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Inflationsgespenster und langfristiges Inflationspotenzial
06.08.21 09:15
Raiffeisen Bank International AG
Wien (www.anleihencheck.de) - Die nächsten zehn Jahre haben ein deutlich höheres Inflationspotenzial als die vergangenen zehn Jahre, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).
Die Analysten der RBI würden denken, dass einige der strukturell und global preisdämpfenden Faktoren der letzten Dekaden in den 2020er Jahren schrittweise an Wirkungskraft verlieren könnten (z.B. Globalisierung, Demografie bzw. Ersparnisüberhang). Andere preisdämpfende Faktoren würden verbleiben (Digitalisierung), während man auch einige gesellschaftspolitische Trends sehe, die durchaus nachhaltig preiserhöhende Implikationen haben könnten. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Phase seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2008/2009 eine deutlich unterdurchschnittliche Güterpreisentwicklung und deutlich überdurchschnittliche Finanzmarkt-Preisentwicklung gegenüber den langfristigen Trends gebracht habe.
In den letzten zwei bis drei Dekaden habe vor allem das ökonomische Kalkül internationale Standort- oder Lieferkettenentscheidungen bestimmt. Dies könnte sich durch in den Vordergrund gerückte geopolitische und vor allem auf den Klimaschutz und weitere der ESG-Faktoren bezogene Entwicklungen der letzten Jahre ändern. Auch wenn hier teils marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt würden, müsse man eine Tendenz zu einem höheren Anteil an administrativ-staatlicher Preisfestsetzung feststellen. Zudem werde es hier wohl nicht "Big-Bang"-Effekte geben, sondern ein graduelles Einschleifen. Letzteres könne dann zu nachhaltigen Preisniveauerhöhungen führen, auch in Abhängigkeit von politischen Präferenzen, Wählerpräferenzen und konkreten Wahlentscheidungen. Da es sich bei Klimaschutz und ESG durchaus um globale Entwicklungen handle, könnten daraus nachhaltig preistreibende Trends entstehen. Letztendlich werde es solche global preistreibenden Faktoren benötigen, um global in den entwickelten Volkswirtschaften zu einer höheren Inflationsdynamik zu kommen. Nicht zu vernachlässigen sei hier auch, dass die USA durch einen substanziell preistreibenden Politikmix geprägt seien, deutlich stärker als in Europa. Dieser könne aber durchaus - wie wirtschaftshistorisch beobachtbar - Übertragungseffekte entwickeln.
Es müsse auch festgehalten werden, dass obige Themen sowie die COVID-19-Pandemie schon eine Ausbreitung des Sektor Staates in wirtschaftlichen Belangen gebracht hätten und möglicherweise noch bringen würden. Das schließe nicht nur die fiskalische, sondern nicht unwesentlich auch die regulatorische Tangente mit ein. Je stärker der öffentliche Bereich in wirtschaftliche Aktivitäten eingreife, desto größer sei auch die Gefahr höherer Preisentwicklungen im Vergleich zu einem marktwirtschaftlich dominierten Wirtschaftssystem. Eine Fokussierung des Staates auf innovative Rahmenbedingungen und Förderung der Wettbewerbssituation (Vermeidung von monopolistischen Strukturen) bei Ausnutzung marktwirtschaftlicher Elemente, insbesondere in ESG-Belangen, würde wahrscheinlich sozial verträglichere Preisentwicklungen begünstigen.
Allerdings gelte zu betonen, dass gerade in Europa bzw. im Euroraum (leicht) höhere Inflationsraten näher bei den Werten der 1990er oder frühen 2000er Jahre nicht per se negativ zu interpretieren seien. Auch in der Vergangenheit hätten marktwirtschaftliche Systeme gut mit durchschnittlichen Preissteigerungsraten um 2% bis 3% bestehen können. Solche Konsumentenpreissteigerungsraten sähen die Analysten der RBI in der Eurozone und hier vor allem in Ländern mit schon jetzt engen Arbeitsmärkten (z.B. Österreich, Deutschland) längerfristig durchaus im Bereich des Möglichen. Zumal auch in solchen exportlastigen Ökonomien die skizzierten möglichen auslaufenden Effekte der Globalisierung besonders zum Tragen kommen könnten.
Wie hoch die künftige Teuerungsrate tatsächlich ausfalle, hänge auch von der Berechnung der Preisindices ab. Die hedonistische Methode führe tendenziell zu einem niedrigeren Ausweis der Preissteigerung, weil Qualitätsverbesserungen preisreduzierend kalkuliert würden.
Prinzipiell würden wir auch vor dem Feinsteuerungs-Gedanken in Bezug auf die mittel- und langfristige Inflationsdynamik warnen, so die Analysten der RBI. So wie die EZB (und viele Prognostiker) in der Vergangenheit mit ihren hohen mittelfristigen Inflationserwartungen danebengelegen hätten, so könnten sie derzeit auf der anderen Seite irren.
