schwächste Wachstum seit drei Monaten signalisiert habe.

Die Eurozonen-Wirtschaft zeige sich in einer heterogenen Verfassung: Schwäche im Bausektor und im Verarbeitenden Gewerbe würden belasten, während der Arbeitsmarkt überraschend stark bleibe. Im Februar 2024 habe die Arbeitslosenquote im Euroraum auf einem Rekordtief von 6,5% gelegen, was den Marktprognosen entsprochen habe. In Bezug auf die Inflation bewege sich die Eurozone auf einem stabilen Pfad zum Zielwert. Die Verbraucherpreisinflationsrate im Euroraum habe im März 2024 ihren Abschwächungstrend fortgesetzt und sei im Jahresvergleich auf 2,4% gesunken; damit habe die Inflation das niedrigste Niveau seit Juli 2021 erreicht. Zugleich sei diese besser als die Markterwartungen von 2,6% ausgefallen.

Die Kernrate ohne Berücksichtigung der volatilen Lebensmittel- und Energiepreisentwicklung habe sich ebenfalls auf 2,9% abgekühlt, den niedrigsten Stand seit Februar 2022 und habe unter den Prognosen von 3,0% gelegen. Interessant sei die unterschiedliche Entwicklung der Inflation in den vier größten Volkswirtschaften der Eurozone: Während die beiden größten Volkswirtschaften der Eurozone, Deutschland und Frankreich die Erwartungen nicht erfüllt hätten (Deutschland: 2,2%, Frankreich: 2,3%), hätten die dritt- und viertgrößte Volkswirtschaft Italien (1,3%) respektive Spanien (3,2%) die Erwartungen getroffen.

Die FED sehe sich in einer komfortablen Position, den Zeitpunkt der ersten Zinssenkung nach hinten zu verschieben, angesichts der anhaltenden Ängste, dass die Inflation in den USA wieder aufflammen könnte. Sowohl FED-Direktoriumsmitglied Christopher Waller als auch FED-Chef Jerome Powell hätten jüngst betont, dass derzeit keine Eile für Zinssenkungen bestehe. Die neuen Inflationsdaten entsprächen eher den Erwartungen, aber Powell habe insbesondere betont, dass eine Senkung erst angebracht sei, wenn die Inflation sich stabil in Richtung des Ziels von zwei Prozent bewege.

Die Finanzmärkte hätten ihre Erwartungen entsprechend angepasst und würden nun weniger FED-Zinssenkungen bis zum Jahresende als zuvor erwarten. In der Eurozone versuche man auf Seiten der EZB ebenfalls, Gelassenheit zu zeigen, aber die Märkte würden weniger darauf reagieren. Selbst EZB-Ratsmitglieder wie der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann würden aktuell keine grundsätzlichen Einwände mehr gegen eine Lockerung der Geldpolitik im Juni äußern. Dennoch seien die Märkte unsicher, ob es in diesem Jahr noch mehr als zwei Zinssenkungen geben werde. Die Prognose von HCOB Economics sehe - neben drei Zinssenkungen für die FED - für die EZB unverändert lediglich zwei vor.

Datenseitig würden sich die Blicke in den USA besonders auf den US-Arbeitsmarktbericht für den März am 5. April richten, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob der robuste Arbeitsmarkt tatsächlich eine Abschwächung erfahre. Ebenso werde die Veröffentlichung der Inflationsdaten für den März am 10. April interessant sein, wobei das HCOB Nowcast der Analysten einen Anstieg auf 3,4% erwarte, hauptsächlich aufgrund einer steigenden Energiepreisinflation (+3,5% im Monatsvergleich). Im April werde dann ein marginaler Rückgang der Gesamtinflation auf 3,3% erwartet. Die Protokolle der März-Sitzung der FED könnten am 10. April ebenfalls für Bewegungen an den Märkten sorgen, da Beobachter genau darauf achten würden, wie sich das Sentiment der Entscheidungsträger bezüglich einer Zinssenkung im Juni während der März-Sitzung offenbart habe.

In Deutschland werde die Veröffentlichung der Industrieproduktion für Februar am 8. April mit Spannung erwartet. Als einer der wichtigsten deutschen Konjunkturindikatoren könnte sie Hinweise auf eine mögliche Verlängerung der Rezession im ersten Quartal 2024 liefern. Die bisherigen Daten würden darauf hindeuten, dass das BIP um 0,3% (laut HCOB Nowcast) gesunken sein dürfte, insbesondere aufgrund der schwachen Industrieproduktion im Januar, LKW-Mautindex (+1,5% im Februar) und die enttäuschenden HCOB PMIs. Ebenfalls am 8. April würden die Außenhandelszahlen für Februar erwartet, die zeigen könnten, ob Deutschland von einer möglichen Erholung des Welthandels profitiere oder weiterhin der Wachstumsentwicklung anderer Volkswirtschaften hinterherhinke. (Ausgabe vom 04.04.2024) (05.04.2024/alc/a/a)