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Kreditmärkte: Das fundamentale Umfeld hat sich deutlich abgeschwächt


08.05.25 16:00
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Charudatta Shende, Head of Client Portfolio Management Fixed Income und Fixed Income Stratege bei Candriam, kommentiert die jüngsten Entwicklungen an den Kreditmärkten.

Der April habe sich zu einem Monat heftiger Turbulenzen an den Finanzmärkten entwickelt, die von einer Flut politischer Manöver, wirtschaftlicher Ungewissheit und einer sich verändernden Geldpolitik ausgelöst worden seien. Die Märkte seien durch erhöhte Zölle, eine eskalierende Rhetorik und Vergeltungsmaßnahmen verunsichert worden, was die Anleger dazu veranlasst habe, die Wachstumsaussichten neu zu bewerten, erhöhte Rezessionsrisiken einzupreisen und sich aus risikoreicheren Anlagen zurückzuziehen.

Die transatlantischen Divergenzen in der Geldpolitik hätten die Volatilität noch verstärkt. In Europa habe die Europäische Zentralbank (EZB) entschlossen gehandelt und die Zinssätze aus Angst vor einer anhaltend schwachen Inflation und einem nachlassenden Wachstum gesenkt. Auf der anderen Seite des Atlantiks habe sich die US-Notenbank jedoch dem Ruf nach einer lockeren Politik widersetzt und dies mit der Sorge begründet, dass Zölle den Inflationsdruck verschärfen könnten. Dieser politische Spagat habe zu Gegenströmungen auf den Kreditmärkten geführt, die aufgrund der makroökonomischen Unsicherheit bereits angespannt gewesen seien.

Als die Risikoaversion um sich gegriffen habe, sei es an den Kreditmärkten für Investment-Grade- (IG) und High-Yield-Anleihen (HY) zu einer deutlichen Ausweitung der Spreads gekommen. Präsident Trump, der einen weicheren Ansatz gegenüber China und eine 90-tägige Zollbefreiung signalisiert habe, habe zur Stabilisierung der Anlegerstimmung beigetragen. Als die Spannungen nachgelassen hätten, seien die Credit Spreads deutlich zurückgegangen: In den USA hätten sich die Spreads für IG auf 109 Basispunkte und für HY auf 394 Basispunkte verringert, während sie in Europa auf 111 Basispunkte für IG und 370 Basispunkte für HY gesunken seien.

Dennoch seien die Narben, die die April-Turbulenzen hinterlassen hätten, tief. Das fundamentale Umfeld habe sich deutlich abgeschwächt. Die Führungskräfte der Unternehmen, die durch die Unberechenbarkeit der Politik verunsichert seien, hätten ihre Prognosen zunehmend ausgesetzt, wobei der Einzelhandel und der Automobilsektor besonders betroffen seien. In den Vereinigten Staaten würden die Zahlungsausfälle von Unternehmen in alarmierendem Maße zunehmen. Nach Angaben von S&P Global habe es im ersten Quartal 2025 188 große Unternehmensinsolvenzen gegeben - die höchste Quartalszahl seit 2010. Erschwerend komme hinzu, dass in diesem Jahr 150 Milliarden US-Dollar an Sub-Investment-Grade-Verbindlichkeiten zur Refinanzierung anstünden, was zu erheblich höheren Kreditkosten führe.

Mit Blick auf die Zukunft würden die Aussichten für die Kreditmärkte weitgehend von diesen technischen Faktoren abhängen. Einerseits würden die hohen Renditen - rund 5 Prozent für US-amerikanische IG und 3 Prozent für europäische IG und fast 6 Prozent bzw. 8 Prozent für europäische und US-amerikanische HY3 - einen attraktiven Carry und einen Puffer gegen weitere Spread-Ausweitungen bieten. Auch im Vergleich zu anderen Risikoanlagen hätten sich Unternehmensanleihen im bisherigen Jahresverlauf als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Außerdem würden sich die Fundamentaldaten zwar verschlechtern, aber von einem relativ robusten Niveau aus, was darauf hindeute, dass keine unmittelbare Krise drohe. Dies könnte dazu führen, dass die Abflüsse etwas eingedämmt würden und der Appetit der Anleger vorübergehend zunehme.

Die Marktpsychologie sei jedoch nach wie vor brüchig. Negative Schlagzeilen oder eine risikoarme Stimmung könnten weitere Abflüsse auslösen, die Spreads unter Druck setzen und die Volatilität verstärken. Besonders besorgniserregend sei das Schreckgespenst der Fallen Angels - große Emittenten wie Ford, die vom IG- in den HY-Status abrutschen würden - was die Marktliquidität belasten und den Verkaufsdruck verstärken könnte.

Inmitten der Volatilität lägen jedoch auch Chancen, denn die Kreditmärkte würden in eine Phase größerer Heterogenität eintreten, was eine sorgfältige Sektor- und Emittentenauswahl begünstige. Sektoren, die weniger anfällig für makroökonomische Schocks seien, wie zum Beispiel die Telekommunikationsbranche, würden sich wahrscheinlich besser entwickeln als zyklischere Branchen wie die Automobilindustrie und der Einzelhandel. Geografisch gesehen könnten europäische Unternehmensanleihen aufgrund der akkommodierenden Haltung der EZB relativ widerstandsfähig sein, während sich ihre US-Pendants angesichts der höheren Inflation und des hohen Zinsniveaus in den USA als anfälliger erweisen könnten.

In einem solchen Umfeld sollten Anleger mit dem Strom schwimmen - das heiße, die technischen Daten aufmerksam beobachten, selektiv vorgehen und ihre Portfolios so positionieren, dass sie die Strömungen navigieren würden und sogar von den Kräften profitieren würden, die die globale Kreditlandschaft prägen würden. (08.05.2025/alc/a/a)