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Griechisches Referendum: Klares Ergebnis, neue Verhandlungsrunde
08.07.15 12:15
AXA Investment Managers
Köln (www.anleihencheck.de) - Das Nein, mit dem die Griechen die Konditionen der Gläubiger für eine Rettung abgelehnt haben, ist mit einer Mehrheit von 61 Prozent deutlich ausgefallen und wird nicht angefochten, so die Experten von AXA Investment Managers.
Anders als von vielen Analysten und auch den Experten selbst vor dem Referendum angenommen, habe die griechische Regierung dadurch allerdings eine stärkere Verhandlungsposition zur Wiederaufnahme von Gesprächen mit den Euroraum-Gläubigern gewonnen. Dass das Nein eine derart große Mehrheit finden würde, hätten die Experten nicht gedacht. Daher müssten die vor dem Referendum getroffenen Annahmen an die neue Realität angepasst werden.
Zum Teil sei dies schon erfolgt: Der griechische Finanzminister Varoufakis sei auf Verlangen des Premierministers zurückgetreten und habe damit eindeutig guten Willen bewiesen. Außerdem werde die Bank von Griechenland womöglich an den Verhandlungen beteiligt, was ebenso guten Willen beweise. Viel Verhandlungsspielraum bestehe aber weder auf der einen, noch auf der anderen Seite.
Wenn die griechische Regierung den Eindruck gewinne, dass Änderungen des ursprünglichen Gläubigervorschlags lediglich kosmetischer Natur seien, werde sie diese ablehnen. Und sie werde massiver denn je auf einem Schuldenschnitt als Teil eines umfassenden Pakets beharren. Auf Seiten der Gläubiger würden die Regierungen und Parlamente nur dann ihre Zustimmung zu neuen Krediten für Griechenland geben, wenn fiskalische und strukturelle Reformen glaubwürdig gewährleistet seien. Zudem würden sie als Gegenleistung für einen Schuldenerlass wahrscheinlich Reformen fordern.
Eine Einigung sei immer noch möglich, aber sofern sie erfolge, werde sie weder einfach noch schnell erreicht werden.
Die griechischen Banken würden nach Angaben des griechischen Bankenverbandes bis mindestens Mittwochabend weiter geschlossen bleiben. Wenn die Banken wieder öffnen würden, dürften die Griechen weiterhin maximal 60 Euro am Tag von ihren Konten abheben. Unterdessen halte die Europäische Zentralbank (EZB), auch nach dem "Nein" der Griechen, die Notkredite für die griechischen Banken auf dem aktuellen Stand von knapp 90 Milliarden Euro. Damit setze die EZB ihren vorsichtigen, vor dem Referendum eingeschlagenen Kurs fort - und zwar vermutlich so lange, bis eine Einigung mit Griechenland erzielt worden sei.
Das zweite Rettungspaket sei offiziell am 30. Juni ausgelaufen und könne nicht verlängert werden. Eine sofortige Aufnahme von Gesprächen über ein drittes Rettungsprogramm sei schwierig, weil unter anderem der Bundestag und andere Parlamente zustimmen müssten. Ganz zu schweigen von den Hürden, die zu überwinden wären, um bis zur Fälligkeit der von der EZB gehaltenen Anleihen im Gegenwert von 3,5 Milliarden Euro, am 20. Juli eine umfassende Einigung zu erzielen. Auch wenn grundsätzlich nichts unmöglich sei, wenn nur der politische Wille groß genug sei, erscheine ein Abschluss der Verhandlungen über ein drittes Rettungspaket äußerst ambitioniert, besonders wenn es einen an Bedingungen geknüpften Schuldenerlass beinhalten solle.
Daher könnten sich die Parteien zunächst auf einen Überbrückungskredit konzentrieren, mit dem Griechenland seine Schulden über einen begrenzten Zeitraum von mehreren Monaten bedienen könnte. Dann wäre Zeit für Gespräche über ein drittes Rettungsprogramm. Auch an den Brückenkredit wären Bedingungen geknüpft, aber sie wären nicht so drakonisch wie die des zweiten Rettungspakets. Der Kredit wäre auf etwa 20 Milliarden Euro begrenzt. Ein solcher Überbrückungskredit des permanenten Rettungsschirms ESM müsste von diversen Parlamenten genehmigt werden und würde es der EZB erlauben, das griechische Bankensystem während der Verhandlungen über Wasser zu halten.
Werde keine Einigung erzielt und könne Griechenland die fällige Rückzahlung an die EZB am 20. Juli nicht leisten, dann müsse die EZB die Notkredite stoppen und eingestehen, dass die griechischen Banken insolvent seien. Vielleicht gebe es noch eine kurze "Gnadenfrist", bevor die griechischen Banken offiziell als insolvent gelten würden, aber ein solcher Zahlungsausfall dürfte wohl in direkter Linie zu einem Grexit führen.
