Investmentidee: Können Strafzölle China stoppen? - Anleiheanalyse


26.07.24 09:50
Bank Vontobel Europe AG

München (www.anleihencheck.de) - Für Vontobel ist China eine Investmentidee und die Bank Vontobel Europe AG liefert Vorschläge, wie Anleger mit Anleihen von dieser Einschätzung profitieren können.

Obwohl Zölle und Handelsbarrieren seit der Globalisierung der Wirtschaft ab den Neunzigerjahren nicht gerne gesehen gewesen seien, scheine Protektionismus nun wieder salonfähig geworden zu sein. Nachdem die Vereinigten Staaten im Mai 2024 Einfuhrzölle auf chinesische Importe in Sektoren wie Elektromobilität, Halbleiter und Batterien teilweise drastisch erhöht hätten, ziehe jetzt auch die EU nach. Sowohl die EU als auch die USA wollten damit in erster Linie die unter Druck geratene inländische produzierende Industrie vor einer regelrechten Schwemme chinesischer Exporte schützen. Doch interessanterweise würden sich nun deutsche Autohersteller sogar gegen Zollerhöhungen aussprechen.

"Made in China 2025" - so heiße der vor beinahe zehn Jahren lancierte strategische Plan der Volksrepublik China mit dem Ziel, die chinesische Industrie aufzuwerten und zur führenden Hightech-Industrienation aufzusteigen. Dabei würden unter anderem Sektoren wie die Elektromobilität, Solarenergie und Robotik eine Schlüsselrolle spielen. Konkret lasse sich am Beispiel der Elektroautobranche beobachten, dass sich China dem Vorwurf ausgesetzt sehe, es habe seinen Herstellern durch Subventionen unter die Arme gegriffen und diesen ermöglicht, erhebliche Überkapazitäten aufzubauen. Diese wiederum hätten laut den Vorwürfen die Hersteller befähigt, eine weitaus wettbewerbsfähigere Preisstrategie zu verfolgen als ihre westliche Konkurrenz.

Solche Subventionen seien jedoch nur schwer nachzuweisen und zuzuordnen. Experten zufolge handele es sich dabei beispielsweise um Käuferrabatte, Umsatzsteuererleichterungen und direkte oder indirekte staatliche Finanzierungen von Industrieinfrastruktur und Forschung & Entwicklung. Demzufolge werde vermutet, dass zwischen 2009 und 2022 über 200 Milliarden Yuan (umgerechnet rund 29 Milliarden US-Dollar) für solche Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt worden seien.

Interessanterweise seien solche Unterstützungen anscheinend auch westlichen Autobauern zugutegekommen, die in China tätig gewesen seien und allein oder mit chinesischen Partnern in Joint-Ventures Elektrofahrzeuge produziert hätten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft habe in einer 2024 erschienenen Studie berechnet, dass mehr als 99 Prozent der chinesischen Unternehmen, deren Aktien öffentlich gehandelt würden, im Jahr 2022 staatliche Subventionen erhalten hätten.

Auch im Bereich der Batterien für Elektrofahrzeuge, einem essenziellen Teil der Zulieferungskette für Fahrzeugbauer, an welcher selbst westliche Unternehmen teilhätten, sei China auf der Pole Position. Laut einem Bericht der Denkfabrik Atlantic Council in Washington D.C. seien Chinas Ausfuhren von Lithium-Ionen-Batterien im Jahr 2023 sprunghaft auf 65 Milliarden US-Dollar angestiegen, gegenüber 13 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019. Nahezu zwei Drittel dieser Exporte seien nach Europa und Nordamerika gegangen. Hinzu komme, dass China zwar keinen Zugang zu allen zur Herstellung benötigten Rohstoffen habe, jedoch signifikante Kapazitäten bei deren Raffination aufgebaut habe.

