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Renten: Divergenz der Zinsentwicklung in den USA und Europa


23.01.17 10:27
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Interviews und Pressekonferenzen standen neben Twitter-Nachrichten in der letzten Woche hoch im Kurs, so die Analysten der Weberbank.

So habe man den twitternden Donald Trump nun sowohl bei seiner ersten offiziellen Pressekonferenz beobachten, als auch ein Interview mit den beiden europäischen Zeitungen "Bild" und "The Times" lesen können. Daneben habe die Erklärung von Theresa May zum Vorgehen Großbritanniens beim Austritt aus der Europäischen Union angestanden.

Aber der Reihenfolge nach: Viele Investoren und Analysten hätten sich von der Pressekonferenz des designierten US-Präsidenten etwas mehr Klarheit über seine zukünftige Politik erhofft. Doch am Ende sei die Pressekonferenz im Kontext der bisher eher schwierig zu verstehenden Kommunikation des neuen US-Präsidenten geblieben. Zu wenig Konkretes sei an den Märkten mit Ernüchterung aufgenommen worden, und so bleibe Trump für die meisten ein Buch mit sieben Siegeln.

Das könnte jedoch bewusste Taktik sein, denn schließlich sehe sich Trump selbst nach wie vor eher als "Dealmaker" denn als Politiker. Das bestätige er auch im erwähnten Zeitungsinterview: "Schauen Sie, ich bin kein Politiker, ich gehe nicht raus und sage: Ich werde dies tun, ich werde das tun. (…) Wer spielt Karten schon so, dass er jedem zeigt, was er auf der Hand hat, bevor er ausspielt?" Solche Aussagen würden natürlich die Marktteilnehmer enttäuschen, die mit Unsicherheit in der Regel schlecht umgehen könnten. Aber im Moment sieht es so aus, als dass wir uns alle an diesen Politikstil gewöhnen und damit arbeiten müssen, so die Analysten der Weberbank.

Als konkreter seien hingegen die Äußerungen der neuen britischen "eisernen Lady" Theresa May wahrgenommen worden. Danach deute sich nun doch ein recht "harter Brexit" an. Zumindest habe Frau May eine halbherzige Teillösung von der EU ausgeschlossen. Sie stehe für eine klare Trennung Großbritanniens vom Festland. Sie wolle den EU-Binnenmarkt verlassen, aber gleichzeitig ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU verhandeln. Dabei treffe sie auf Verhandlungspartner, deren Ziel es aus Abschreckungsgründen gegen weitere Austritte sein dürfte, ein solches Abkommen in jedem Fall schlechter auszugestalten, als es bei einer vollen EU-Mitgliedschaft der Fall wäre. Insofern stünden ihr wohl harte Verhandlungen bevor. Ganz überraschend sei ihr in den letzten Tagen Donald Trump zur Seite gesprungen, indem er angekündigt habe, er stünde für den Abschluss eines Handelsabkommens mit Großbritannien bereit.

Sowohl die Aktien- als auch die Rentenmärkte hätten mit diesen Informationen offensichtlich eher wenig anfangen können. Die Aktienmärkte seien per Saldo seitwärts getaumelt, und die Staatsanleihenrenditen hätten auf gestiegenem Niveau verharrt. Lediglich die Währungsmärkte hätten leichte Reaktionen gezeigt: So habe der US-Dollar noch während der Trump-Pressekonferenz leicht an Boden verloren, während das Britische Pfund bei Mays Ansprache gut 2% habe zulegen können. Insgesamt sei die letzte Woche aber ohne deutliche Marktbewegungen geblieben.

Perspektivisch stelle sich die Frage, inwiefern sich die kurzen Beine, die politische Börsen sprichwörtlich hätten, deutlich verlängern könnten. Dieses wäre in dem Moment denkbar, wenn politische Entscheidungen das fundamentale Umfeld wesentlich verändern würden. Steuersenkungen auf 10% bis 20% oder massive Infrastrukturprogramme von Trump bzw. der Verlust des so genannten EU-Passes für die Finanzunternehmen in Großbritannien wären deutliche Signale diesbezüglich.

Dabei wären diese Experimente eigentlich unnötig. Denn die Konjunktur entwickle sich sowohl in den USA als auch in Europa weiter in die richtige Richtung. So werde das annualisierte Wachstum des US-Bruttoinlandsproduktes fürs vierte Quartal solide über 2% erwartet, die Lohnerhöhungen in den USA seien so hoch ausgefallen wie zuletzt 2009 und die Einkaufsmanagerindices würden weiter ein sehr gutes Wachstumsumfeld signalisieren. In Europa habe sich die Industrieproduktion leicht verbessert, der Konsum stark und diverse Stimmungsindikatoren fast schon zu euphorisch gezeigt.

Die Aktienmärkte würden wohl auf der Suche nach einem klareren Bild bezüglich der Trump'schen Politik zunächst weiter abwartend reagieren. Selbst der euphorische Anstieg der Aktien kleinerer und mittlerer US-Unternehmen als mögliche Hauptprofiteure sei vorerst zu einem Halt gekommen.

Die Rentenmärkte müssten die zuletzt geänderten Rendite- und Inflationserwartungen erst einmal verdauen. Allerdings halten die Analysten der Weberbank nach wie vor eine nachhaltige Zinswende in Europa für unwahrscheinlich, da die EZB die Fortsetzung ihrer Kaufprogramme ja bereits bis Ende 2017 verkündet hat. Wahrscheinlicher sei eine solche hingegen in den USA. Hier habe sich sogar die Zentralbankpräsidentin Janet Yellen am Mittwochabend ungewohnt restriktiv geäußert, indem sie davor gewarnt habe, dass zu zögerliche Zinsanhebungen sich "bitter rächen" könnten. Somit sollte sich die Divergenz der Zinspolitik zwischen den USA und Europa fortsetzen, was dem US-Dollar weiteren Aufwertungsdruck bescheren dürfte. (Ausgabe vom 20.01.2017) (23.01.2017/alc/a/a)