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ROBECO Credit Outlook Q3/2024: Warum also ist die Nachfrage nach Credits weiterhin so groß?
18.07.24 08:45
ROBECO
Rotterdam (www.anleihencheck.de) - Das zweite Quartal 2024 schien für Investoren in Unternehmensanleihen, zumindest im Investment Grade-Bereich, zunächst als langweilig in die Geschichte einzugehen, so die Experten von ROBECO.
Das habe sich geändert, als der französische Präsident Macron unerwartet vorgezogene Parlamentswahlen ausgerufen habe. Joop Kohler, Head of Credits vom niederländischen Asset Manager ROBECO, erläutere in seinem Credit Outlook, wie er auf das 3. Quartal blicke.
- Die Credit-Spreads erscheinen im historischen Vergleich eng, aber die absoluten Renditen sind höher, so die Experten von ROBECO
- Das vom Marktkonsens erwartete konjunkturelle Basisszenario könnte die Extremrisiken unterschätzen
- Die technische Lage im Credit-Bereich sei zumindest vorläufig maßgeblich
Die Experten würden eine neutrale Positionierung im Bereich Investment Grade und in den Schwellenländern behalten. Dabei würden sie sich auf die Erzielung von Alpha durch die Emittentenauswahl konzentrieren. Im Hochzinssegment würden sie an ihrer Qualitätsorientierung festhalten. Daraus ergebe sich ein Portfolio-Beta von unter 1.
Die Konjunkturdaten in den USA würden weiterhin das Bild einer robusten Wirtschaft zeichnen. In der Tat hätten die meisten Kommentatoren die Ansicht aufgegeben, dass die Wirtschaft aufgrund der schärfsten Zinsanhebungen der letzten Jahre letztlich einbrechen oder abstürzen müsse. Der breite Marktkonsens gehe nach wie vor von einem Ideal-Szenario aus, das schwächeres Wachstum, eine Abkühlung der Inflation und die Aussicht auf baldige Zinssenkungen beinhalte. Sollte es dazu kommen, dürfte dies einen soliden fundamentalen Rückenwind für Anleiheninvestments bedeuten, sowohl im Hinblick auf Staatsanleihen als auch bei Credits.
In Europa stelle sich die Debatte differenzierter dar. Anfang Juni habe die Europäische Zentralbank die erste Zinssenkung vorgenommen, obwohl EZB-Präsidentin Lagarde betont habe, dass künftige Schritte datenabhängig erfolgen würden. Zwar hätten sich die Erwartungen für das Wirtschaftswachstum seit Jahresbeginn verbessert und das Verbrauchervertrauen sei erkennbar gestiegen. Dennoch würden die jüngsten politischen (und anhaltenden geopolitischen) Turbulenzen die Prognose der weiteren Entwicklungen zusätzlich erschweren.
Die Fundamentaldaten der Unternehmen erscheinen insgesamt solide, so die Experten von ROBECO. Im Investment Grade-Bereich habe die ausgeprägte langfristige Refinanzierung von Anleihen zu sehr niedrigen Zinsen nach der Corona-Krise viele Schuldner eindeutig vor steigenden Zinsen bewahrt. Der Verschuldungsgrad der Unternehmen sowohl im Investment Grade-Segment als auch im High-Yield-Bereich habe sich gegenüber den jüngsten Tiefstständen zwar etwas erhöht, scheine aber kaum Anlass zur Sorge zu geben.
Die Zinsdeckungsquoten seien ebenfalls zurückgegangen, würden sich aber immer noch auf einem gesunden Niveau befinden. Insgesamt würden die Margen und die Liquidität robust bleiben. Die Ausfallquoten bei Hochzinsanleihen hätten in den letzten Quartalen zwar zugenommen, würden aber relativ niedrig bleiben. Das Volumen der anstehenden Fälligkeiten bei Hochzinsanleihen scheine zumindest für den Rest dieses Jahres und das kommende Jahr überschaubar. Die gestiegenen Fremdkapitalkosten könnten sich für einige Schuldner als schmerzhaft erweisen, könnten aber auch einen starken Anreiz zum Abbau von Schulden darstellen.
Für die Experten als Credit-Investoren seien die Spreads der wichtigste Maßstab für die Evaluierung der Bewertungen am Markt. Ein Blick auf die Geschichte der letzten 20 Jahre zeige, dass die Spreads von Investment Grade-Anleihen aus den USA derzeit sehr knapp bemessen seien. Dies gelte insbesondere für Industrieanleihen, deren Spreads sich derzeit etwa im 4. Perzentil ihrer historischen Werte befinden würden. Im Euroraum erscheinen die Bewertungen im Vergleich dazu nicht ganz so hoch, so die Experten von ROBECO. Dort würden sich die Spreads in Bezug auf denselben Zeitraum um das 50. Perzentil herum bewegen. In beiden Fällen scheinen Anleihen von Emittenten aus dem Finanzsektor einen höheren relativen Wert als Nicht-Finanztitel zu bieten, so die Experten von ROBECO.
