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Die Notenbanken sehen den Handelskrieg als besorgniserregend an


14.06.19 12:15
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Was es bedeutet, es mit Donald Trump zu tun zu haben, mussten jüngst die Mexikaner wieder einmal erfahren, so Jens Herdack, CEFA, CIIA bei der Weberbank.

Trotz des bereits im September 2018 ausverhandelten Handelsabkommens habe der US-Präsident völlig unerwartet mit Zollandrohungen gegen das Nachbarland gepoltert. Damit habe er sich erneut von seiner unberechenbaren Seite gezeigt. Neu gewesen sei seine Bereitschaft, Zölle nun nicht nur im Rahmen von Handelsstreitigkeiten einzusetzen, sondern diese auch zur Durchsetzung anderer politischer Ziele zu nutzen. Mexiko habe vor dieser Drohkulisse kapitulieren und eine verstärkte Grenzkontrolle seiner südlichen Landesgrenze und die Rücknahme illegaler Einwanderer aus den USA zusagen müssen. Soviel zum Thema "The Art of The Deal".

Allerdings habe es sich hier um einen Verhandlungspartner mit deutlich unterlegener Machtposition gehandelt. Viel schwieriger dürfte es für die Trump'sche Strategie gegen einen ebenbürtigen Gegner werden. Und mit China stehe den USA ein solcher gegenüber. Interessant sei insbesondere, dass man zuletzt zwischen den Zeilen eher weitere Verhandlungsbereitschaft der Amerikaner habe beobachten können und sich die chinesische Seite sehr bedeckt gehalten habe, ein weiteres Treffen zwischen Trump und Xi in Osaka zu bestätigen.

"The Art of War"? Wir warten gespannt, wie dieses Kapitel weitergeschrieben wird, denn einige Daten deuten bereits darauf hin, dass sich der US-Präsident womöglich doch stärker selbst schadet als von ihm erwartet, so die Analysten der Weberbank. So seien die Exporte der USA nach China zuletzt deutlich zurückgegangen, während die chinesischen Exporte in die USA wieder angestiegen seien. Darüber hinaus würden die Sanktionen gegen Huawei wohl dazu führen, dass die chinesischen Handyhersteller nun ein eigenes Betriebssystem aufbauen würden, anstatt auf Android von Google zurückzugreifen. Dadurch würden die amerikanischen Firmen Apple und Google ihr globales Betriebssystemduopol wohl verlieren.

Zumindest die US-Rentenmärkte würden das mögliche Nichtstattfinden eines Treffens von Trump und Xi auf dem G20-Gipfel bereits einpreisen. So sei die aus Termingeschäften ablesbare eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer US-Leitzinssenkung im Juli auf knapp 80% angestiegen. Dass die Notenbanken den Handelskrieg als besorgniserregend ansähen, habe auch die überraschend deutliche Rhetorik der Europäischen Zentralbank (EZB) gezeigt. Ihr Präsident Mario Draghi habe explizit auf die Gefahren verwiesen, die vom aktuellen Handelskrieg ausgehen würden, und auf die mögliche Notwendigkeit, bei einer Verschärfung mit außergewöhnlichen Maßnahmen zu reagieren. Allerdings habe die EZB gleichzeitig ihre Wachstumsprognose für 2019 wieder leicht angehoben und sehe damit derzeit keine akute Rezessionswahrscheinlichkeit.

Die wieder zunehmende Lockerungsbereitschaft der Notenbanken habe dazu geführt, dass man mit deutschen Staatsanleihen nur noch eine positive Rendite erzielen könne, wenn man eine Laufzeit von über 15 Jahren wähle. Mithin könne sich Deutschland nun tatsächlich schon für eine solch lange Frist verschulden, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen. Dieser Trend zu Null- bzw. Negativrenditen sei auch global festzustellen. So würden inzwischen global über 20 Prozent aller Anleihen - und zwar sowohl Staatsanleihen, als auch Pfandbriefe und Unternehmensanleihen - eine negative Rendite aufweisen. In Deutschland liege ihr Anteil bei erschreckenden 70%.

Die Aktienmärkte scheinen noch nicht ganz so stark wie die Rentenmärkte auf ein Scheitern der US-Chinesischen-Verhandlungen zu setzen, so die Analysten der Weberbank. Zwar hätten sie erneut mit Abschlägen auf die Zolldrohungen gegen Mexiko reagiert, sich im Nachgang dann aber wieder recht schnell erholt. Auch an den Gewinnschätzungen lasse sich eine positivere Erwartungshaltung ablesen. Denn nachdem die letzte US-Berichtssaison per Saldo sogar positiv ausgegangen sei, sei nun festzustellen, dass die Gewinnschätzungen für das Gesamtjahr bereits wieder bei 4 bis 5 Prozent und die für das nächste Jahr bei gut 10 Prozent Wachstum lägen. Auch die insgesamt lockerere Haltung der Notenbanken weltweit werde mit Wohlwollen aufgenommen. Aus China sei weiter eine große Bereitschaft zur Unterstützung der Wirtschaft zu vernehmen.

Da Trump im nächsten Jahr wiedergewählt werden wolle und eine deutliche Mehrheit von US-Präsidenten nicht wiedergewählt worden sei, wenn die USA in eine Rezession gelaufen seien, bestehe auch für ihn durchaus ein gewisser Anreiz, dass der "Dealmaker" nun auch einen Deal abschließe. Für uns bedeutet das, dass wir es zwar nach wie vor für opportun halten, einen Teil der von uns betreuten Portfolios in Liquidität zu halten, um mögliche zwischenzeitliche Schwankungen abzupuffern, auf der anderen Seite aber auch bereit stehen, sich bietende Chancen zu nutzen, so die Analysten der Weberbank. (14.06.2019/alc/a/a)