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Nach der Neubewertung - Wie geht es weiter an den Anleihemärkten?


26.06.23 09:15
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - Das vergangene Jahr war ein echtes Annus Horribilis für festverzinsliche Wertpapiere, so die Experten von M&G Investments.

Zweistellige Verluste seien keine Seltenheit gewesen. Viele Staatsanleihen und inflationsgebundene Papiere mit längeren Laufzeiten hätten gar Verluste von über 20% verzeichnet. Für Jim Leaviss, CIO Public Fixed Income bei M&G Investments, hätten die Turbulenzen für einen Neustart bei Bonds gesorgt und damit neue Möglichkeiten eröffnet.

Von Schwellenländeranleihen bis hin zu kurzlaufenden europäischen Papieren: Vielleicht zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt würden Anleiheinvestoren wieder angemessen für das Risiko bezahlt, das sie eingehen würden. Insbesondere Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating würden mit ihrer attraktiven Kombination aus Rendite, Diversifizierung und Widerstandsfähigkeit gute Voraussetzungen mitbringen, um das unsicherere wirtschaftliche Umfeld zu meistern.

Die Inflation bleibe allerdings weiter ein Hauptfaktor für die Renditeentwicklung. Mit Ausnahme von Großbritannien gehen die Teuerungsraten in den meisten Ländern zurück - aber wir sind noch lange nicht über den Berg, so die Experten von M&G Investments.

Die spannende Frage sei: Nähere sich jetzt wirklich das Ende des Zinserhöhungszyklus? Die FED habe sich erst einmal für eine Pause entschieden. Auch danach dürfte es nicht mit dem gleichen Tempo weitergehen wie zuvor. Denn wenn die Zentralbanken die Zinssätze weiter so schnell anheben würden wie bisher, führe das nicht selten zum Stillstand. Man habe das immer wieder gesehen - von der Long-Term Capital Management (LTCM)/Russland-Schuldenkrise im Jahr 1998 bis zur globalen Finanz- und Eurozonen-Krise ein Jahrzehnt später. All diese Ereignisse seien nach einem plötzlichen Zinsanstieg aufgetreten.

Aktuell würden die Experten bereits erste Anzeichen für Unruhen an den Märkten sehen, nachdem eine Reihe von Banken unter Druck kollabiert seien. Die Experten seien daher der Meinung, dass die FED die Bremse ziehen müsse, um erst einmal die Auswirkungen der jüngsten Turbulenzen zu analysieren.

Unter den Staatsanleihen würden die Experten Emittenten bevorzugen, bei denen das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) schneller wachse als die Kreditkosten. Weil die Inflation das BIP erhöht habe, die Schuldenlast aber meist gleichgeblieben sei, sei die Teuerung für viele Regierungen äußerst vorteilhaft gewesen. Bei der Länderauswahl würden die Experten außerdem darauf achten, wo Zinssätze und Inflation nach ihrer Einschätzung am schnellsten zurückgehen würden.

Unter den Industrieländern scheine den Experten die USA in diesem Prozess schon am weitesten zu sein. Tatsächlich gehe derzeit die Geldmenge im Land deutlich zurück, und das führe normalerweise zu einer nachlassenden Inflation. Für US-Treasuries spreche auch eine stark inverse Renditekurve. Das sei in der Vergangenheit ein sehr zuverlässiger Indikator für eine Rezession in den USA gewesen.

Die FED habe auf dieses Umfeld reagiert. Die Europäische Zentralbank müsse angesichts der nach wie vor hohen Kerninflation wahrscheinlich noch etwas länger an der Zinsschraube drehen. Die Experten würden daher zurzeit etwas vorsichtiger bei europäischen Staatsanleihen bleiben und Papiere aus den USA favorisieren.

Auch bei Anleihen aus Schwellenländern gebe es weiterhin interessante Titel. Diese Nationen hätten im Allgemeinen das stärkste langfristige Wachstumspotenzial und würden von einer jungen Bevölkerung sowie von einem niedrigen Verhältnis zwischen Staatsverschuldung und BIP profitieren. Die Bewertungen seien attraktiv, da die Renditen von Schwellenländeranleihen deutlich über der Inflation lägen. In diesem Zinszyklus hätten die Zentralbanken der Volkswirtschaften größtenteils früh gehandelt, sodass die Inflation dort recht schnell zurückgehen sollte. Das verleihe der Anlageklasse einen gewissen Schwung, auch wenn sie nicht ohne Risiken sei und man hier immer sehr selektiv vorgehen sollte. Die Experten würden derzeit in etlichen Bereichen attraktive Möglichkeiten sehen, insbesondere in Lateinamerika und Südostasien. (26.06.2023/alc/a/a)