Dass eine Einigung über ein drittes Rettungspaket gelinge, sei keinesfalls garantiert. So dürfte Deutschland wohl kaum von seiner strategischen Position der letzten Wochen abrücken, die da heiße: Griechenland im Euroraum ja, aber nicht um jeden Preis. Womöglich seien die deutsche Öffentlichkeit und der Bundestag nun sogar noch weniger zu Zugeständnissen bereit, weil der Wunsch der griechischen Bevölkerung - nach dem Verbleib im Euro aber unter Ablehnung der daran geknüpften Bedingungen - jetzt noch widersprüchlicher sei als noch im Januar.
Frankreich seinerseits scheine kompromissbereiter zu sein, wenn man den Andeutungen von Präsident Hollande in der vergangenen Woche Glauben schenken möge. Vermutlich würden sich die französischen und deutschen Regierungschefs heute Nacht auf eine gemeinsame Position einigen, aber die Märkte würden genau verfolgen, wie sich die einzelnen Regierungen ab Aufnahme der Verhandlungen in Stellung bringen würden. Die USA würden im Interesse eines Kompromisses wahrscheinlich versuchen, als "befreundeter Staat" den Druck auf Deutschland zu erhöhen. Im griechischen Kabinett wiederum könnte sich nach der Jubelstimmung Katzenjammer breitmachen, weil der überwältigende Sieg nur wenig Spielraum zur Verhandlung von Bedingungen lasse.
Aktuell sei ein Grexit ebenso denkbar wie ein drittes Rettungsprogramm. Letztendlich werde eine politische Entscheidung getroffen. Das sei von Anfang an klar gewesen. Wenn sich die Hardliner durchsetzen würden, steuere die Griechenland Krise auf einen neuen Höhepunkt zu. Aber bis zur nächsten Etappe in der Griechenlandkrise vergehe vermutlich noch viel Zeit, es sei denn, die Parteien könnten sich bis zum 20. Juli nicht auf einen Überbrückungskredit verständigen.
Auf das Referendum hätten die Märkte kaum reagiert: Der Euro habe lediglich 1 Prozent verloren, und die Renditedifferenzen von Peripherieanleihen seien nur marginal gestiegen, während besonders die deutschen Renditen gesunken seien. Vermutlich würden sich die Marktakteure zurückhalten, bis sich ernsthafte Verhandlungen über einen Brückenkredit oder ein drittes Rettungsprogramm abzeichnen würden. Wenn die Volatilität steige, würden sich die Märkte erst wieder beruhigen, wenn eine Absprache zustande gekommen sei, d.h. vermutlich nicht vor dem 20. Juli.
Sei eine Einigung in Sicht, würden sich die Märkte auf das nächste wichtige Thema konzentrieren: Die Haltung der FED. Wenn allerdings entweder Unstimmigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich sichtbar würden oder, was noch schlimmer wäre, Griechenland am 20. Juli keine Zahlungen leiste, würden der Euro und Risikopapiere einschließlich Peripherieanleihen so lange abstürzen, bis die EZB und die Politiker im Euroraum klarmachen würden, wie es künftig weitergehen solle. (Ausgabe vom 07.07.2015) (08.07.2015/alc/a/a)
Anders als von vielen Analysten und auch den Experten selbst vor dem Referendum angenommen, habe die griechische Regierung dadurch allerdings eine stärkere Verhandlungsposition zur Wiederaufnahme von Gesprächen mit den Euroraum-Gläubigern gewonnen. Dass das Nein eine derart große Mehrheit finden würde, hätten die Experten nicht gedacht. Daher müssten die vor dem Referendum getroffenen Annahmen an die neue Realität angepasst werden.
Zum Teil sei dies schon erfolgt: Der griechische Finanzminister Varoufakis sei auf Verlangen des Premierministers zurückgetreten und habe damit eindeutig guten Willen bewiesen. Außerdem werde die Bank von Griechenland womöglich an den Verhandlungen beteiligt, was ebenso guten Willen beweise. Viel Verhandlungsspielraum bestehe aber weder auf der einen, noch auf der anderen Seite.
Wenn die griechische Regierung den Eindruck gewinne, dass Änderungen des ursprünglichen Gläubigervorschlags lediglich kosmetischer Natur seien, werde sie diese ablehnen. Und sie werde massiver denn je auf einem Schuldenschnitt als Teil eines umfassenden Pakets beharren. Auf Seiten der Gläubiger würden die Regierungen und Parlamente nur dann ihre Zustimmung zu neuen Krediten für Griechenland geben, wenn fiskalische und strukturelle Reformen glaubwürdig gewährleistet seien. Zudem würden sie als Gegenleistung für einen Schuldenerlass wahrscheinlich Reformen fordern.
Eine Einigung sei immer noch möglich, aber sofern sie erfolge, werde sie weder einfach noch schnell erreicht werden.