Noch beeindruckender sei die Dominanz chinesischer Produzenten bei Solarstromanlagen. Um die Abhängigkeit von der traditionell westlich dominierten Ölindustrie zu minimieren, habe China bereits seit einigen Jahren die heimische Entwicklung und Produktion von Solarstromanlagen priorisiert. Dadurch seien sehr früh Wissens- und Kostenvorteile gegenüber der westlichen Konkurrenz entstanden. Mittlerweile würden über 80 Prozent der weltweit installierten Solarstromanlagen aus dem Reich der Mitte stammen.

Die Vereinigten Staaten würden China eine unlautere Handelspraxis vorwerfen. Präsident Biden habe im Mai dieses Jahres angekündigt, Zölle auf diverse chinesische Exportgüter zu erhöhen. Darunter falle unter anderem eine massive Erhöhung der Einfuhrzölle für elektrische Fahrzeuge aus China von vorher 25 Prozent auf neu 100 Prozent, eine Verdoppelung der Zölle für Solarzellenimporte von 25 auf 50 Prozent und für Halbleiter von ebenfalls 25 auf 50 Prozent. Dabei stehe laut dem Weißen Haus primär der Schutz amerikanischer Industrie und somit von Arbeitsplätzen im Fokus, aber auch eine sicherheitspolitische Komponente werde ins Feld geführt. US-amerikanische Politiker würden befürchten, dass chinesische Fahrzeuge, die sich in der Nähe von kritischen Sicherheitseinrichtungen befinden würden, in der Lage sein könnten, sensible Informationen zu sammeln und nach China weiterzuleiten.

Auf der anderen Seite des Atlantiks sei die EU in die gleiche Bahn wie die USA eingespurt, wenn auch in einem etwas tieferen Gang. Bereits im November 2023 seien erste Antisubventionsuntersuchungen der EU für diverse chinesische Exportsektoren gestartet. Diese hätten neben Bereichen wie Elektrofahrräder, Dekorpapier und Mehrschichtholzböden auch die umsatzstarken Elektrofahrzeuge umfasst. Im Juni 2024 sei dann auch auf dem alten Kontinent der Hammer gefallen.

Die EU-Kommission habe sich entschieden, dem Tenor der Vereinigten Staaten zu folgen, und mit Strafzöllen gegen die Einfuhr chinesischer E-Autos vorzugehen. Entschieden worden sei, die Importzölle unternehmensabhängig zu gestalten, je nach Ausmaß des entstandenen Schadens, der während der Untersuchung evaluiert worden sei. So würden beispielsweise bei Inkrafttreten der Maßnahmen Fahrzeuge der Marke BYD mit 17,4 Prozent besteuert, wohingegen der Hersteller SAIC mit einem Zuschlag von 38,1 Prozent versehen würde, da dieser nicht an der Antisubventionsuntersuchung teilgenommen habe.

Man könnte vermuten, dass die von der EU ergriffenen Maßnahmen von der europäischen Autoindustrie begrüßt und unterstützt würden. Interessanterweise würden jedoch auseinandergehende Auffassungen darüber herrschen, ob diese Schutzzölle mehr ein Schuss ins eigene Bein als ein willkommener Rettungsring seien. Während beispielsweise französische Autobauer, die über keine große operative Präsenz im Reich der Mitte verfügen würden, die Zollerhöhungen tendenziell willkommen heißen würden, spreche sich die deutsche Autoindustrie eher dagegen aus. Letztere hätten signifikante Anteile der Produktion von Elektrofahrzeugen nach China verlegt, und würden von dort in westliche Märkte exportieren.

Auch deren Exporte wären von den neuen Strafzöllen betroffen. Vermutet werde jedoch, dass hier Ausnahmeregelungen getroffen werden könnten, um europäischen Unternehmungen entgegenzukommen. Es entstehe außerdem das Dilemma, dass die von der EU gesetzten Klimaziele und das geplante Verbrenner-Aus bis 2035 ohne eine Kooperation mit Chinas E-Autoindustrie weitaus schwieriger zu erreichen wären.

