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Die Liquiditätssucht der Märkte wird immer stärker


22.08.13 11:49
MFS Investment Management

Boston (www.anleihencheck.de) - Veränderungen sind niemals einfach. Oft führen sie zu Verwerfungen. Manchmal sind sie sehr schmerzhaft, so Robert Spector, CFA Portfolio Manager bei MFS Investment Management.

Vieles spreche dafür, dass sich die beiden größten Volkswirtschaften der Welt USA und China in einer Übergangsphase befinden würden. In beiden Ländern würden Veränderungen unvermeidlich zu sein scheinen. Die Ergebnisse würden die Experten noch nicht kennen, doch sie hätten keinen Zweifel, dass sie große Auswirkungen auf die Weltkonjunktur und die Finanzmärkte haben würden.

Über welche Veränderungen würden die Experten reden? In den USA stehe der unvermeidbare Übergang von einer extrem expansiven Geldpolitik zu einer normalen Liquiditätsversorgung bevor. In China seien es schwächeres Wachstum und Strukturreformen. Betrachten wir beide Länder etwas genauer, so die Experten von MFS Investment Management.

Amerikanische Leitzinsen von 0% und eine nicht enden wollende Bilanzausweitung der FED seien nicht nachhaltig, weil das die Assetpreise verzerre und die Preisstabilität auf Dauer gefährde. Hinzu komme, dass sich eine solche Politik umso schwerer beenden lasse, je länger sie Bestand habe. Letztlich sei die Normalisierung der Geldpolitik immer nur eine Frage des Wann und des Wie gewesen. Dass es irgendwann so weit sein würde, habe außer Frage gestanden.

Die Marktvolatilität im Juni habe Investoren und Notenbank gleichermaßen wachgerüttelt. Das vielzitierte "Tapering" - das allmähliche Ende des Quantitative Easing - werde möglicherweise früher kommen, als von vielen Investoren vermutet. Die FED wiederum habe gelernt, dass die Kommunikationsstrategie oft wichtiger sei als die Nachricht selbst.

Im Juli sei sie daher um Klarheit bemüht gewesen. Das Ergebnis sei der Vortrag von Ben Bernanke vor einem Ausschuss des amerikanischen Kongresses gewesen. Der Notenbankchef habe in seinen Äußerungen Wert darauf gelegt, dass die FED zwei verschiedene Instrumente einsetze: Wertpapierkäufe ("Quantitative Easing‘") und öffentliche Leitzinsprognosen ("Forward Guidance").

Nach dem Zeitplan der FED würden die Leitzinsen so bald nicht angehoben, auch wenn die FED die Wertpapierkäufe im weiteren Verlauf dieses Jahres zurückführe und im nächsten Jahr beende (immer vorausgesetzt, dass der Konjunkturausblick dies zulasse). Für die Marktteilnehmer sei dies zweifellos eine Beruhigung gewesen, da starke Leitzinserhöhungen zwangsläufig dem Wachstum schaden würden.

Im 2. Quartal sei das reale Wirtschaftswachstum mäßig geblieben. Zwar hätten Wohnimmobilien- und Arbeitsmarkt Fortschritte gemacht. Doch gebe es Anzeichen dafür, dass die straffere Fiskalpolitik die Konjunktur noch immer bremse. All dies werde Auswirkungen darauf haben, wann die FED mit dem Tapering beginne. Letztlich sei die Gefahr von Fehlentscheidungen aber umso größer, je länger sie ihre aktuelle Geldpolitik fortsetze - denn es werde immer schwerer, die Märkte von ihrer Liquiditätssucht zu entwöhnen.

Bevor sich die Experten mit China befassen würden, möchten sie aber noch kurz auf eine andere Veränderung bei der FED eingehen. Im nächsten Jahr werde sie einen neuen Vorsitzenden bekommen. Schon bald müsse Präsident Obama einen Nachfolger für Ben Bernanke benennen. Zurzeit würden seine derzeitige Stellvertreterin Janet Yellen und der frühere Finanzminister Larry Summers vorn zu liegen scheinen. Es könnte aber auch jemand anders werden.

Chinas Wirtschaftswachstum gehe zurück, von zuletzt 8% bis 10% jährlich auf vielleicht 7,0% bis 7,5% jährlich. Mit Blick auf die fallenden Exporte, die schwachen Geschäftsklimaindices und die geringen Bauinvestitionen könnte es sogar noch niedriger ausfallen.

China befinde sich in einer Phase struktureller Veränderungen. Das Land solle unabhängiger von Exporten und Bauinvestitionen werden und stattdessen mehr konsumieren. Für die neue Führung sei dies eine wichtige Aufgabe: Ihre Vorgänger hätten zwar über Strukturveränderungen geredet, aber letztlich nichts getan. All dies führe zu veränderten Rahmenbedingungen.

Die neue Führung habe gezeigt, dass sie nicht bereit sei, bedenkenlos Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen und das Kreditwachstum zu fördern, sobald sich ein schwächeres Wachstum abzeichne. Man befürchte, dass die Überkapazitäten in vielen Sektoren zu Deflation und einer wachsenden Zahl von Problemkrediten führen könnten.

Premierminister Li habe auf das schwächere Wachstum mit Kapazitätskürzungen und gezielten fiskalpolitischen Maßnahmen reagiert. Er habe aber der Versuchung widerstanden, die Geld- und Kreditmenge auszuweiten, weil dies den geplanten Strukturveränderungen zuwider liefe.

Eines stehe aber fest: Das schwächere Wachstum in China bleibe nicht ohne Folgen. Es bestehe die Gefahr politischer Fehlentscheidungen mit der Folge einer harten Landung oder einer verzögerten Anpassung der Wirtschaftsstruktur. Dadurch würde auch in den mit China eng verbundenen Emerging-Market-Ländern das Wachstum zurückgehen - ebenso wie in den Industrieländern, die ebenfalls von China abhängen würden. Das gelte insbesondere für Rohstoffexporteure wie Kanada und Australien. Andererseits würde eine steigende Konsumgüternachfrage in China auch Chancen bedeuten. (22.08.2013/alc/a/a)