Großbritannien: Positioniert ein Basiseffekt die Inflation auf der Zielgeraden?


05.06.24 14:34
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Wenn die noch zu veröffentlichende Inflationsrate für den Berichtsmonat Mai 2024 bei höchstens 0,4% M/M liegt, dann wäre das Ziel der Bank of England erreicht: Preisniveaustabilität!, so die Analysten der Nord LB.

Auch im Vereinigten Königreich liege diese Zielmarke bei 2,0%. Dass die Inflation nun so zügig so nahe an diese Schwelle komme, könne weiterhin mit einem Basiseffekt begründet werden. Die hohen Inflationszahlen aus dem Frühjahr 2023 würden nach und nach aus der Kalkulation der Jahresrate entschwinden, weshalb im April 2024 vom Office for National Statistics nur noch ein Wert von 2,3% Y/Y ausgewiesen worden sei (0,3% M/M). Zwar wäre damit ein wichtiger Meilenstein erreicht, das MPC werde aber dennoch nicht zwangs läufig automatisch die Bank Rate senken möchten. Zunächst sollte absehbar sein, dass sich die Preisentwicklung nachhaltig auf einem niedrigen Niveau stabilisiert und außerdem scheinen die Aufwärtsrisiken für eine wieder anziehende Preissteigerungsrate weiterhin nicht gebannt, so die Analysten der Nord LB. Beide Umstände seien von dem Gremium stets hervorgehoben worden. Implikationen für die Geldpolitik der Bank of England könnten darüber hinaus demnächst auch aus 10 Downing Street kommen, denn auch in Großbritannien werde in diesem Jahr neu gewählt.

Die turbulente Regierungszeit der Conservative Party (kurz "Tories") um den amtierenden Premierminister Rishi Sunak werde bald entweder um einen eigenen Meilenstein reicher oder - und zwar wahrscheinlicher - ein jähes Ende finden. Der Stichtag für die Unterhauswahlen sei durch die Regierung für den 4. Juli festgelegt worden, was vom Tag der Festlegung bis zum Tag der Wahl nur ein kleines Zeitfenster von lediglich sechs Wochen vorsehe. Derartig kurze Fristen für Wahlen seien dort allerdings nichts Ungewöhnliches. Aktuelle Umfragen würden darauf hindeuten, dass ein Regierungswechsel bevorstehen könnte. Die Parteienlandschaft im Vereinigten Königreich konzentriere sich neben kleineren Parteien im Wesentlichen auf die bereits genannten Tories und auf die derzeit in Opposition stehende, Mitte links orientierte Labour Partei mit ihrem Spitzenkandidaten Keir Starmer. Die Tories hätten in den letzten Jahren stetig an Popularität verloren und würden derzeit einen Zuspruch von nur noch ca. 20% genießen.

Häufige Wechsel an der Führungsspitze, welche medial großes Echo erfahren hätten, dürften unter anderem dazu beigetragen haben. Vor allem aber eine verfehlte Brexit Politik und eine hohe Inflation dürften der Partei als Malus anhängen. Labour hingegen sei in der Wählergunst gestiegen und in Umfragen bereits seit Ende 2021 stärkste Kraft. Die jüngste "Sonntagsfrage" sehe die Partei bei knapp 46%, womit sie die mit Abstand stärkste politische Kraft wäre. Für etwas Störfeuer sorge indessen "Reform UK", welche auch als Brexit-Partei bekannt sei, wobei diese eher die Wählerbasis von den Tories anspreche. Eine Wiederwahl der Regierungspartei würde dadurch zusätzlich erschwert. (Ausgabe Juni 2024) (05.06.2024/alc/a/a)