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Renten: Zurück in den "sicheren Hafen"?


19.06.15 16:58
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Natürlich sind aktuell alle Blicke auf die Verhandlungen über Griechenlands Zukunft gerichtet, so die Analysten der Weberbank.

Bevor sich die Analysten allerdings mit diesem Thema intensiver beschäftigen würden, lohne es sich, einige Worte zur globalen Konjunkturentwicklung zu verlieren. Nachdem das erste Quartal in den USA durch Sondereffekte belastet worden sei, seien die zuletzt veröffentlichten Daten überraschend positiv. Der Arbeitsmarkt habe nach einer kurzen Delle zu alter Stärke zurückfinden können, die Konsumfreude nehme dementsprechend zu, und selbst der stagnierende Immobilienmarkt knüpfe langsam wieder an den vergangenen Wachstumspfad an. US-Notenbankchefin Yellen habe daraufhin in dieser Woche zwei Zinsschritte noch in diesem Jahr angedeutet, wobei sie im Hinblick auf Griechenland warnende Worte gewählt habe.

Tatsächlich komme die Schuldenproblematik Griechenlands zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt für die globale Wirtschaftsentwicklung. Denn nicht nur die US-Volkswirtschaft gewinne an Stärke, sondern auch die europäische. Auch diesseits des Atlantiks zeige sich der Konsument von seiner besten Seite, und Stimmungsindikatoren würden sich unverändert auf hohen Niveaus halten. Besonders die ehemaligen "Problemkinder", wie z.B. Irland, Portugal oder Spanien, würden nun schon seit einigen Quartalen die höchste Wachstumsdynamik innerhalb des Währungsraums zeigen. Wenn da nicht die anhaltende Verunsicherung aus Griechenland wäre!

Die Analysten müssten eingestehen, dass es zunehmend schwerer werde, die Verhandlungslage zwischen Griechenland und den Gläubigern objektiv einzuschätzen. Zudem werde es kaum mehr möglich, einen direkten Zeitrahmen abzustecken, da Ultimaten folgenlos verstreichen und Verhandlungsfortschritte ausbleiben würden. Somit könnten die Analysten eine weitere Eskalation der Lage, z.B. Kapitalverkehrskontrollen analog zu Zypern, nicht mehr ausschließen. Das frustrierende an dieser Situation sei, dass Griechenland im vergangenen Jahr tatsächlich erste zarte Wachstumszeichen gezeigt habe. Nach 18 aufeinanderfolgenden negativen Quartalen habe die griechische Volkswirtschaft tatsächlich drei positive Quartale im Jahr 2014 verbuchen können.

Diese ersten Erfolge seien damals vom Kapitalmarkt honoriert worden, sodass Griechenland im April letzten Jahres erstmals seit 2010 wieder Anleihen am Markt habe platzieren können. Das Besondere sei dabei die überwältigende Nachfrage gewesen, denn die Anleihen seien siebenfach überzeichnet gewesen! Wahrscheinlich freue sich mittlerweile der ein oder andere, damals doch nicht zum Zuge gekommen zu sein.

In den vergangenen Tagen würden sich hingegen Bundesanleihen wieder einer verstärkten Nachfrage erfreuen. Nachdem es im April und Mai zu deutlichen Verkäufen gekommen sei, wirke aktuell wieder die "Flucht in den sicheren Hafen" der Bundesanleihen. Wenn man allerdings die von Tag zu Tag gestiegenen Sorgen über einen Zahlungsausfall und sogar Euro-Austritt berücksichtige, so seien die Kursgewinne der Bundesanleihen deutlich schwächer im Vergleich zu den Krisenjahren 2011 und 2012. Dies lasse sich wahrscheinlich am besten durch die überzogenen Erwartungen des Kapitalmarktes an das Anleihekaufprogramm der EZB erklären.

Während noch vor einigen Monaten über eine Aufstockung oder Verlängerung des Programms diskutiert worden sei, seien diese Spekulationen unter anderem wegen der positiven Wirtschaftsdaten nun verflogen, und somit würden aktuell zwei Kräfte von unterschiedlichen Seiten wirken: "Korrektur der Spekulationen" gegenüber "Flucht in den sicheren Hafen".

Ein weiteres Indiz dafür würden die Analysten am Devisenmarkt finden. Mit Blick auf die aktuelle Spekulation über ein Auseinanderbrechen der Eurozone sollte man eigentlich einen Abverkauf des Euros erwarten. Weit gefehlt! Tatsächlich habe der Euro gegenüber dem US-Dollar in den vergangenen Wochen überraschend an Stärke gewinnen können.

Neben der bereits angesprochenen "Korrektur der Spekulationen" wirke auf dieses Währungspaar natürlich auch der US-Zinsausblick. So hätten die US-Notenbanker im Laufe des Jahres sukzessive sowohl den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung nach hinten verschoben als auch die Dynamik der darauffolgenden Schritte reduziert. Die Kombination dieser Faktoren würden derzeit stärker auf den Euro als die Griechenland-Problematik wirken.

Am europäischen Aktienmarkt habe man in den vergangenen Wochen eine verstärkte Verunsicherung spüren können, wobei auch hier die Volatilität noch nicht die Niveaus aus 2011/2012 gesehen habe. Selbst wenn der Aktienmarkt kurzfristig durch Griechenland stärker unter Druck gerate, so würden die Analysten mittelfristig positiv gestimmt bleiben. Denn die europäischen Unternehmen würden weiterhin eine positive Gewinndynamik ausweisen, das Anleihekaufprogramm der EZB wirke zusätzlich stützend und die fundamentalen Bewertungskennzahlen seien unter dem langfristigen Durchschnitt. (19.06.2015/alc/a/a)