Bei einer etwas prononcierteren mittel- und langfristigen Reflationsdynamik in Europa sollte zudem der Ausstieg aus (großen) Teilen unkonventioneller geldpolitischer Maßnahmen längerfristig möglich werden. Zudem sollte man bedenken, dass die großen Notenbanken (FED und vor allem die EZB) in den letzten Jahren mit dem Kampf gegen niedrige Inflationserwartungen und/oder sogar Deflationsrisiken beschäftigt gewesen seien und teilweise zu neuen und unkonventionellen Mitteln gegriffen hätten. Sollten die Inflationserwartungen bzw. -risiken nach der Welle der aktuellen Einmaleffekte in den Jahren 2021/2022 steigen, sähen die Analysten der RBI die großen Notenbanken in der Lage, steigende Inflationserwartungen mit konventionellen Mitteln einzudämmen - auch wenn dies (für Finanz-Marktakteure) die eine oder andere Überraschung bringen könnte. (Ausgabe vom 05.08.2021) (06.08.2021/alc/a/a)
Die Analysten der RBI würden denken, dass einige der strukturell und global preisdämpfenden Faktoren der letzten Dekaden in den 2020er Jahren schrittweise an Wirkungskraft verlieren könnten (z.B. Globalisierung, Demografie bzw. Ersparnisüberhang). Andere preisdämpfende Faktoren würden verbleiben (Digitalisierung), während man auch einige gesellschaftspolitische Trends sehe, die durchaus nachhaltig preiserhöhende Implikationen haben könnten. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Phase seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2008/2009 eine deutlich unterdurchschnittliche Güterpreisentwicklung und deutlich überdurchschnittliche Finanzmarkt-Preisentwicklung gegenüber den langfristigen Trends gebracht habe.
In den letzten zwei bis drei Dekaden habe vor allem das ökonomische Kalkül internationale Standort- oder Lieferkettenentscheidungen bestimmt. Dies könnte sich durch in den Vordergrund gerückte geopolitische und vor allem auf den Klimaschutz und weitere der ESG-Faktoren bezogene Entwicklungen der letzten Jahre ändern. Auch wenn hier teils marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt würden, müsse man eine Tendenz zu einem höheren Anteil an administrativ-staatlicher Preisfestsetzung feststellen. Zudem werde es hier wohl nicht "Big-Bang"-Effekte geben, sondern ein graduelles Einschleifen. Letzteres könne dann zu nachhaltigen Preisniveauerhöhungen führen, auch in Abhängigkeit von politischen Präferenzen, Wählerpräferenzen und konkreten Wahlentscheidungen. Da es sich bei Klimaschutz und ESG durchaus um globale Entwicklungen handle, könnten daraus nachhaltig preistreibende Trends entstehen. Letztendlich werde es solche global preistreibenden Faktoren benötigen, um global in den entwickelten Volkswirtschaften zu einer höheren Inflationsdynamik zu kommen. Nicht zu vernachlässigen sei hier auch, dass die USA durch einen substanziell preistreibenden Politikmix geprägt seien, deutlich stärker als in Europa. Dieser könne aber durchaus - wie wirtschaftshistorisch beobachtbar - Übertragungseffekte entwickeln.
Allerdings gelte zu betonen, dass gerade in Europa bzw. im Euroraum (leicht) höhere Inflationsraten näher bei den Werten der 1990er oder frühen 2000er Jahre nicht per se negativ zu interpretieren seien. Auch in der Vergangenheit hätten marktwirtschaftliche Systeme gut mit durchschnittlichen Preissteigerungsraten um 2% bis 3% bestehen können. Solche Konsumentenpreissteigerungsraten sähen die Analysten der RBI in der Eurozone und hier vor allem in Ländern mit schon jetzt engen Arbeitsmärkten (z.B. Österreich, Deutschland) längerfristig durchaus im Bereich des Möglichen. Zumal auch in solchen exportlastigen Ökonomien die skizzierten möglichen auslaufenden Effekte der Globalisierung besonders zum Tragen kommen könnten.
Wie hoch die künftige Teuerungsrate tatsächlich ausfalle, hänge auch von der Berechnung der Preisindices ab. Die hedonistische Methode führe tendenziell zu einem niedrigeren Ausweis der Preissteigerung, weil Qualitätsverbesserungen preisreduzierend kalkuliert würden.
Prinzipiell würden wir auch vor dem Feinsteuerungs-Gedanken in Bezug auf die mittel- und langfristige Inflationsdynamik warnen, so die Analysten der RBI. So wie die EZB (und viele Prognostiker) in der Vergangenheit mit ihren hohen mittelfristigen Inflationserwartungen danebengelegen hätten, so könnten sie derzeit auf der anderen Seite irren.
Bei einer etwas prononcierteren mittel- und langfristigen Reflationsdynamik in Europa sollte zudem der Ausstieg aus (großen) Teilen unkonventioneller geldpolitischer Maßnahmen längerfristig möglich werden. Zudem sollte man bedenken, dass die großen Notenbanken (FED und vor allem die EZB) in den letzten Jahren mit dem Kampf gegen niedrige Inflationserwartungen und/oder sogar Deflationsrisiken beschäftigt gewesen seien und teilweise zu neuen und unkonventionellen Mitteln gegriffen hätten. Sollten die Inflationserwartungen bzw. -risiken nach der Welle der aktuellen Einmaleffekte in den Jahren 2021/2022 steigen, sähen die Analysten der RBI die großen Notenbanken in der Lage, steigende Inflationserwartungen mit konventionellen Mitteln einzudämmen - auch wenn dies (für Finanz-Marktakteure) die eine oder andere Überraschung bringen könnte. (Ausgabe vom 05.08.2021) (06.08.2021/alc/a/a)
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