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Nachhaltigkeit bei Emerging-Markets-Anleihen: Fortschritt braucht Kapital


28.10.21 10:15
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Nächstes Wochenende treffen sich Vertreter aus fast 200 Ländern in Glasgow zur 26. Weltklimakonferenz (COP26). Das zeigt auf, wie global bedeutend Nachhaltigkeitsthemen heute sind, so Sean Jutahkiti, Head of Asian Credit Research und Kaan Nazli, Senior Economist for Emerging Markets Debt bei Neuberger Berman.

Dennoch würden sie bei Emerging-Market-Anlagen oft außer Acht gelassen. Dabei sei ESG - Umwelt, Soziales, Governance - heute gerade in den Schwellenländern wichtig, selbst wenn ihre ESG-Performance nicht immer perfekt sei.

Das Thema entwickele sich in den Emerging Markets, und speziell in Asien, sehr schnell. Bei Neuberger Berman halte man daher einen aktiven, engagierten und vorausschauenden - und damit im besten Sinne nachhaltigen - Investmentansatz für unumgänglich. Diese Herangehensweise bringe allerdings bei Emerging-Market-Anleihen und insbesondere bei staatlichen Emittenten einige Herausforderungen mit sich.

Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung würden in den Emerging Markets leben. Auf sie würden ungefähr 60 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) und zwei Drittel der weltweiten CO2-Emissionen entfallen. Nach Schätzungen der HSBC müsste China etwa 200 Billionen Renminbi investieren, um bis 2060 Netto-Nullemissionen zu erreichen. Das würde etwa 200 Prozent des derzeitigen BIP ausmachen. Für Indien halte die Bank of America Investitionen in Höhe von mehr als 400 Milliarden US-Dollar noch in diesem Jahrzehnt für nötig, um die Emissionen zu senken.

Staats- und Unternehmensanleihen würden dabei eine wichtige Rolle spielen, ebenso wie grüne, soziale und nachhaltige Anleihen. Nach Angaben der Climate Bonds Initiative sei der Markt für grüne Anleihen 2020 nirgendwo so stark gewachsen wie in den Schwellenländern. In dem Jahr habe beispielsweise die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) ihre erste Nachhaltigkeitsanleihe begeben. Außerdem sei China das Land mit den größten Emissionen sozialer Anleihen gewesen.

Investoren in Emerging-Market-Anleihen könnten viel zur Nachhaltigkeit beitragen. Das sei jedoch nicht immer einfach.

So sei die Nachhaltigkeit des öffentlichen Sektors nur ein Teilaspekt, weil der Staat entsprechende Gesetze und Vorschriften erlasse. Ein Anleger, der in nachhaltige Staatsanleihen investieren möchte, müsse Wirtschaft und Unternehmen eines Landes daher genau kennen und wissen, wie sich Gesetze und Vorschriften entwickeln würden. Separat betrachtet, könnten die ESG-Ratings für den öffentlichen Sektor irreführend sein.

Ein Fokus ausschließlich auf Ratings könne möglicherweise sogar zu schlechten Anlageergebnissen führen. Reichere Länder hätten oft stabilere Institutionen, meist herrsche hier auch weniger Ungleichheit. Das führe zu höheren ESG-Ratings. Die Weltbank schätze, dass sich die Unterschiede zwischen den ESG-Punktzahlen von 133 Ländern (und sieben Anbietern) zu 90 Prozent mit Unterschieden des Pro-Kopf-Einkommens erklären lassen würden. Wenn das Geld dann den Ratings folge, würden nur die reicheren Länder reicher. Ärmere Länder würden so nicht die nötigen Mittel erhalten, um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das könne den Fortschritt bremsen.

Es sei daher ratsam, neben dem gängigen Best-in-Class-Konzept auch eine vorausschauende Perspektive einzunehmen. Ausschlüsse seien durchaus wichtig. Zurzeit entfalle ein Viertel des Marktes auf 20 staatliche Emittenten, die nach Ansicht von Neuberger Berman in einem Portfolio nachhaltiger Emerging-Market-Anleihen nichts verloren hätten. Offener sei Neuberger Berman jedoch für Länder, die ärmer seien und (deshalb) vielleicht niedrigere ESG-Ratings hätten, in denen es aber klare Anzeichen für Verbesserungen gebe.

Zunehmend wichtiger werde außerdem der Dialog, auch wenn er gerade mit staatlichen Emittenten nicht immer einfach sei. Selbst wenn ein Land nur wenig Fortschritte mache, könne Investoren-Engagement für Verbesserungen bei wichtigen Themen wie CO2-Emissionen, internationale Steuertransparenz, Korruptionsbekämpfung, Geldwäsche und Finanzierung von Terrorismus sorgen.

Wenn Investoren bei Nachhaltigkeitszielen Prioritäten festlegen würden, sollten sie die Zukunft stets im Blick haben. Neuberger Berman halte nicht alle Ziele für gleich relevant. Anpassung an den Klimawandel und Klimaschutz seien überall wichtig, aber in den Emerging-Market-Ländern seien auch soziale Ziele von besonderer Bedeutung - vor allem eine höhere Lebenserwartung und bessere Bildung. Solange sich hier nichts ändere, würden sich viele andere der UN-Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen lassen.

