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Politik dominiert den Rentenmarkt
24.04.20 10:45
Weberbank
Berlin (www.anleihencheck.de) - Ein erstes Aufatmen sei an dieser Stelle erlaubt: Es zeichnet sich glücklicherweise zunehmend eine Verbesserung der gesundheitlichen Lage ab, so Sascha Rehbein, CFA bei der Weberbank.
In Europa gehe das Wachstum der Neuinfektionen deutlich zurück und das öffentliche Leben bewege sich mit langsamen Schritten in Richtung Normalisierung. Die Kapitalmärkte würden allerdings schwankungsanfällig bleiben. Der massive Ölpreisverfall, düstere Unternehmensausblicke und einbrechende Frühindikatoren hätten die Erholungsbewegung vorerst gestoppt.
Hierzulande durfte in dieser Woche der Einzelhandel unter Auflagen seine Türen für die Kundschaft öffnen, so die Analysten der Weberbank. Es werde aber voraussichtlich noch eine Weile dauern, bis Normalität herrsche, da das gesundheitliche Risiko weiterhin gegeben sei und in der Gesellschaft dementsprechend Verunsicherung herrsche. Dies könne man auch am Beispiel der chinesischen Normalisierung ableiten. Seit März würden sich die chinesische Wirtschaft und das öffentliche Leben beleben, doch Konsumentenumfragen würden weiterhin hohe Zurückhaltung bei Restaurantbesuchen und diversen Freizeitaktivitäten zeigen. Das werde in der westlichen Welt nicht anders sein. Für die Unternehmen erhöhe sich allerdings der Druck von Woche zu Woche. Die gestern veröffentlichten Frühindikatoren hätten einen historischen Stimmungseinbruch in Europa gezeigt. Weder die Finanzkrise noch das Platzen der Technologie-Blase hätten zu solchen Verwerfungen geführt. Aus Sicht der Analysten der Weberbank bestehe aber weiterhin die Chance einer deutlichen Erholung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Von entscheidender Bedeutung hierfür sei, dass die Lockerungen nicht zu schnell durchgeführt würden und somit ein erneuter bundesweiter Ausbruch des Coronavirus verhindert werden könne.
Obwohl in den USA die Lockerungsmaßnahmen schon hitzig diskutiert würden, seien die Neuinfektionszahlen im Vergleich zu Europa noch nicht im gleichen Maße gefallen. Die US-Politik habe in dieser Woche mit einem neuen Hilfsprogramm in Milliardenhöhe den Druck auf die Mittelständler und das Gesundheitssystem etwas reduziert und damit erneut den starken Willen gezeigt, die heimische Wirtschaft großzügig zu unterstützen. In den USA liege das öffentliche Leben ebenso am Boden wie in Europa. Das lasse sich gut an den Mobilitätsdaten der Bevölkerung ablesen. So seien die Besucherzahlen im Einzelhandel um knapp die Hälfte zurückgegangen, ähnlich sehe es bei den öffentlichen Verkehrsmitteln aus, und den Weg zur Arbeit hätten nur noch knapp 60 Prozent angetreten. Dieser deutliche Rückgang der Mobilität habe zu einem Nachfrageeinbruch von Ölprodukten, wie beispielsweise Benzin, geführt. Immerhin würden gut 40 Prozent der Ölnachfrage allein vom Straßenverkehr stammen. Gleichzeitig seien die US-Öllager gut gefüllt und könnten somit die täglich neu produzierten Massen an Schweröl nicht auffangen.
In diesem Umfeld Abnehmer zu finden, falle schwer. Das sei in dieser Woche besonders am Terminmarkt zu spüren gewesen, an dem der Preis für Öl bestimmt werde. Investoren, die sich verpflichtet hätten, Öl im Mai physisch abzunehmen, seien in Panik verfallen, da sowohl die Nachfrage als auch die Lagerkapazitäten sehr gering geblieben seien. In diesem Umfeld seien die Investoren bereit gewesen, sogar negative Preise zu akzeptieren - bis zu minus 40 USD in der Spitze! Die hohen Preisschwankungen und die damit einhergehende Unsicherheit würden aus Sicht der Analysten der Weberbank zumindest über die kommenden Monate voraussichtlich noch anhalten - analog zur Normalisierung der Weltwirtschaft. Daher würden die Analysten zur Vorsicht bei vermeintlichen "Schnäppchenkäufen" von Finanzprodukten auf Öl raten. Die komplexe Gestaltung dieser Produkte bringe es mit sich, dass Anleger selbst bei einer deutlichen Erholung des Ölpreises derzeit kaum partizipieren würden.
