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OeNB-Gouverneur Holzmann warnt vor zu raschen Zinssenkungen


10.05.24 11:00
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, Robert Holzmann, warnt die Europäische Zentralbank (EZB) vor zu viel Tempo bei der Zinswende, so die Experten von "FONDS professionell.

In einem Interview mit dem "Handelsblatt" sage er: "Ich sehe überhaupt keinen Anlass, dass wir die Leitzinsen zu schnell zu stark senken." Jeder Zinsschritt müsse durch die jeweils verfügbaren Daten zu rechtfertigen sein.

Die Aussagen des EZB-Ratsmitglieds könnten in die Richtung gedeutet werden, dass die EZB nach einem ersten Zinsschritt im Juni eine Pause einlegen könnte. So sage der OeNB-Gouverneur: "Sollte es im Juni so weit sein, werden sicherlich weitere Schritte folgen." Er weise zugleich darauf hin, dass im September und Dezember viele neue Daten und Prognosen vorlägen. Im Juli dagegen kaum. Die EZB veröffentliche ihre makroökonomischen Projektionen viermal jährlich: im März, Juni, September und Dezember. Holzmann, der als stabilitätsorientierter Geldpolitiker gelte, trete damit Forderungen anderer Euro-Notenbanker entgegen, im Juli mit der nächsten Zinssenkung nachzulegen.

Mit Hinsicht auf den Einfluss der US-Geldpolitik äußere er sich etwas anders als EZB-Chefin Christine Lagarde. Sie habe zuletzt die Unabhängigkeit der EZB-Entscheidungen von den US-Leitzinsen hervorgehoben. Laut Holzmann würden die ökonomischen Modelle aber zeigen, dass FED-Entscheidungen auf Europa durchschlagen würden. Dazu sage er: "Bis zu einem gewissen Grad sind wir mit unseren Daten und Entscheidungen naturgemäß von der FED beeinflusst." Die FED sei mit dem Dollar im übertragenen Sinn "der Gorilla im Raum". Die US-Notenbank habe Zinssenkungen angesichts der hartnäckigen US-Inflation vorerst weiter aufgeschoben.

Mit Blick auf die Konjunktur sehe Holzmann die europäische Wirtschaft im Nachteil gegenüber den USA. Dort würden unter anderem die hohen staatlichen Ausgaben die Wirtschaft stimulieren: "Die USA fahren aktuell ein Haushaltsdefizit von sieben Prozent, das wird die Nachfrage weiter beleben." Außerdem gehe in den USA ein deutlich stärkerer konjunktureller Impuls von den Investitionen in künstliche Intelligenz aus.

Risiken für die Inflation und damit für künftige Zinssenkungen sehe er aufgrund der geopolitischen Entwicklungen vor allem in den Energiepreisen. Eine Verschärfung der Situation im Nahen Osten könne den Ölpreis deutlich verteuern und damit auch die Verbraucherpreise erhöhen. Langfristig halte Holzmann einen Rückgang der Inflation für möglich, er rechne aber mit anhaltend höherem Inflationsdruck. So erfordere die Energiewende hohe Investitionen und Europa müsse mehr Investitionen anziehen, um gegenüber Amerika wettbewerbsfähiger zu werden. Diese Kombination werde seiner Einschätzung nach Zinsen und Inflation tendenziell nach oben treiben. (10.05.2024/alc/a/a)