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Ist die Jahresend-Rally bereits verfrühstückt?


08.12.17 12:45
Baader Bank

Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Mit Steuersenkungen wird die US-Wirtschaft deutlich entlastet, so Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG.

Vor allem die Unternehmensseite profitiere. Über Umsatz- und Gewinnsteigerungen gewinne damit der Fundamentalismus an Aktieneinfluss. Aber sei die Steuerreform nicht bereits erwartet worden? Sei sie also schon in den Kursen eingepreist? Überhaupt, könnte ein steuersenkungsbedingt höheres Wirtschaftswachstum die US-Notenbank auf den Plan rufen, die dann über eine restriktivere Zinspolitik die Aktienstimmung stark drücke? Und drohe den US-Finanzmärkten ähnlich wie 2011 Ungemach aufgrund des sich zuspitzenden Haushaltsstreits zwischen Demokraten und Republikanern mit der Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit Amerikas?

Allein die vorerst bis 2025 begrenzten steuerlichen Entlastungen der privaten Haushalte von 1 Bill. US-Dollar seien bereits ein Stabilisator für die Binnenwirtschaft und würden sich in einer Befestigung von US-Konsumaktien niederschlagen. Vor allem aber wolle die Trump-Regierung mit der permanenten und markanten Senkung der Unternehmenssteuern von 35 auf 20 Prozent die Wettbewerbsfähigkeit des amerikanischen Wirtschaftsstandorts verbessern. Die Zeiten der USA als Hochsteuerland sollten beendet werden. In der Tat, nach der Steuerreform liege der Steuersatz für Unternehmen im Vergleich zu anderen großen Industrieländern fast auf dem niedrigsten Niveau. Auch auf die Chancen der industriellen Revolution 4.0, der Digitalisierung wolle man standortseitig gut vorbereitet sein. Mit um die Hälfte höheren Unternehmenssteuern ergebe sich dann für den Industriekonkurrenten Deutschland ein Wettbewerbsnachteil, der zu Investitions- und Steuerverlagerungen der innovativen deutschen Unternehmen in die USA führen werde.

Über die Unternehmenssteuersenkung dürfte sich die bislang schon stabile Neuauftragslage in der US-Industrie gemäß ISM-Index weiter verbessern. Damit sei 2018 ein noch dynamischeres Gewinnwachstum der Unternehmen zu erwarten, das historisch mit einer zeitlichen Verzögerung von sechs Monaten auf die Entwicklung dieses Frühindikators reagiere. Laut Analysteneinschätzungen sollten die Unternehmensgewinne 2018 um bis zu 20 Prozent zulegen.

Steigende Gewinne würden nicht zuletzt die aktuell sportlichen Aktienbewertungen gemäß KGV-Methode entspannen.

Es stelle sich jetzt die Frage, ob eine Konjunkturbeschleunigung in den USA über die Steuerreform zu einem erhöhten Inflationsschub führe, auf den die US-Notenbank mit mehr Zinserhöhungen reagieren müsste. Auf Branchenebene werde dieses Szenario durchaus gespielt. Während prinzipiell hoch bewertete IT-Aktien auch aufgrund der Finanzierung ihrer umfangreichen Investitionsbudgets von höheren Zinsen eher negativ betroffen seien, kämen Banken in den Genuss höherer Zinsmargen.

Sicherlich sei im Durchschnitt mit einem erhöhten Wirtschaftswachstum in Amerika zu rechnen. Der allgemein schwache Preissteigerungstrend dürfte sich jedoch fortsetzen, da globaler Wettbewerbsdruck, digitalisierungsbedingt schwacher Lohnauftrieb und verhaltene Rohstoffpreise nachhaltig markante Bremswirkung entfalten würden.

Dies spreche für die Beibehaltung einer verhaltenen Zinserhöhungsagenda. Das komme auch in den durchschnittlichen Erwartungen der Finanzmarktteilnehmer zum Ausdruck, die nach einer Zinserhöhung im Restjahr 2017 für 2018 weiterhin nur zwei Leitzinserhöhungen erwarten würden. Trotz der Steuersenkungsreform seien die Zinserhöhungserwartungen zuletzt sogar wieder gefallen.