Ein ähnliches Bild ergebe sich bei Hochzinsanleihen. Der US-Markt erscheine im Vergleich zum Markt im Euroraum teuer. Allerdings falle es im Fall des Euro-Markts bei einem Spread-Niveau auf Höhe etwa des 23. Perzentils schwer, diesen Markt für sich genommen für attraktiv zu halten. Eine nennenswerte Ausnahme sei das Rating-Segment CCC, in dem sich die stärker unter Druck stehenden Emittenten befinden würden. Einen Großteil der dort bestehenden Spreads würden die Experten als "Phantomrenditen/-spreads" bezeichnen, da es unwahrscheinlich sei, dass sie realisiert würden.
Im letzten Quartal 2023 schienen die Teilnehmer an den Credit-Märkten sehr optimistisch, was erhebliche Zinssenkungen im Laufe des Jahres 2024 und darüber hinaus betrifft, so die Experten von ROBECO. Gleichzeitig hätten sich zeitweilige Befürchtungen einer Rezession gelegt. Der entscheidende Faktor im laufenden Jahr sei dagegen die Rücknahme dieser Erwartungen, sowohl was den Zeitpunkt als auch das Ausmaß der geldpolitischen Lockerung angehe.
Es möge merkwürdig erscheinen, dass sich die Creditspreads weiter eingeengt hätten, während die Wahrscheinlichkeit für längere Zeit höherer Zinsen gestiegen sei. Warum also sei die Credit-Nachfrage weiterhin so stark - trotz eingeengter Spreads und einem Überangebot an Anleihen?
Die Antwort liege nach Erachten der Experten in der Gesamtrendite, wobei die Spreads für viele Anleger von untergeordneter Bedeutung sein dürften.
Wie bereits ausführlich dargelegt, erscheinen die Credit-Spreads auf dem derzeitigen Niveau alles andere als günstig, so die Experten von ROBECO. Betrachte man jedoch die Gesamtrenditen, ergebe sich ein anderes Bild. Über die letzten zehn Jahre betrachtet, lägen die Renditen der meisten globalen Credits derzeit im größer als 80%-Perzentil ihrer historischen Werte.
Man müsse zwar die technischen Gegebenheiten am Markt verstehen und berücksichtigen, doch die Erfahrung zeige auch, dass sie sich sehr schnell ändern könnten. Ein unausgewogenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage könne dazu führen, dass die Spreads viel enger oder weiter sein könnten, als es die Fundamentaldaten nahelegen würden. Dieser Zustand könne über lange Zeiträume anhalten. (18.07.2024/alc/a/a)
Das habe sich geändert, als der französische Präsident Macron unerwartet vorgezogene Parlamentswahlen ausgerufen habe. Joop Kohler, Head of Credits vom niederländischen Asset Manager ROBECO, erläutere in seinem Credit Outlook, wie er auf das 3. Quartal blicke.
- Die Credit-Spreads erscheinen im historischen Vergleich eng, aber die absoluten Renditen sind höher, so die Experten von ROBECO
- Das vom Marktkonsens erwartete konjunkturelle Basisszenario könnte die Extremrisiken unterschätzen
- Die technische Lage im Credit-Bereich sei zumindest vorläufig maßgeblich
Die Experten würden eine neutrale Positionierung im Bereich Investment Grade und in den Schwellenländern behalten. Dabei würden sie sich auf die Erzielung von Alpha durch die Emittentenauswahl konzentrieren. Im Hochzinssegment würden sie an ihrer Qualitätsorientierung festhalten. Daraus ergebe sich ein Portfolio-Beta von unter 1.
Die Konjunkturdaten in den USA würden weiterhin das Bild einer robusten Wirtschaft zeichnen. In der Tat hätten die meisten Kommentatoren die Ansicht aufgegeben, dass die Wirtschaft aufgrund der schärfsten Zinsanhebungen der letzten Jahre letztlich einbrechen oder abstürzen müsse. Der breite Marktkonsens gehe nach wie vor von einem Ideal-Szenario aus, das schwächeres Wachstum, eine Abkühlung der Inflation und die Aussicht auf baldige Zinssenkungen beinhalte. Sollte es dazu kommen, dürfte dies einen soliden fundamentalen Rückenwind für Anleiheninvestments bedeuten, sowohl im Hinblick auf Staatsanleihen als auch bei Credits.
