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Politische Börsen werden auch in Kontinentaleuropa normaler
29.11.16 11:45
Bank J. Safra Sarasin AG
Basel (www.anleihencheck.de) - Das Brexit-Referendum und die amerikanische Präsidentschaftswahl haben gezeigt, dass populistische Wahlprogramme und Kandidaten auch in hochentwickelten Ländern Mehrheiten finden können, so Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin AG.
Trotz der Korrekturen beim Britischen Pfund und bei US-Anleihen sei aber auch deutlich geworden, dass die Finanzmärkte diese Wahlergebnisse gut verdauen könnten. Damit steige die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung der Verfassungsreform in Italien und dass populistische Parteien in anderen kontinentaleuropäischen Ländern Erfolge verbuchen könnten.
Gelegenheiten, bei denen sich der Populismus auch in Kontinentaleuropa ausbreiten könnte, seien zahlreich. In den nächsten zwölf Monaten sei der Wahlkalender voll. Auch gebe es genügend Themen, die sich für populistische Wahlkämpfe eignen würden. In den USA und UK habe sich der Populismus gegen (1) die Globalisierung, (2) Einwanderer und (3) die gesellschaftliche Dominanz und Entfremdung der hauptsächlich städtischen Eliten gerichtet. In Kontinentaleuropa wäre das vermutlich nicht anders. Jahre wirtschaftlicher Enttäuschung hätten nicht nur finanzielle Wunden, sondern auch in Teilen der Bevölkerung den Eindruck hinterlassen, dass sich das "System" weg von den Bedürfnissen der Bürger entwickele.
Je stärker Wähler sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, hilflos und nicht wertgeschätzt fühlen würden, desto eher erodiere auch der Konsens, auf den die deutsche Gesellschaft baue; desto höher sei auch die Wahrscheinlichkeit, dass Wähler sich Politikern zuwenden würden, die Verständnis, Sympathie und Empathie für ihre Werte, Leistungen und Probleme zeigen würden. Es sei daher wohl kein Zufall, dass der Populismus in den westlichen Demokratien bislang seine größten Erfolge in UK und den USA habe zeigen können, wo die Lebensunterschiede zwischen London und dem Rest des Landes und zwischen den Küstenmetropolen und dem Inneren der USA stark ausgeprägt seien.
Häufig werde argumentiert, dass die Globalisierungsgewinne zu ungleich verteilt seien und die Verlierer von Freihandel nicht adäquat kompensiert würden. Die Analysten würden bezweifeln, dass dies der Hauptgrund für die gegenwärtige wirtschaftliche Unzufriedenheit Vieler sei. Die größten Handelsgewinne hätten normalerweise ihren Ursprung in günstigeren Importen - heutzutage vielfach von Kleidung, Flachbildschirmen und Smartphones. Sicherlich würden in der mit Importen konkurrierenden Industrie auch Arbeitsplätze verloren gehen, die nicht vom stärker wachsenden Exportsektor aufgefangen werden könnten. Diese Jobverluste würden die Analysten jedoch für gering im Vergleich zu denen halten, die sich auf technologischen Wandel zurückführen lassen würden.
Die Digitalisierung des Arbeitsumfeldes sei eine viel prägendere Kraft für die deutsche Gesellschaft, die mit Arbeitsplatzverlusten und einer sich verändernden Einkommensstruktur einhergehe. Überproportional profitieren könnten von ihr urbane und international ausgerichtete Bevölkerungsteile sowie Unternehmen, die globale Skalenerträge nun noch besser ausnützen könnten. Facebook, Google und Uber seien dafür die besten Beispiele. Viele Regierungen hätten es bislang versäumt, die Besteuerung von Haushalten und Unternehmen auf das neue Wirtschaftsumfeld anzupassen. Die Einkommensverteilung sei daher tatsächlich für viele unerwünscht und ungewohnt ungleicher geworden. Eine steigende Unzufriedenheit sollte daher nicht überraschen und auch nicht, dass sie in Protest gegen Freihandel und nicht gegen "freies Wi-Fi" münde.
Für Kontinentaleuropa werde die Frage sein, ob die Wut der unzufriedenen Bevölkerungsteile stark genug sei, dass sie zu ähnlichen Wahlergebnissen wie in den USA und UK führen könne. Hier wären die Analysten zum jetzigen Zeitpunkt noch optimistisch. Die wirtschaftliche Macht sei derzeit weniger stark konzentriert, die Einkommen gleicher verteilt und die Bevölkerung räumlich nicht so stark segregiert wie in den USA oder UK. Und je höher die Wahrscheinlichkeit für Angestellte und Management sei, sich beispielsweise im gleichen Bus oder Zug auf dem Arbeitsweg zu treffen, desto geringer würden die Analysten das Risiko erachten, dass Teile der Bevölkerung gegen die wirtschaftlichen Interessen eines ganzen Landes stimmen würden - wie das nach Einschätzung der Analysten in UK der Fall gewesen sei. Dies bedeute nicht, dass die Analysten keinen politischen Handlungsbedarf der etablierten Parteien sehen, keinen Stimmenzuwachs populistischer Parteien erwarten oder von einer von Euphorie getriebenen Verfassungsreform in Italien ausgehen würden.
