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Renten: US-Außenpolitik kann Märkte vorerst beruhigen


18.10.23 14:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Nach Spekulationen über eine Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas stieg die Marktnachfrage nach sicheren Vermögenswerten und die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen der USA und Deutschlands fielen deutlich, so Dr. Tariq Chaudhry, Analyst bei der Hamburg Commercial Bank.

Aktuell würden diese jedoch wieder auf Rekordniveaus steigen. Die außenpolitischen Maßnahmen der US-Regierung scheinen die Anleger beruhigt zu haben und vorerst hätten die Befürchtung eines größeren Konflikts im Nahen Osten nachgelassen, auch wenn jüngst der Raketeneinschlag in einem Krankenhaus in Gaza das Potenzial für einen erheblichen Risikoanstieg habe.

In den USA seien die Renditen auch von der starken Wirtschaftslage beeinflusst worden sowie den politischen Spannungen im Repräsentantenhaus und der Ankündigung der US-Notenbank, die Zinssätze länger auf erhöhtem Niveau zu halten ("higher for longer"). In Europa würden sich besonders in Deutschland positive Anzeichen zeigen, da sich die deutsche Wirtschaft nach jüngsten Umfragen inzwischen auf einem stabilen (Wachstums-)Kurs zu befinden scheine. Die Renditen für zehnjährige T-Notes lägen derzeit bei 4,85%, während die Renditen für deutsche Bundesanleihen bei 2,91% stünden.

Die zunehmende außenpolitische und militärische Präsenz der USA im Nahen Osten, mit Schiffs- und Flugzeugverlegungen sowie Besuchen von hochrangigen Regierungsvertretern, scheine die Spekulationen über eine Ausweitung des Israel-Hamas-Konflikts auf die gesamte Region etwas zu beruhigen. Besonders der anstehende Besuch von US-Präsident Biden scheine dabei eine stabilisierende Rolle zu spielen. Der jüngste Raketeneinschlag, dessen Hintergrund bisher ungeklärt sei, in einem Krankenhaus in Gaza und das daraufhin abgesagte Spitzentreffen in Jordanien zeige jedoch, wieviel Abwärtsrisiko in der aktuellen Lage noch enthalten sei.

Die Renditen hätten jüngst besonders auf die starke US-Wirtschaft reagiert, die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe sei im September doch unerwartet um 0,4% gegenüber dem Vormonat gestiegen, während Analysten nur eine Zunahme um 0,1% erwartet hätten. Dies sei eine positive Nachricht für einen Sektor, der lange deutlich gelitten habe. Außerdem hätten die US-Einzelhandelsdaten überrascht, da trotz immer noch erhöhter Inflation und hohem Zinsniveau der Einzelhandel im September um 0,7% gegenüber dem Vormonat zugelegt habe, während Marktbeobachter nur mit einem Anstieg um 0,4% gerechnet hätten.

Innenpolitisch bleibe die Lage in den USA allerdings sehr angespannt: Im US-Repräsentantenhaus gebe es - nach der Abwahl von Sprecher McCarthy - seit 16 Tagen keinen Nachfolger im Amt, was die Handlungsfähigkeit des Hauses stark beeinträchtige. Dies komme zu einer Zeit, in der von der Ukraine über Taiwan bis nach Israel in die US-Politik weltweit hohe Erwartungen gesetzt würden.

Nachdem der Abgeordnete Steve Scalise seine Kandidatur für den Sprecherposten zurückgezogen habe, habe der Hardliner Jim Jordan als aussichtsreichster Kandidat gegolten. Doch trotz fehlender ernsthafter Konkurrenz habe er nicht die erforderliche Mehrheit von 217 Stimmen auf sich vereinen können. Die Märkte seien angesichts dieser Situation verunsichert, und ein Ende der Hängepartie sei noch nicht absehbar.

In der europäischen Wirtschaft würden sich erste Anzeichen von Entspannung in einer bisher eher angespannten konjunkturellen Lage zeigen: Im September sei die Industrieproduktion in der Eurozone um 0,6%, leicht über den Erwartungen (+0,5%) gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Gesamtproduktion jedoch um 5,1% zurückgegangen, was höher sei als die erwarteten 3,5%. Besonders ermutigend seien die ZEW-Stimmungsindikatoren für die deutsche Wirtschaft: Der Index sei im Oktober 2023 um 10,3 Punkte auf -1,1 gestiegen und habe damit deutlich die Markterwartungen von -9,3 übertroffen. Dies sei der höchste Wert seit April 2023 und deute darauf hin, dass die größte Volkswirtschaft Europas wahrscheinlich ihren jüngsten Abschwung überwunden habe.

Die Zentralbanken in Washington und Frankfurt scheinen angesichts der unsicheren geopolitischen Lage auf Stabilität bei den Zinsen zu setzen. Das Ziel sei, die Zinsen vorerst konstant zu halten, um die Inflation in Richtung 2% zu steuern. Yannis Stournaras, der Notenbankchef Griechenlands, habe zur Vorsicht angemahnt und jüngst die Bedeutung datenabhängiger Entscheidungen angesichts der Ereignisse in Israel und Palästina betont. Ein führender US-Währungshüter habe der FED empfohlen, keine weiteren Zinserhöhungen zu erwägen, um keinen zusätzlichen Druck auf die Wirtschaft durch höhere Kreditkosten auszuüben. Vor diesem Hintergrund würden die Analysten festhalten, dass sowohl die EZB (26.10.) als auch die FED (31.10.) bei ihrem jeweiligen Oktober-Meeting die Zinsen voraussichtlich nicht erhöhen würden.

In Bezug auf Datenveröffentlichungen erwarte man in der Eurozone diverse PMIs (24.10.), die einen guten Einblick in die aktuelle Lage bieten sollten, auch wenn der jüngste Nahost-Konflikt nur teilweise in den Befragungszeitraum gefallen sei. Besonderes Augenmerk werde auf die Frage gerichtet sein, ob der positive Trend im Verarbeitenden Gewerbe weiterhin anhalte. In den USA würden die Statistiken zu den Anträgen auf Arbeitslosenunterstützung für die 40. Kalenderwoche veröffentlicht (19.10.), was sicherlich das Interesse der FOMC-Mitglieder der FED wecken dürfte. Ebenfalls stünden für die USA PMIs von S&P Global an. Es werde spannend zu beobachten sein, ob der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex im Oktober weiterhin über dem Schwellenwert von 50 liege, der den Wachstums- von dem Schrumpfungsbereich (unter 50) trenne. (18.10.2023/alc/a/a)