In Europa stelle sich die Debatte differenzierter dar. Anfang Juni habe die Europäische Zentralbank die erste Zinssenkung vorgenommen, obwohl EZB-Präsidentin Lagarde betont habe, dass künftige Schritte datenabhängig erfolgen würden. Zwar hätten sich die Erwartungen für das Wirtschaftswachstum seit Jahresbeginn verbessert und das Verbrauchervertrauen sei erkennbar gestiegen. Dennoch würden die jüngsten politischen (und anhaltenden geopolitischen) Turbulenzen die Prognose der weiteren Entwicklungen zusätzlich erschweren.
Die Fundamentaldaten der Unternehmen erscheinen insgesamt solide, so die Experten von ROBECO. Im Investment Grade-Bereich habe die ausgeprägte langfristige Refinanzierung von Anleihen zu sehr niedrigen Zinsen nach der Corona-Krise viele Schuldner eindeutig vor steigenden Zinsen bewahrt. Der Verschuldungsgrad der Unternehmen sowohl im Investment Grade-Segment als auch im High-Yield-Bereich habe sich gegenüber den jüngsten Tiefstständen zwar etwas erhöht, scheine aber kaum Anlass zur Sorge zu geben.
Für die Experten als Credit-Investoren seien die Spreads der wichtigste Maßstab für die Evaluierung der Bewertungen am Markt. Ein Blick auf die Geschichte der letzten 20 Jahre zeige, dass die Spreads von Investment Grade-Anleihen aus den USA derzeit sehr knapp bemessen seien. Dies gelte insbesondere für Industrieanleihen, deren Spreads sich derzeit etwa im 4. Perzentil ihrer historischen Werte befinden würden. Im Euroraum erscheinen die Bewertungen im Vergleich dazu nicht ganz so hoch, so die Experten von ROBECO. Dort würden sich die Spreads in Bezug auf denselben Zeitraum um das 50. Perzentil herum bewegen. In beiden Fällen scheinen Anleihen von Emittenten aus dem Finanzsektor einen höheren relativen Wert als Nicht-Finanztitel zu bieten, so die Experten von ROBECO.
Ein ähnliches Bild ergebe sich bei Hochzinsanleihen. Der US-Markt erscheine im Vergleich zum Markt im Euroraum teuer. Allerdings falle es im Fall des Euro-Markts bei einem Spread-Niveau auf Höhe etwa des 23. Perzentils schwer, diesen Markt für sich genommen für attraktiv zu halten. Eine nennenswerte Ausnahme sei das Rating-Segment CCC, in dem sich die stärker unter Druck stehenden Emittenten befinden würden. Einen Großteil der dort bestehenden Spreads würden die Experten als "Phantomrenditen/-spreads" bezeichnen, da es unwahrscheinlich sei, dass sie realisiert würden.
Im letzten Quartal 2023 schienen die Teilnehmer an den Credit-Märkten sehr optimistisch, was erhebliche Zinssenkungen im Laufe des Jahres 2024 und darüber hinaus betrifft, so die Experten von ROBECO. Gleichzeitig hätten sich zeitweilige Befürchtungen einer Rezession gelegt. Der entscheidende Faktor im laufenden Jahr sei dagegen die Rücknahme dieser Erwartungen, sowohl was den Zeitpunkt als auch das Ausmaß der geldpolitischen Lockerung angehe.
Es möge merkwürdig erscheinen, dass sich die Creditspreads weiter eingeengt hätten, während die Wahrscheinlichkeit für längere Zeit höherer Zinsen gestiegen sei. Warum also sei die Credit-Nachfrage weiterhin so stark - trotz eingeengter Spreads und einem Überangebot an Anleihen?
Die Antwort liege nach Erachten der Experten in der Gesamtrendite, wobei die Spreads für viele Anleger von untergeordneter Bedeutung sein dürften.
Wie bereits ausführlich dargelegt, erscheinen die Credit-Spreads auf dem derzeitigen Niveau alles andere als günstig, so die Experten von ROBECO. Betrachte man jedoch die Gesamtrenditen, ergebe sich ein anderes Bild. Über die letzten zehn Jahre betrachtet, lägen die Renditen der meisten globalen Credits derzeit im größer als 80%-Perzentil ihrer historischen Werte.
Man müsse zwar die technischen Gegebenheiten am Markt verstehen und berücksichtigen, doch die Erfahrung zeige auch, dass sie sich sehr schnell ändern könnten. Ein unausgewogenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage könne dazu führen, dass die Spreads viel enger oder weiter sein könnten, als es die Fundamentaldaten nahelegen würden. Dieser Zustand könne über lange Zeiträume anhalten. (18.07.2024/alc/a/a)


