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Kapitalmarktkommentar: The First Cut is the Deepest


10.09.24 10:45
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - The First Cut is the Deepest. Ein alter Songtitel beschreibt sehr gut die Bedeutung der lange erwarteten und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch eintretenden ersten Leitzinssenkung der amerikanischen Notenbank FED im September - nachdem diese im August im Rahmen der Jackson Hole-Konferenz de facto angekündigt wurde, so Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management.

Zum einen werde damit der von den Marktteilnehmern herbeigesehnte Richtungswechsel im Zinspfad offiziell eingeläutet und zum anderen die bereits eingepreiste Trendwende am Rentenmarkt bestätigt. Bis dato sei die unveränderte US-Zinspolitik entsprechend restriktiv gewesen, denn die Inflationsrate tendiere bereits seit geraumer Zeit in Richtung der angepeilten Zielgröße von zwei Prozent und die Wirtschaftsdaten inklusive der Spätindikatoren vom Arbeitsmarkt hätten sich in den letzten Monaten schon merklich abgeschwächt. Noch offen und wohl von den Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten abhängig sei das Ausmaß des ersten Zinssenkungsschritts, wobei nun von einer Fokussierung der FED auf die Zielsetzung der Beschäftigung auszugehen sei, nachdem bislang die Inflation im Vordergrund gestanden habe.

Bei aller "Euphorie" über die erste Zinssenkung der FED müsse man aber auch Vorsicht walten lassen. Grundsätzlich sei es zwar positiv zu sehen, wenn die Zinsen sinken würden, jedoch nur dann, wenn dieser Schritt nicht zwingend notwendig sei. Denn dann könnte die Zinswende für "risky assets" durchaus schon als Bestätigung dafür interpretiert werden, dass sich die US-Konjunktur deutlich abschwächen und damit verbunden auch das Gewinnwachstum bei den Unternehmen leiden werde. Rezessionen hätten häufig erst nach einem ersten Senkungsschritt begonnen und nur selten habe eine Rezession mithilfe von Zinssenkungen abgewendet sowie das Wirtschaftswachstum aufrechterhalten werden können.

Sollte es in den USA jedoch zu keiner Rezession kommen, und das von der Mehrheit der Investoren derzeit erwartete "soft landing" tatsächlich gelingen, so könnte man - zumindest kurzfristig - die Renditetiefs bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen infolge des schon vorweggenommenen Einpreisens von Zinssenkungen schon gesehen haben. Aus Sicht der Experten gebe es aktuell noch keine klare Evidenz - weder für das Rezessions- noch für das "soft landing"-Szenario. Entsprechend seien die Experten bei Aktien aktuell neutral positioniert.

Die Experten würden weiterhin sinkende europäische Staatsanleiherenditen erwarten, jedoch davon ausgehen, dass risikoreichere Staatsanleihen (Frankreich, Italien) noch besser performen würden. Daher würden die Experten diesen gegenüber deutschen Staatsanleihen den Vorzug geben. US-Staatsanleihen würden sie im Vergleich zu Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen etwas weniger begünstigt sehen und hätten sich auch hier entsprechend positioniert.

Am Markt für Hochrisikoanleihen (High-Yield-Anleihen) hätten die Experten zuletzt zunehmende Volatilität hinsichtlich der Entwicklung der Risikoprämien gesehen. Eine zunehmende Nervosität sei hier schwer zu leugnen. Allerdings: Saisonal bedingt sei die Primärmarktaktivität an den Credit-Märkten in den Sommermonaten relativ schwach gewesen, weshalb ein liquiderer September eher Aufschluss über die Verfassung des Marktes für Unternehmensanleihen geben werde. Die Experten würden vorerst bei Investmentgrade-Unternehmensanleihen (Spreadrisiko) engagiert bleiben, seien aber weiterhin vorsichtig in Bezug auf High-Yield-Spreadrisiken.

Die Experten würden Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen derzeit positiv betrachten, zumal sie hier relativ zu anderen Spread-Assets nach wie vor ein gutes Risiko-/Ertragsprofil sehen würden. Der per 18. September 2024 erwartete erste Zinssenkungsschritt der US-Notenbank und der von ihr gegebene Ausblick dürfte für diese - wie auch für alle anderen - Anleiheklassen besonders wichtig werden. Die Angst des Marktes vor einem "policy error" der US-FED sei zuletzt relativ hoch gewesen. Die Aufgabe der Notenbank bestehe nun darin, diese Ängste zu zerstreuen.

Die internationalen Aktienmärkte hätten sich von den Kursverlusten Anfang August wieder schnell erholen können. Im Bereich der Konjunkturdaten habe es in den letzten Wochen mehrheitlich schwächere Daten gegeben, die Berichtssaison zum zweiten Quartal habe aber erneut mehrheitlich positive Überraschungen gebracht. Trotz der Rücksetzer im August würden sowohl die Stimmungsindikatoren als auch die Positionierungen eine sehr positive Marktstimmung zeichnen. Die Experten würden nach der Rücknahme ihrer Aktienübergewichtung Anfang Juli bei ihrer neutralen Positionierung bleiben.

Global gesehen habe die Korrektur recht schnell wieder wettgemacht werden können. Deutlich verhaltener sei dies allerdings bei Emerging-Markets-Aktien der Fall gewesen. Insbesondere die Technologiesektoren würden hier weiter leiden, seien aber seit Jahresanfang noch deutlich im Plus. Die Bewertungen seien regional sehr unterschiedlich - auch der Sektorstruktur der unterschiedlichen Märkte geschuldet. Für Kursanstiege seien verbesserte Gewinne notwendig, von denen finde sich bisher jedoch keine Spur.

Die internationalen Rohstoffmärkte hätten sich in den letzten Wochen etwas schwächer präsentiert. Vor allem die zyklischen Industriemetalle sowie der Energiesektor hätten Preisrückgänge verzeichnet. Schwächere Konjunkturdaten würden auf ein verhaltenes Nachfragebild hindeuten. Der Edelmetallbereich habe hingegen von der Erwartung auf weiter fallende Leitzinsen und einem Rückgang der Renditen profitieren können. Die Experten würden im Rahmen der Taktischen Asset Allocation aktuell keine Position in der Anlageklasse Rohstoffe halten. (Ausgabe vom 09.09.2024) (10.09.2024/alc/a/a)