In den USA sei das Schuldenlimit bereits wieder erreicht und müsse daher umgehend erhöht werden. Würden ähnlich wie 2011 erneut politische Scharmützel drohen, weil sich Republikaner und Demokraten nicht auf die Erhöhung einer neuen Schuldengrenze einigen könnten? Im Extremfall wären die USA zumindest technisch bankrott mit allen negativen Kollateralschäden für staatliche Investitionen, also für die Konjunktur, jedoch auch für die Anleihe- und Aktienmärkte.

Soweit werde es nicht kommen. Nach einer Zwischenfinanzierung werde man sich in zwar öffentlich zur Schau getragenen, theatralischen Auseinandersetzungen dennoch bis 22. Dezember auf einen neuen Budgetplan für 2018 geeinigt haben. Die Zustimmung der Demokraten werde mit republikanischen Zugeständnissen in puncto Gesundheitssystem und Katastrophenschutz gesichtswahrend erkauft. Außerdem würden die Demokraten den Republikanern angesichts der 2018 anstehenden Kongresswahlen nicht das Wahlargument schenken, sie seien Staatsbankrotteure. Ein Szenario wie im August 2011, als der US-Aktienmarkt (S&P 500) innerhalb von gut zwei Wochen um ca. 17 Prozent eingebrochen sei, sei daher nicht zu erwarten.

Im Vergleich zu 2011 würden sich heute die politischen Befürchtungen arg in Grenzen halten. Das komme deutlich in einer klar gesunkenen (wirtschafts-)politischen Unsicherheit gemäß US Economic Policy Uncertainty Index - er messe die wirtschaftspolitische Unsicherheit in den USA anhand der Häufigkeit von entsprechenden Medienbeiträgen - zum Ausdruck. In der Konsequenz würden sich ebenso die politisch bedingten Kursschwankungen der US-Aktienmärkte zurückhalten.

Grundsätzlich falle die Datenlage pro Aktien aus. Allerdings scheine sie bereits stark in den Kursen eingepreist zu sein. Auch seien die großen Vermögensverwalter mit der Performance für das laufende Jahr so zufrieden, dass sie abseits einer soliden Aktienbefestigung keine ungebremste Fortsetzung der frühen Jahresend-Rally erwarten würden. Zugleich seien aber größere Aktienrisiken ebenso nicht zu befürchten.

Charttechnisch würden beim DAX auf dem Weg nach oben die ersten Widerstände bei 13.098 und 13.145 Punkten verlaufen. Darüber nehme der Index Kurs auf die Barrieren bei 13.187, 13.229 und 13.342. Würden auch diese Widerstände überschritten, würden weitere bei 13.431 und 13.489 folgen. Dagegen würden im Falle von neuerlichen Kursrücksetzern erste Unterstützungen bei 13.033 und 12.969 verlaufen. Bei Unterschreitung sei mit Kursverlusten bis zur Unterstützung bei 12.951 und schließlich 12.921, 12.909 und 12.829 Punkten zu rechnen.

In China würden die Einzelhandelsumsätze und die Industrieproduktion im November ein stabiles Konjunkturbild vermitteln. In Japan deute der von der Notenbank veröffentlichte Tankan Index der Großindustrie auf eine verbesserte Konjunktursituation hin, der aber alle preistreibenden Kräfte fehlen würden.

In den USA würden sich die hard facts zu Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätzen im November wieder robuster zeigen. Die FED werde die allgemein erwartete Leitzinserhöhung um 25 Basispunkte vollziehen. Die Aufmerksamkeit der Anleger gelte jedoch den Konjunktur- und Inflationsprognosen sowie der Pressekonferenz, auf der die FED ein weiterhin gemächliches Zinserhöhungstempo in Aussicht stellen werde.

In der Eurozone würden die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor auf weitere konjunkturelle Nachholeffekte hindeuten. Die EZB bleibe auf ihrer bevorstehenden Sitzung - auch aufgrund fehlenden Inflationsdrucks - bei ihren geldpolitisch taubenhaften Tönen.

In Deutschland würden verbesserte ZEW-Konjunkturerwartungen die solide Konjunktursituation unterstreichen.

Disclaimer

Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.

Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.

Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten. (08.12.2017/alc/a/a)