Erweiterte Funktionen

Märkte in Moll und die wichtigste Zahl der Welt


15.12.22 08:45
Fürst Fugger Privatbank

Augsburg (www.anleihencheck.de) - In den letzten Monaten durften wir eine Renaissance des totgeglaubten Habenzinses erleben, die sich atemberaubend schnell vollzog, so Rainer Weyrauch, Mitglied des Managementgremiums für die Vermögensverwaltungen und Leiter der Niederlassung Köln der Fürst Fugger Privatbank Aktiengesellschaft.

Die Geschwindigkeit dieses Anpassungsprozesses sei mit schmerzhaften Auswirkungen bei den Anleihekursen einhergegangen. Anleger sollten diese Rückgänge aber nicht als verloren betrachten. Sie könnten vielmehr ihre Rendite der kommenden Jahre darstellen. Gleichzeitig habe sich das wieder attraktive Renditeniveau von 3 bis 4% nutzen lassen, um lange Laufzeiten von guten Emittenten einzusammeln. So lasse sich in den Depots eine Grundrendite der zukünftigen Jahre sichern. Die Bewegungen an den Zinsmärkten seien auch noch nicht vorbei und in den nächsten Wochen könne es durchaus noch zu einigen Schwankungen kommen. Sie würden jedoch durch die Zeit geheilt.

Und damit zur derzeit wichtigsten Zahl, um die sich die gesamte Finanzwelt drehe - die US-Inflationsrate: Sie sei es gewesen, die die deutlichen Zinserhöhungen der jüngeren Vergangenheit ausgelöst habe und es würden noch weitere folgen. Die US-Notenbank FED wolle mit allen Mitteln die Inflation dämpfen und nehme dafür auch rezessive Tendenzen billigend in Kauf. Ihr Ziel sei, dem Wirtschaftskreislauf massiv Geld zu entziehen. Eine Rally an den Aktienmärkten wäre bis zur erfolgreichen Inflationsdämpfung gar nicht gewünscht. Sie würde wieder Geld schaffen.

Die Märkte würden sich daher in einer Art abwartendem Moll-Zustand befinden: Eigentlich hoffe jeder auf den Befreiungsschlag (sonst wären die Kurse auch schon deutlich tiefer). Als vor zwei Wochen die Inflation in den USA nicht weiter gestiegen sei, hätten an den Märkten schon die Korken geknallt. Nur kurz, aber es habe für einen Vorgeschmack gereicht. Und tatsächlich seien ja zahlreiche Vorzeichen positiv: Die Frachtraten würden fallen, Lieferketten würden sich beruhigen, Engpässe bei Materialbeschaffung und Chipproduktion würden sich auflösen, Rohstoffpreise kämen deutlich zurück und auch die Bau-Konjunktur habe eine Vollbremsung hingelegt. Nur die Arbeitsmärkte als Spätindikator seien immer noch angespannt, weil allerorts schlicht die Menschen fehlen würden. Die Bremsspuren einer Rezession würden aber in einigen Branchen noch kommen. In Europa komme zusätzliche Belastung von den hohen Energiepreisen.

Was dürfe man also erwarten? Eine schwächere Konjunktur und hohe Energiekosten würden auf die Unternehmensergebnisse drücken. Die Aktienmärkte dürften daher spürbar schwanken - zumindest im ersten Quartal 2023. Die weiter anstehenden Zinserhöhungen der Notenbanken würden außerdem dafür sorgen, dass auch an den Zinsmärkten noch keine Ruhe einkehre. Anleger, die Liquidität auf der Seite hätten, können sie für Käufe von langlaufenden Anleihen nutzen - auch wenn wir die Zins-Höchststände bei langen Laufzeiten mit hoher Sicherheit schon hinter uns haben, so Rainer Weyrauch. An den Aktienmärkten dürften die ersten Monate des kommenden Jahres die eine oder andere Kaufgelegenheit bieten. (15.12.2022/alc/a/a)