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Konjunktur: BREXIT-Sorgen, Renten: Neue historische Renditetiefs


17.06.16 10:58
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Schon wieder droht ein EXIT, so die Analysten der Weberbank.

Langsam werde es zu einer schlechten Angewohnheit, im Juni eines jeden Jahres den Ausstieg (englisch: Exit) eines europäischen Landes aus dem Staatenverbund zu thematisieren. Fast zur gleichen Zeit im letzten Jahr hätten die Marktteilnehmer über die Folgen eines GREXITS, dem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, gerätselt. Die Unsicherheit über die Folgen sei groß gewesen, und die Kapitalmärkte hätten entsprechend verschnupft reagiert. Zwar wären die Ursachen und Folgen eines britischen Ausscheidens aus der Europäischen Union andere, die Reaktionen der Kapitalmärkte würden denen des letzten Jahres jedoch stark ähneln. Vor allem die Unsicherheit sei Gift für die Märkte. Diese sei zuletzt erneut geschürt worden, da Umfragen die Befürworter eines Austritts wieder leicht vorne gesehen hätten.

Bis zum britischen Referendum am 23. Juni 2016 sei mit erhöhter medialer Aufmerksamkeit zu rechnen. Das werde zwangsläufig zu stärkeren Schwankungen an den Kapitalmärkten beitragen. In der letzten Ausgabe von "Finanzmarkt aktuell" hätten die Analysten bereits detailliert ihre Erwartungen geschildert. Ihr Hauptszenario sei der Verbleib Großbritanniens in der EU. Das Ereignisrisiko eines Austritts bleibe jedoch vorhanden. Abseits dessen würden die volkswirtschaftlichen Rahmendaten zuversichtlich stimmen. Die europäischen Frühindikatoren würden einen robusten Wachstumspfad signalisieren. Auch in China deute vieles auf eine stabile wirtschaftliche Entwicklung hin.

Die Flucht in sichere Häfen habe das Bild der letzten Wochen geprägt. So hätten deutsche Papiere neue Renditetiefstände erreicht, und zehnjährige deutsche Staatsanleihen hätten erstmals in ihrer Geschichte mit negativen Renditen notiert. In der Schweiz sei das mittlerweile ein gewohntes Bild, für die Deutschen wirke es jedoch überaus befremdlich. Schweizer Anleger müssten mittlerweile bereit sein, dem Staat für mehr als 25 Jahre Geld zu leihen, um überhaupt noch positive Renditen zu erhalten.

Die Entwicklung in Deutschland sorge auch bei der EZB für Probleme bei der Durchführung des Anleihekaufprogramms. Sollten die Renditen der Bundesanleihen weiter sinken, dürften bald nur noch wenige deutsche Schuldtitel die EZB-Kriterien erfüllen. Nur solche Anleihen mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren, deren Rendite nicht unter dem aktuellen Einlagensatz von minus 0,4 Prozent lägen, würden die Voraussetzungen für das EZB-Programm erfüllen. Aktuell liege die Rendite von rund 50 Prozent aller deutschen Staatsanleihen unter diesem Mindestzins. Entweder ändere die EZB die Rahmenbedingungen ihres Kaufprogramms oder sie müsse über Umfang bzw. Dauer nachdenken.

Zeitgleich könnte in der zweiten Jahreshälfte die Inflation beginnen zu steigen. Sollten sich die Rohstoffpreise auf dem aktuellen Niveau halten, könnte die Preissteigerungsrate wieder Richtung 2 Prozent anwachsen. Die Analysten würden daher in der zweiten Jahreshälte die Gefahr steigender Renditen und damit einhergehend Kursrückgänge bei festverzinslichen Papieren sehen. Noch überlagere die BREXIT-Debatte diese Entwicklung, die Gefahren würden hier jedoch nachMeinung der Analysten wachsen und zur Vorsicht bei Papieren mit langer Restlaufzeit mahnen.

Am Aktienmarkt zeige sich ein paradoxes Bild. Aktien der Eurozone hätten seit Monatsbeginn deutlich mehr als ihre britischen Pendants in Heimatwährung verloren. Würden die Briten also besonnener auf die BREXIT-Sorgen als die restlichen Europäer reagieren? Es liege wohl eher daran, dass internationale Großinvestoren pauschal ihr Engagement in Europa zurückfahren würden, das in den letzten Jahren vor allem stark in der Eurozone aufgebaut worden sei. Auch seien Derivate für den Euroraum, die zur Absicherung verwendet würden, liquider und somit besser zu handeln als für den britischen Markt. Das Britische Pfund habe jedoch deutlich gegenüber dem Euro verloren und jegliche relative Stärke der Aktien zunichte gemacht.

Den Fels in der Brandung würden die USA darstellen. Der US-Aktienmarkt zeige sich seit Anfang Juni fast unverändert. Das Verhalten sei im historischen Kontext sehr typisch für Unsicherheitsphasen und habe die Analysten auch dazu bewogen, die US-Gewichtung in den Vermögensverwaltungsmandaten deutlich zu erhöhen. Unternehmensmeldungen würden in diesem Umfeld zwar in den Hintergrund treten, trotzdem sei es beruhigend, dass sich die Gewinnschätzungen stabilisiert hätten und in den USA beispielsweise schon wieder das Niveau vom Jahresbeginn hätten erreichen können. Wenn die Unsicherheit gewichen sei, werde man sich wieder stärker auf diese Trends konzentrieren.

Gold sei der Gewinner der letzten Wochen gewesen. Das Edelmetall habe erhöhte Nachfrage verzeichnet und nähere sich langsam den Jahreshöchstständen. Krisenängste, Zweifel an der Politik der Notenbanken und die Suche nach Anlagealternativen hätten Investoren gelockt. Die Analysten würden Gold weiterhin als attraktive Ergänzung eines gut aufgestellten Portfolios erachten. (17.06.2016/alc/a/a)