Auch könnten sich die Analysten EU- und Euro-Referenden vorstellen oder dass der Rettungsschirm des ESM notwendig werde, wenn Strukturreformen in dem ein oder anderen Land nicht stärker angegangen würden. Allerdings würden die Analysten davon ausgehen, dass eine größere Mehrheit der Wähler sich im jetzigen System immer noch besser stelle und fühle als in den von den Populisten propagierten Alternativen. Die Analysten würden daher die politischen Ergebnisse in UK und den USA für Kontinentaleuropa nicht linear fortschreiben und auf einen baldigen Verfall der EU oder des Euro-Raums setzen. Statt eines Systemwechsels sollten die europäischen Finanzmärkte eher eine erneut intensive Periode des kreativen Durchwurschtelns mit den gewohnten Höhen und Tiefen einpreisen. (29.11.2016/alc/a/a)
Trotz der Korrekturen beim Britischen Pfund und bei US-Anleihen sei aber auch deutlich geworden, dass die Finanzmärkte diese Wahlergebnisse gut verdauen könnten. Damit steige die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung der Verfassungsreform in Italien und dass populistische Parteien in anderen kontinentaleuropäischen Ländern Erfolge verbuchen könnten.
Gelegenheiten, bei denen sich der Populismus auch in Kontinentaleuropa ausbreiten könnte, seien zahlreich. In den nächsten zwölf Monaten sei der Wahlkalender voll. Auch gebe es genügend Themen, die sich für populistische Wahlkämpfe eignen würden. In den USA und UK habe sich der Populismus gegen (1) die Globalisierung, (2) Einwanderer und (3) die gesellschaftliche Dominanz und Entfremdung der hauptsächlich städtischen Eliten gerichtet. In Kontinentaleuropa wäre das vermutlich nicht anders. Jahre wirtschaftlicher Enttäuschung hätten nicht nur finanzielle Wunden, sondern auch in Teilen der Bevölkerung den Eindruck hinterlassen, dass sich das "System" weg von den Bedürfnissen der Bürger entwickele.
Häufig werde argumentiert, dass die Globalisierungsgewinne zu ungleich verteilt seien und die Verlierer von Freihandel nicht adäquat kompensiert würden. Die Analysten würden bezweifeln, dass dies der Hauptgrund für die gegenwärtige wirtschaftliche Unzufriedenheit Vieler sei. Die größten Handelsgewinne hätten normalerweise ihren Ursprung in günstigeren Importen - heutzutage vielfach von Kleidung, Flachbildschirmen und Smartphones. Sicherlich würden in der mit Importen konkurrierenden Industrie auch Arbeitsplätze verloren gehen, die nicht vom stärker wachsenden Exportsektor aufgefangen werden könnten. Diese Jobverluste würden die Analysten jedoch für gering im Vergleich zu denen halten, die sich auf technologischen Wandel zurückführen lassen würden.
Die Digitalisierung des Arbeitsumfeldes sei eine viel prägendere Kraft für die deutsche Gesellschaft, die mit Arbeitsplatzverlusten und einer sich verändernden Einkommensstruktur einhergehe. Überproportional profitieren könnten von ihr urbane und international ausgerichtete Bevölkerungsteile sowie Unternehmen, die globale Skalenerträge nun noch besser ausnützen könnten. Facebook, Google und Uber seien dafür die besten Beispiele. Viele Regierungen hätten es bislang versäumt, die Besteuerung von Haushalten und Unternehmen auf das neue Wirtschaftsumfeld anzupassen. Die Einkommensverteilung sei daher tatsächlich für viele unerwünscht und ungewohnt ungleicher geworden. Eine steigende Unzufriedenheit sollte daher nicht überraschen und auch nicht, dass sie in Protest gegen Freihandel und nicht gegen "freies Wi-Fi" münde.
Für Kontinentaleuropa werde die Frage sein, ob die Wut der unzufriedenen Bevölkerungsteile stark genug sei, dass sie zu ähnlichen Wahlergebnissen wie in den USA und UK führen könne. Hier wären die Analysten zum jetzigen Zeitpunkt noch optimistisch. Die wirtschaftliche Macht sei derzeit weniger stark konzentriert, die Einkommen gleicher verteilt und die Bevölkerung räumlich nicht so stark segregiert wie in den USA oder UK. Und je höher die Wahrscheinlichkeit für Angestellte und Management sei, sich beispielsweise im gleichen Bus oder Zug auf dem Arbeitsweg zu treffen, desto geringer würden die Analysten das Risiko erachten, dass Teile der Bevölkerung gegen die wirtschaftlichen Interessen eines ganzen Landes stimmen würden - wie das nach Einschätzung der Analysten in UK der Fall gewesen sei. Dies bedeute nicht, dass die Analysten keinen politischen Handlungsbedarf der etablierten Parteien sehen, keinen Stimmenzuwachs populistischer Parteien erwarten oder von einer von Euphorie getriebenen Verfassungsreform in Italien ausgehen würden.
Auch könnten sich die Analysten EU- und Euro-Referenden vorstellen oder dass der Rettungsschirm des ESM notwendig werde, wenn Strukturreformen in dem ein oder anderen Land nicht stärker angegangen würden. Allerdings würden die Analysten davon ausgehen, dass eine größere Mehrheit der Wähler sich im jetzigen System immer noch besser stelle und fühle als in den von den Populisten propagierten Alternativen. Die Analysten würden daher die politischen Ergebnisse in UK und den USA für Kontinentaleuropa nicht linear fortschreiben und auf einen baldigen Verfall der EU oder des Euro-Raums setzen. Statt eines Systemwechsels sollten die europäischen Finanzmärkte eher eine erneut intensive Periode des kreativen Durchwurschtelns mit den gewohnten Höhen und Tiefen einpreisen. (29.11.2016/alc/a/a)


