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Immer weiter sinkende Zinsen: Treibstoff für die Wirtschaft oder Bedrohung?


09.03.20 10:45
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Fachlich sehr komplexe Einordnungen von Virologen und Medizinern finden kaum Beachtung in einer Zeit, die dem Alarmismus huldigt, so Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement EuroSwitch! GmbH.

Die Tatsache, dass das menschliche Gehirn seine Probleme mit der Verarbeitung von Wahrscheinlichkeiten habe, erschwere den Umgang mit den minütlich neuen Nachrichten zur Verbreitung von SARS CoV2. Vielmehr werde der Ur-Fluchtinstinkt geweckt, der mittlerweile skurrile Züge annehme, ob vor dem Supermarktregal oder an den Börsen.

Statt sich sachlich mit den Wahrscheinlichkeiten denkbarer Folgen der Pandemie auseinander zu setzen, würden auch zahllose Experten den Alarmismus bedienen, in dem sie von einer Kombination von Angebot- und Nachfrageschock sprechen und eine Finanzkrise 2.0 herbeireden würden. Es sei vermessen, aus einem mehrwöchigen Produktionsausfall weniger Regionen in China eine dauerhafte globale Angebotskrise herbeizureden. Genauso abenteuerlich sei es, aus einer zeitlich überschaubaren Zwangspause wirtschaftlicher Aktivität einen Nachfrageschock für die Welt abzuleiten.

Natürlich sei es nicht hilfreich, wenn über das Wochenende Saudi-Arabien scheinbar einen Preiskrieg über das Öl eröffnet habe mit dem Ziel, schwächere Anbieter durch deutlich niedrigere Preise aus dem Markt zu drängen. Dieses verschärfe die ohnehin vorherrschende Unsicherheit, da diese Maßnahme auch die globalen Kreditmärkte zunehmend in Bedrängnis bringen könne.

Aber - deutlich niedrigere Ölpreise seien auch ein riesiges Konjunkturpaket für die Weltwirtschaft. Verbunden mit zu erwartenden konzertierten Maßnahmenpaketen der Politik sollten sich die negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft begrenzen lassen. Ein halbes Jahr Rezession bedeute nicht den Untergang, sondern in der Regel den Neubeginn wirtschaftlicher Aktivität.

Neben niedrigeren Energiepreisen seien die immer weiter sinkenden Zinsen als Treibstoff für die Wirtschaft zu benennen. Diese würden zunehmend eher als Bedrohung aufgrund zu erwartender negativer Nebenwirkungen für das Finanzsystem betrachtet - das scheine langfristig begründet, aktuell aber weniger von Gewicht.

Wer heute früh eine 10-jährige deutsche Staatsanleihe kaufe, müsse 0,8% pro Jahr an den deutschen Finanzminister zahlen, dazu addiere sich der inflationsbedingte Kaufkraftverlust von 1,2%. Über die Laufzeit von zehn Jahren würden sichere 20% an Kaufkraft des ursprünglichen Anlagebetrages vernichtet. Wer dieses Investment heute tätige, handle verantwortungslos. (09.03.2020/alc/a/a)