Ähnlich sehe es bei Unternehmensanleihen aus. Insbesondere bei High-Yield-Emittenten, die in der Regel weniger auf nachhaltigkeitsbezogene Veränderungen vorbereitet und diesen oft stärker ausgesetzt seien, sehe man bei Neuberger Anzeichen dafür, dass der Markt die höhere Qualität von Emittenten mit hoher ESG-Bewertung anerkenne. In den letzten fünf Jahren seien Ertrag und Volatilität des JPMorgan ESG Asia Credit High Yield Index (JESG JACI HY) und des klassischen JACI HY beispielsweise recht ähnlich gewesen. In den letzten zwölf Monaten, als die Zeiten für die Assetklasse durchaus noch schwieriger gewesen seien, habe die ESG-Variante des Index vorn gelegen und sei dabei weniger volatil gewesen. Ihr Vorsprung könnte sogar noch größer werden. Emerging-Market-Regionen wie Asien hätten in puncto Nachhaltigkeit zwar noch Nachholbedarf, aber gerade hier seien Investitionen oft am wichtigsten. Regierungen, Unternehmen und Verbraucher würden hier oft die schnellsten Fortschritte machen.

Der große Bedarf an Klimaschutzinvestitionen allein in China und Indien sei schon erwähnt worden. Immer wichtiger werde aber auch soziale Gerechtigkeit; vor allem in Asien müssten die Regierungen dafür mehr unternehmen. Chinas neue strategische Schwerpunktsetzung mit dem Ziel "Wohlstand für alle" sei wohl das bekannteste und wichtigste Beispiel.

Hinzu komme, dass Aufsichtsbehörden höhere Anforderungen an das Nachhaltigkeits-Reporting stellen würden, insbesondere in Asien. An der Spitze stehe Hongkong mit einer Reihe von Maßnahmen. Ein weiteres Beispiel sei das Securities and Exchange Board of India (SEBI). Mit den neuen BRSR-Richtlinien (Business Responsibility and Sustainability Reporting) habe das Board ebenfalls strengere Regeln erlassen. Zusammen mit den koordinierten Vorgaben UN-Initiative nachhaltiger Börsen (Sustainable Stock Exchanges Initiative SEE) dürften auch solche Maßnahmen den Blick auf die Nachhaltigkeitsperformance von Ländern, Sektoren und Unternehmen lenken, sodass der Wettbewerb Fortschritte erzwinge.

Wie bei staatlichen Emittenten müssten Investoren auch hier unbedingt die Zukunft im Blick behalten und auf ein Nachhaltigkeitskonzept mit intensivem Dialog setzen, vor allem bei High-Yield-Emittenten. Nur so würden sich die Gewinner und Verlierer des Wandels erkennen lassen und Unternehmen bei den nötigen Veränderungen helfen.

Was genau sei mit vorausschauend gemeint? Staatliche Emittenten wie die Elfenbeinküste scheinen hier interessant zu sein, so die Experten von Neuberger Berman. Auf den ersten Blick wirke das Land nicht gerade wie ein Nachhaltigkeitsführer. Erst mit Waffengewalt habe der Verlierer der Präsidentschaftswahlen 2010 dazu gebracht werden können, seine Niederlage einzugestehen. Die politische Stabilität bleibe weiterhin ein Problem. Außerdem gebe es viel zu viel Kinderarbeit.

Dennoch mache das Land große Fortschritte. So steige die schon jetzt recht hohe Lebenserwartung weiter, ebenso nehme die theoretische und praktische Dauer des Schulbesuchs zu. Die Bertelsmann Stiftung und das Sustainable Development Solutions Network (SDSN) würden schätzen, dass sich in den letzten fünf Jahren in Afrika nur der Sustainable Development Report Index von Kenia stärker verbessert habe.

Bei Unternehmensanleihen falle ein chinesischer Aluminiumproduzent auf, mit dem Neuberger Berman seit einiger Zeit in Kontakt sei. Aluminium sei ein energieintensiver Sektor und die CO2-Intensität des Unternehmens sei überdurchschnittlich hoch, weil über 90 Prozent seiner Energie aus Kohlekraftwerken stamme. Bei Neuberger Berman gehe man allerdings davon aus, dass das leitende Management bei dieser Herausforderung langfristig denke - nicht zuletzt wegen der jüngsten Emissionsziele der chinesischen Regierung.

Bis Anfang des nächsten Jahres solle ein externer Berater eine Dekarbonisierungsstrategie entwickeln. Außerdem wolle das Unternehmen bis zum Ende des Geschäftsjahrs 2022 ein Drittel seines Energiebedarfs nicht mehr mit Kohle, sondern mit Wasserkraft decken. Neuberger Berman denke, dass das Unternehmen deshalb - und wegen eines Joint Ventures mit einem deutschen Recycling-Unternehmen zur Rückgewinnung von Aluminium - deutlich zukunftsfähiger sei als seine Wettbewerber.

Damit das Kapital dort investiert werde, wo es unter Nachhaltigkeitsaspekten am dringendsten gebraucht werde, sollten Anleihen-Emittenten wie diese in Nachhaltigkeitsportfolios eine wichtige Rolle spielen. Sie würden zwar noch nicht perfekt sein mögen, aber zweifellos sehr große Fortschritte machen. (28.10.2021/alc/a/a)