Nach einer deutlichen Erholungsbewegung seit Mitte März sei dem europäischen Aktienmarkt zuletzt etwas Momentum verloren gegangen. Aber auch am US-Aktienmarkt habe der massive Ölpreisverfall zwischenzeitlich seine Spuren hinterlassen. Zusätzlich zeige die bereits laufende Bilanzsaison deutliche Einschläge in den Unternehmensbilanzen aufgrund der globalen "Lockdowns". Dementsprechend hätten auch die Analysten ihre Gewinnerwartungen für Industrieunternehmen, aber auch für den Banken- und Energiesektor deutlich nach unten korrigiert. Den Banken würden wegen des wirtschaftlichen Einbruchs erhöhte Abschreibungen auf ihre Kreditbücher drohen und die massiven Renditerückgänge würden den Zinsertrag trüben. Die Analysten der Weberbank nähmen weiterhin Abstand von diesen Sektoren und würden bonitätsstarke Pharmatitel oder Unternehmen aus dem nichtzyklischen Konsum bevorzugen. Ergänzend seien Titel aus dem Technologiebereich in unseren Augen aussichtsreich.
Die treibende Kraft am Rentenmarkt bleibe die Notenbankpolitik. In den USA werde die FED ihre Bilanz verdoppeln und dabei nicht nur umfangreiche Anleihekäufe durchführen, sondern auch Bankkredite von mittelständischen Unternehmen aufkaufen. Die EZB versuche durch einen umfangreichen Eingriff in den Staatsanleihemarkt, den Abverkauf der europäischen Peripherieländer zu verhindern. Diese stünden aufgrund der zähen Verhandlungen auf EU-Ebene durch die Schuldenexplosion unter Druck. Aus Sicht der Analysten der Weberbank könne eine Wiederholung der europäischen Schuldenkrise nur durch eine Form von Vergemeinschaftung der neuen Schulden verhindert werden.
Im aktuellen Umfeld würden die Analysten der Weberbank empfehlen weiterhin defensiv positioniert zu bleiben. Das bedeute bei Staatsanleihen die hochverschuldete europäische Peripherie- oder bonitätsschwache Schwellenländer, insbesondere aus Lateinamerika, zu meiden. Ebenso würden sie es für verfrüht halten Opportunitäten im bonitätsschwachen Segment der Unternehmensanleihen und insbesondere in ölproduzierenden Emittenten zu suchen. Noch sei es zu schwer abzusehen, welche Zweitrundeneffekte der massive Eingriff in die freie Marktwirtschaft mit sich bringen werde. (24.04.2020/alc/a/a)
In Europa gehe das Wachstum der Neuinfektionen deutlich zurück und das öffentliche Leben bewege sich mit langsamen Schritten in Richtung Normalisierung. Die Kapitalmärkte würden allerdings schwankungsanfällig bleiben. Der massive Ölpreisverfall, düstere Unternehmensausblicke und einbrechende Frühindikatoren hätten die Erholungsbewegung vorerst gestoppt.
Hierzulande durfte in dieser Woche der Einzelhandel unter Auflagen seine Türen für die Kundschaft öffnen, so die Analysten der Weberbank. Es werde aber voraussichtlich noch eine Weile dauern, bis Normalität herrsche, da das gesundheitliche Risiko weiterhin gegeben sei und in der Gesellschaft dementsprechend Verunsicherung herrsche. Dies könne man auch am Beispiel der chinesischen Normalisierung ableiten. Seit März würden sich die chinesische Wirtschaft und das öffentliche Leben beleben, doch Konsumentenumfragen würden weiterhin hohe Zurückhaltung bei Restaurantbesuchen und diversen Freizeitaktivitäten zeigen. Das werde in der westlichen Welt nicht anders sein. Für die Unternehmen erhöhe sich allerdings der Druck von Woche zu Woche. Die gestern veröffentlichten Frühindikatoren hätten einen historischen Stimmungseinbruch in Europa gezeigt. Weder die Finanzkrise noch das Platzen der Technologie-Blase hätten zu solchen Verwerfungen geführt. Aus Sicht der Analysten der Weberbank bestehe aber weiterhin die Chance einer deutlichen Erholung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Von entscheidender Bedeutung hierfür sei, dass die Lockerungen nicht zu schnell durchgeführt würden und somit ein erneuter bundesweiter Ausbruch des Coronavirus verhindert werden könne.