Der US-amerikanische Branchenpionier Tesla produziere in der als "Gigafactory Shanghai" bekannten Fabrik einen Großteil seiner populären Elektrofahrzeuge Model 3 und Model Y. Da sich auch Tesla mit europäischen Importzöllen konfrontiert sehe, habe das Elon Musks Unternehmen als Reaktion auf den Entscheid der EU-Kommission angekündigt, dass eine Preiserhöhung der Fahrzeuge im europäischen Markt erwägt werde. Ob Tesla als amerikanisches Unternehmen ebenfalls von einer Ausnahmeregelung der EU profitieren könnte, stehe offen.

Es sei unklar, ob Zollerhöhungen Chinas Unternehmen dazu bringen könnten, vom Kurs abzuweichen. Die Gewinnmarge der chinesischen Autohersteller sei so hoch, dass es für viele Produzenten selbst mit einem Zollaufschlag möglich wäre, den Endpreis nicht zu erhöhen und nach wie vor kostendeckend zu verkaufen.

Außerdem stehe die Frage im Raum, ob chinesische Fahrzeugbauer bereits im Voraus mit einer solchen Reaktion der EU und den USA gerechnet hätten. So habe der nach Exportvolumen größte chinesische Fahrzeugbauer Chery im April 2024 verkündet, dass gemeinsam mit einem europäischen Partner eine Produktionsstätte in Spanien noch im selben Jahr eröffnet werden solle. Auch BYD habe bereits im Vorjahr Pläne zum Bau einer Fabrik in Ungarn angekündigt.

Trotzdem verfüge China über eine Anzahl von Möglichkeiten, um auf die Zollstrafen zu antworten. Obwohl der chinesische Automarkt sich in einem gesättigten Zustand befinde und die inländische Nachfrage problemlos von den chinesischen Produzenten gedeckt werden könne, sei der chinesische Markt für westliche Hersteller nach wie vor unverzichtbar wichtig. Teslas Model Y sei das zweitmeistverkaufte Modell in China (Stand 2024) und auch andere westliche Hersteller würden in Kooperationen mit lokalen chinesischen Herstellern einen signifikanten Marktanteil besitzen. Beispielsweise befinde sich die chinesische Automarke FAW-VW mit deutscher Beteiligung von Volkswagen und Audi nach BYD auf dem zweiten Rang der verkaufsstärksten Automarken im Inland. Eine Erschwerung des Zugangs zu diesem Markt wäre von den europäischen Herstellern wohl nicht gerne gesehen.

Die chinesische Handelskammer in Brüssel habe verlauten lassen, dass China als Reaktion auf die europäischen Strafzölle den Importzoll für westliche Fahrzeuge mit großen Verbrennermotoren (über 2,5 Liter Hubraum) von 15 auf 25 Prozent zu erhöhen erwäge. Diese Fahrzeugkategorie, unter welche viele Luxuslimousinen fallen würden, werde in China nach wie vor von westlichen Herstellern dominiert. Auch habe China angekündigt, als Antwort eine Anti-Dumping-Untersuchung gegen bestimmte aus den USA und Europa importierte Chemikalien und Lebensmittel gestartet zu haben. Beim Begriff Dumping handele es sich um die Praxis, Produkte weit unter dem Herstellungspreis zu veräußern und somit Marktanteile zu erobern, was einen Verstoß gegen internationale Handelsregeln darstelle. Bereits im Januar 2024 habe China beispielsweise eine Anti-Dumping Untersuchung für europäischen Branntwein eingeleitet. Betroffen wären bei Sanktionen dabei in erster Linie französische Unternehmen.

Die Richtung, die von beiden Seiten in den letzten Monaten eingeschlagen worden sei, scheine klar. Man wolle die einheimische Wirtschaft schützen und unterstützen, wenn nötig mit protektionistischen Maßnahmen. Ob und wie sich dieser Kurs schlussendlich auf die Volkswirtschaften Europas auswirken werde, könnte einerseits von den anstehenden Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten, andererseits von der Reaktion Chinas und dem Verhalten der westlichen Industrie, primär den Fahrzeugherstellern abhängen. Klar sei, dass Importzölle den Handel verkomplizieren und betroffene Unternehmen erwägen könnten, sich auf neue Märkte zu orientieren.