Die griechischen Banken würden nach Angaben des griechischen Bankenverbandes bis mindestens Mittwochabend weiter geschlossen bleiben. Wenn die Banken wieder öffnen würden, dürften die Griechen weiterhin maximal 60 Euro am Tag von ihren Konten abheben. Unterdessen halte die Europäische Zentralbank (EZB), auch nach dem "Nein" der Griechen, die Notkredite für die griechischen Banken auf dem aktuellen Stand von knapp 90 Milliarden Euro. Damit setze die EZB ihren vorsichtigen, vor dem Referendum eingeschlagenen Kurs fort - und zwar vermutlich so lange, bis eine Einigung mit Griechenland erzielt worden sei.
Daher könnten sich die Parteien zunächst auf einen Überbrückungskredit konzentrieren, mit dem Griechenland seine Schulden über einen begrenzten Zeitraum von mehreren Monaten bedienen könnte. Dann wäre Zeit für Gespräche über ein drittes Rettungsprogramm. Auch an den Brückenkredit wären Bedingungen geknüpft, aber sie wären nicht so drakonisch wie die des zweiten Rettungspakets. Der Kredit wäre auf etwa 20 Milliarden Euro begrenzt. Ein solcher Überbrückungskredit des permanenten Rettungsschirms ESM müsste von diversen Parlamenten genehmigt werden und würde es der EZB erlauben, das griechische Bankensystem während der Verhandlungen über Wasser zu halten.
Werde keine Einigung erzielt und könne Griechenland die fällige Rückzahlung an die EZB am 20. Juli nicht leisten, dann müsse die EZB die Notkredite stoppen und eingestehen, dass die griechischen Banken insolvent seien. Vielleicht gebe es noch eine kurze "Gnadenfrist", bevor die griechischen Banken offiziell als insolvent gelten würden, aber ein solcher Zahlungsausfall dürfte wohl in direkter Linie zu einem Grexit führen.
Dass eine Einigung über ein drittes Rettungspaket gelinge, sei keinesfalls garantiert. So dürfte Deutschland wohl kaum von seiner strategischen Position der letzten Wochen abrücken, die da heiße: Griechenland im Euroraum ja, aber nicht um jeden Preis. Womöglich seien die deutsche Öffentlichkeit und der Bundestag nun sogar noch weniger zu Zugeständnissen bereit, weil der Wunsch der griechischen Bevölkerung - nach dem Verbleib im Euro aber unter Ablehnung der daran geknüpften Bedingungen - jetzt noch widersprüchlicher sei als noch im Januar.
Frankreich seinerseits scheine kompromissbereiter zu sein, wenn man den Andeutungen von Präsident Hollande in der vergangenen Woche Glauben schenken möge. Vermutlich würden sich die französischen und deutschen Regierungschefs heute Nacht auf eine gemeinsame Position einigen, aber die Märkte würden genau verfolgen, wie sich die einzelnen Regierungen ab Aufnahme der Verhandlungen in Stellung bringen würden. Die USA würden im Interesse eines Kompromisses wahrscheinlich versuchen, als "befreundeter Staat" den Druck auf Deutschland zu erhöhen. Im griechischen Kabinett wiederum könnte sich nach der Jubelstimmung Katzenjammer breitmachen, weil der überwältigende Sieg nur wenig Spielraum zur Verhandlung von Bedingungen lasse.
Aktuell sei ein Grexit ebenso denkbar wie ein drittes Rettungsprogramm. Letztendlich werde eine politische Entscheidung getroffen. Das sei von Anfang an klar gewesen. Wenn sich die Hardliner durchsetzen würden, steuere die Griechenland Krise auf einen neuen Höhepunkt zu. Aber bis zur nächsten Etappe in der Griechenlandkrise vergehe vermutlich noch viel Zeit, es sei denn, die Parteien könnten sich bis zum 20. Juli nicht auf einen Überbrückungskredit verständigen.
Auf das Referendum hätten die Märkte kaum reagiert: Der Euro habe lediglich 1 Prozent verloren, und die Renditedifferenzen von Peripherieanleihen seien nur marginal gestiegen, während besonders die deutschen Renditen gesunken seien. Vermutlich würden sich die Marktakteure zurückhalten, bis sich ernsthafte Verhandlungen über einen Brückenkredit oder ein drittes Rettungsprogramm abzeichnen würden. Wenn die Volatilität steige, würden sich die Märkte erst wieder beruhigen, wenn eine Absprache zustande gekommen sei, d.h. vermutlich nicht vor dem 20. Juli.
Sei eine Einigung in Sicht, würden sich die Märkte auf das nächste wichtige Thema konzentrieren: Die Haltung der FED. Wenn allerdings entweder Unstimmigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich sichtbar würden oder, was noch schlimmer wäre, Griechenland am 20. Juli keine Zahlungen leiste, würden der Euro und Risikopapiere einschließlich Peripherieanleihen so lange abstürzen, bis die EZB und die Politiker im Euroraum klarmachen würden, wie es künftig weitergehen solle. (Ausgabe vom 07.07.2015) (08.07.2015/alc/a/a)