In diesem Umfeld Abnehmer zu finden, falle schwer. Das sei in dieser Woche besonders am Terminmarkt zu spüren gewesen, an dem der Preis für Öl bestimmt werde. Investoren, die sich verpflichtet hätten, Öl im Mai physisch abzunehmen, seien in Panik verfallen, da sowohl die Nachfrage als auch die Lagerkapazitäten sehr gering geblieben seien. In diesem Umfeld seien die Investoren bereit gewesen, sogar negative Preise zu akzeptieren - bis zu minus 40 USD in der Spitze! Die hohen Preisschwankungen und die damit einhergehende Unsicherheit würden aus Sicht der Analysten der Weberbank zumindest über die kommenden Monate voraussichtlich noch anhalten - analog zur Normalisierung der Weltwirtschaft. Daher würden die Analysten zur Vorsicht bei vermeintlichen "Schnäppchenkäufen" von Finanzprodukten auf Öl raten. Die komplexe Gestaltung dieser Produkte bringe es mit sich, dass Anleger selbst bei einer deutlichen Erholung des Ölpreises derzeit kaum partizipieren würden.
Nach einer deutlichen Erholungsbewegung seit Mitte März sei dem europäischen Aktienmarkt zuletzt etwas Momentum verloren gegangen. Aber auch am US-Aktienmarkt habe der massive Ölpreisverfall zwischenzeitlich seine Spuren hinterlassen. Zusätzlich zeige die bereits laufende Bilanzsaison deutliche Einschläge in den Unternehmensbilanzen aufgrund der globalen "Lockdowns". Dementsprechend hätten auch die Analysten ihre Gewinnerwartungen für Industrieunternehmen, aber auch für den Banken- und Energiesektor deutlich nach unten korrigiert. Den Banken würden wegen des wirtschaftlichen Einbruchs erhöhte Abschreibungen auf ihre Kreditbücher drohen und die massiven Renditerückgänge würden den Zinsertrag trüben. Die Analysten der Weberbank nähmen weiterhin Abstand von diesen Sektoren und würden bonitätsstarke Pharmatitel oder Unternehmen aus dem nichtzyklischen Konsum bevorzugen. Ergänzend seien Titel aus dem Technologiebereich in unseren Augen aussichtsreich.
Die treibende Kraft am Rentenmarkt bleibe die Notenbankpolitik. In den USA werde die FED ihre Bilanz verdoppeln und dabei nicht nur umfangreiche Anleihekäufe durchführen, sondern auch Bankkredite von mittelständischen Unternehmen aufkaufen. Die EZB versuche durch einen umfangreichen Eingriff in den Staatsanleihemarkt, den Abverkauf der europäischen Peripherieländer zu verhindern. Diese stünden aufgrund der zähen Verhandlungen auf EU-Ebene durch die Schuldenexplosion unter Druck. Aus Sicht der Analysten der Weberbank könne eine Wiederholung der europäischen Schuldenkrise nur durch eine Form von Vergemeinschaftung der neuen Schulden verhindert werden.
Im aktuellen Umfeld würden die Analysten der Weberbank empfehlen weiterhin defensiv positioniert zu bleiben. Das bedeute bei Staatsanleihen die hochverschuldete europäische Peripherie- oder bonitätsschwache Schwellenländer, insbesondere aus Lateinamerika, zu meiden. Ebenso würden sie es für verfrüht halten Opportunitäten im bonitätsschwachen Segment der Unternehmensanleihen und insbesondere in ölproduzierenden Emittenten zu suchen. Noch sei es zu schwer abzusehen, welche Zweitrundeneffekte der massive Eingriff in die freie Marktwirtschaft mit sich bringen werde. (24.04.2020/alc/a/a)