Chinesische Unternehmen könnten mittelfristig betrachtet auch vermehrt in die Fußstapfen ihrer westlichen Konkurrenz treten und Produktionskapazitäten in der Nähe von Absatzmärkten aufbauen, damit am wirtschaftlichen Geschehen teilhaben und dem Argument der Marktüberflutung aus dem Ausland den Wind aus den Segeln nehmen. Auch Kooperationen mit westlichen Fahrzeugherstellern könnten eine Lösung sein, die auf Unterstützung stoßen könnte.

Für Anleger, die am aktuellen Geschehen teilnehmen möchten und der Auffassung seien, dass die beschlossenen Maßnahmen eine Auswirkung auf die Kurse betroffener Unternehmen haben könnten, könnten folgende Produkte interessante Möglichkeiten bieten.

Eine Investmentidee sei zum Beispiel eine neue Multi Aktienanleihe mit Barriere (Worst-Of) Quanto auf die Aktien von BYD und Tesla. Die Anleihe könne noch bis zum 12. August 2024 gezeichnet werden. Die Multi Aktienanleihe mit Barriere (Worst-Of) Quanto sei mit einem Nennbetrag von 1.000,00 EUR sowie einem Kupon von 15,25% p.a. ausgestattet. Der Basispreis betrage 100,00% des Anfänglichen Referenzpreises, d.h. des Schlusskurses der Aktie am 12. August 2024 an den Referenzbörsen Hong Kong Exchanges and Clearing LTD und NASDAQ Global Select Market. Die Barriere liege bei 60,00% des Anfänglichen Referenzpreises. Fällig werde die Anleihe am 26. September 2025.

Korrelationsrisiko: Multi Aktienanleihen mit Barriere (Worst of): Dieser Typ der Aktienanleihen beziehe sich auf mehrere Basiswerte. Damit sei der Grad der Abhängigkeit der Wertentwicklung der Basiswerte voneinander (sog. Korrelation) wesentlich für die Beurteilung des Risikos, dass mindestens ein Basiswert seine Barriere erreiche. Anleger sollten beachten, dass bei mehreren Basiswerten für die Bestimmung des Auszahlungsbetrags der Basiswert maßgeblich sei, der sich während der Laufzeit der Wertpapiere am schlechtesten entwickelt habe (sog. Worst-of-Struktur). Das Risiko eines Verlusts des investierten Kapitals sei daher bei Worst-of-Strukturen wesentlich höher als bei Wertpapieren mit nur einem Basiswert.

Marktrisiko: Die Entwicklung der Aktienkurse der jeweiligen Unternehmen sei von vielen unternehmerischen, konjunkturellen und ökonomischen Einflussfaktoren abhängig, die der Anleger bei der Bildung seiner Marktmeinung zu berücksichtigen habe. Der Aktienkurs könne sich auch anders entwickeln als erwartet, wodurch Verluste entstehen könnten.

Emittenten- / Bonitätsrisiko: Anleger seien dem Risiko ausgesetzt, dass Emittent und Garant ihre Verpflichtungen aus dem Produkt und der Garantie - beispielsweise im Falle einer Insolvenz (Zahlungsunfähigkeit / Überschuldung) oder einer behördlichen Anordnung von Abwicklungsmaßnahmen - nicht erfüllen könnten. Eine solche Anordnung durch eine Abwicklungsbehörde könne im Falle einer Krise des Garanten auch im Vorfeld eines Insolvenzverfahrens ergehen. Ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals sei möglich. Das Produkt unterliege als Schuldverschreibung keiner Einlagensicherung. (Ausgabe vom 24.07.2024) (26.07.2024/alc/a/a)
Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:

Mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.