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Kapitalmarktkommentar: Braut sich da etwas zusammen?


08.08.24 14:00
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Zuletzt konnte man schon feststellen, dass sich die Datenlage zur globalen Konjunktur nach einem Aufwind bis ins Frühjahr ab Sommerbeginn tendenziell eingetrübt hat, so Karin Kunrath, Chief Investment Officer der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

Auch am bislang so robusten Arbeitsmarkt würden sich mittlerweile vermehrt Anzeichen einer Abkühlung zeigen. Der Kapitalmarkt habe diese Eintrübung der Makrodaten bisweilen mit "bad news are good news" im Hinblick auf baldige Zinssenkungen interpretiert, doch das habe sich nun ganz offensichtlich geändert. Auch der aktuelle "reality check" im Rahmen der Berichtssaison über die Unternehmensergebnisse im zweiten Quartal falle eher ernüchternd aus, zumal die Quote an positiven Überraschungen niedriger liege als in den letzten Quartalen und einzelne Aktien nach enttäuschenden Zahlen brutal abverkauft würden.

Die gesamte Gemengelage habe das bisherige "goldilock"-Szenario, das die Beste aller Welten in Kombination von soliden Unternehmensergebnissen bei stabilem Wachstum und niedriger Inflation beschreibe, schnell verfliegen lassen. Am Aktienmarkt dürften die zuletzt schon erhöhte Volatilität, die deutlichen Sektorrotationen und der Favoritenwechsel bereits Anzeichen für ein verändertes Narrativ gewesen sein. Der deutliche Abverkauf von "risky assets" infolge von schwächeren US-Industrie- und Arbeitsmarktdaten würden das fragile Umfeld bestätigen. Passend zu diesen aktuellen, zur Vorsicht mahnenden, Entwicklungen würden die statistisch schwächsten Börsenmonate August und September fallen. Jedenfalls gelte es zu beobachten, ob sich die Wirtschaftsdaten nicht nur in Relation zu den Erwartungen immer negativer darstellen und folglich in Richtung Rezession tendieren würden oder ob mithilfe der nun umso mehr erwarteten Zinssenkungen durch die Notenbanken ein "soft landing" und damit ein Durchstarten der Konjunktur gelingen könne.

Wesentliche Impulse seien im August auch vom alljährlichen Notenbankentreffen in Jackson Hole (USA) wie auch vom restlichen Verlauf der Berichtssaison zu erwarten. Darüber hinaus könnte eine Eskalation in den geopolitischen Konflikten für eine weitere Verunsicherung an den Märkten sorgen. Die Experten hätten Anfang Juli - nahe dem Höchststand am Aktienmarkt - Kursgewinne mitgenommen und hätten zeitgleich Anleihen auf tiefem Niveau mit attraktiven Renditen zugekauft.

Die Renditen risikoarmer Staatsanleihen seien im Juli abermals gesunken. Die Risikoprämien europäischer Peripherie-Anleihen (inkl. Frankreich) hingegen noch nicht. Die Experten würden weiterhin sinkende europäische Staatsanleiherenditen erwarten, jedoch davon ausgehen, dass risikoreichere Staatsanleihen (Frankreich, Italien) noch besser performen würden.

Hochrisikoanleihen (High-Yield-Anleihen) würden weiterhin weniger gefragt als noch zu Jahresbeginn bleiben. So seien Risikoprämien von High-Yield-Anleihen im Juli abermals angestiegen. Im Gegensatz dazu hätten sich Investmentgrade-Unternehmensanleihen weiterhin mit historisch niedrigen Spreads behauptet. Die Experten würden - solange sich keine globale wirtschaftliche Abschwächung andeute - bei IG-Unternehmensanleihen (Spreadrisiko) weiterhin engagiert bleiben, aber die Finger von High-Yield-Spreadrisiken lassen. Zuletzt seien zwar u.a. schwächere Arbeitsmarktdaten zu beobachten gewesen, doch sei es nach Meinung der Experten noch zu früh, Investmentgrade-Spreadrisiken gänzlich zu meiden.

Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen hätten die Renditerückgänge von US-Staatsanleihen zuletzt nicht mitmachen können, dementsprechend seien deren Risikoprämien angestiegen. Belastend hätten u.a. schwächere Daten aus China sowie geopolitische Risiken mit enormem Eskalationspotenzial (Israel/Iran etc.) gewirkt. Die Experten würden ihre Positionen von Hartwährungs-Schwellenländeranleihen vorerst beibehalten, weil sie hier nach wie vor ein gutes Risiko-/Ertragsprofil sehen würden.

An den internationalen Aktienmärkten sei es in den letzten Wochen zu einer Konsolidierung gekommen. Im Bereich der Konjunkturdaten habe es in den letzten Wochen mehrheitlich schwächere Daten gegeben, während die Berichtssaison zum zweiten Quartal gut gestartet sei. Nach der sehr starken Kursentwicklung seit Jahresbeginn und einer gleichzeitig nachlassenden Konjunkturdynamik steige das Risiko für Kursrücksetzer. Die Experten würden daher nach der Rücknahme ihrer Aktienübergewichtung Anfang Juli bei ihrer neutralen Positionierung bleiben.

Auch Aktien aus den Emerging Markets hätten die letzten Wochen im Einklang mit den entwickelten Märkten deutlich korrigiert. Besonders schwach würden sich die Sektoren Grundstoffe und Immobilien darstellen. Positiv steche der Versorgersektor hervor. Das Gewinn-Momentum der Unternehmen müsse nach wie vor als mau bezeichnet werden. Die Bewertungen seien regional sehr unterschiedlich, was auch der Sektorstruktur der unterschiedlichen Märkte geschuldet sei. Dennoch seien für Kursanstiege verbesserte Gewinne notwendig, die bisher jedoch auf sich warten lassen würden.

Die internationalen Rohstoffmärkte hätten sich in den letzten Wochen etwas schwächer präsentiert. Vor allem die zyklischen Industriemetalle sowie der Energiesektor hätten Preisrückgänge verzeichnet. Schwächere Konjunkturdaten würden auf ein verhalteneres Nachfragebild hindeuten. Der Edelmetallbereich habe hingegen von der Erwartung auf weiter fallende Leitzinsen und einem Rückgang der Renditen profitieren können. (08.08.2024/alc/a/a)