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Hält die Fed die Zügel zu locker oder noch zu stramm?


15.10.24 13:36
Eric Sturdza Investments

Genf (www.anleihencheck.de) - Die Fed steht vor einem Dilemma, so Eric Vanraes, Head of Fixed Income bei Eric Sturdza Investments.

Während die Geldpolitik der USA einigen Marktteilnehmern noch immer nicht locker genug erscheine, sei sie für andere Marktteilnehmer bereits zu weit in Richtung Lockerung gegangen. Für letztere seien es nicht die aktuellen Zinssätze, die zu niedrig seien, sondern eher die "Dot Plot"-Projektionen des Federal Open Market Committee (FOMC).

Diejenigen, die eine stärkere Lockerung forderten, würden auf das Risiko einer ausgeprägten Konjunkturabschwächung verweisen, wenn es keine größeren geldpolitischen Anreize gebe. Hier scheine die Furcht vor einer Rezession immer im Raum zu stehen, die durch den Anstieg der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung in der vergangenen Woche noch weiter angefacht worden sei. Die Anhänger dieses Szenarios fürchteten eine Fed, die zu spät reagiere, in einer Zeit, in der die Inflation nicht mehr die Hauptsorge sein solle.

Vor der Zinswende im September hätten die Experten zu denjenigen gehört, die gefordert hätten, dass die Fed rasch ihre geldpolitischen Zügel lockern solle. Die Experten hätten ihre Meinung aus zwei Gründen geändert. Erstens habe die Fed die Zinsen bereits um 50 statt 25 Basispunkte gesenkt, was den Märkten signalisiere, dass sie sich des Risikos bewusst sei, hinter der Kurve zu liegen. Zweitens sei die Inflation nicht besiegt, und sie zu schnell abzuhaken, wäre ein möglicher Fehler.

Während die Gesamtinflation weiter zurückgehe, schwäche sich die Kerninflation nicht mehr ab, sondern steige sogar an. Mehrere Monate lang hätten Marktteilnehmer der Fixed-Income-Märkte die Fed dafür kritisiert, dass sie ihr doppeltes Mandat vergesse, weil sie weiterhin auf die Inflation fixiert gewesen sei. Heute handle die US-Notenbank, allerdings mit Verzögerung. Leider sei dies genau der Zeitpunkt, an dem die Inflation wieder auflebe. Aber für wie lange? Und auf welchem Niveau? Als ob die Gleichung nicht schon kompliziert genug sei, sei China eine weitere Variable geworden.

Die Anleihemärkte seien nicht übergeschnappt. Wenn die Verzinsung der Treasuries mit einer Laufzeit von 10 und 30 Jahren innerhalb eines Monats von 3,6% auf 4,1% bzw. von 3,9% auf 4,4% gestiegen sei, dann deshalb, weil sich das Marktumfeld in nur wenigen Wochen so stark verändert habe, dass ein solcher Anstieg um 50 Basispunkte gerechtfertigt sei. Die "Jumbo"-Zinssenkung habe manche verdrießlich gestimmt. Die makroökonomischen Daten wiesen nicht alle in dieselbe Richtung, aber selbst die negativsten Zahlen seien nicht alarmierend gewesen. Die langfristigen Zinssätze hätten weiter sinken können, aber dazu hätte das Rezessionsrisiko steigen müssen, wobei die Fed die Zinsen kaum gesenkt hätte... bevor sie sie 2025-2026 auf ein unvorstellbares Niveau (2% oder noch weniger) gesenkt hätte. Indem sie einen geldpolitischen Fehler vermieden habe, habe die Fed die langfristigen Zinssätze (zumindest vorübergehend) auf unter 3,5% gedrückt.

Sollten Anleger die Duration erhöhen? Vorläufig hielten die Experten das für verfrüht. Nach dem unerwarteten Rückgang der langfristigen Renditen zwischen Ende April und Mitte September werde sich die Korrektur wahrscheinlich fortsetzen. Neben dem Fed-Inflationswachstum seien vor allem andere Faktoren im Spiel. Die unhaltbare Schuldenlast, die unaufhaltsam steige, Trumps möglicher Wahlsieg und die Konkurrenz durch attraktivere Anleihenstrategien seien keine guten Argumente für langlaufende Anleihen.

Es werde erwartet, dass das Wahlprogramm von Donald Trump Druck auf die langfristigen Zinssätze ausüben werde, vor allem durch eine etwas höhere Inflation. Sollte Trump jedoch die Präsidentschaftswahlen gewinnen, aber die Demokraten den Kongress dominieren, würde sein Programm nicht vollständig umgesetzt werden. Für die Märkte sei die Besetzung des Senats und des Repräsentantenhauses für die langfristigen Renditen ebenso wichtig oder sogar wichtiger als die Frage, wer die Präsidentschaftswahlen gewinne. Das Ausmaß der nächsten Zinssenkung der Fed am 7. November (zwei Tage nach den Präsidentschaftswahlen) werde ein guter Test sein. (15.10.2024/alc/a/a)