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Gemeinsame EU-Anleihen: Entscheidender Schritt auf dem Weg zu mehr Integration


28.07.20 11:15
Janus Henderson Investors

London (www.anleihencheck.de) - Mit der Emission von gemeinsamen Anleihen hat die EU den Rubikon überschritten, sagt Oliver Blackbourn, Multi-Asset-Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors.

Die Ausgabe von 750 Milliarden Euro gemeinsamer EU-Schulden werde den Druck auf die EZB verringern, indem sie eine politisch weniger belastete Quelle für Staatsanleihen zum Kauf im Rahmen der verschiedenen quantitativen Lockerungsprogramme biete. Der Ankauf von deutschen Bundesanleihen stelle für die EZB seit jeher eine große Herausforderung dar, da Deutschland zwar der größte Zeichner des so genannten Schlüssels für die Kapitalzeichnung sei, bei der Aufnahme neuer Schulden jedoch relativ konservativ vorgegangen sei. Da sich die EZB selbst Beschränkungen auferlegt habe, wie viel sie von jeder Emission kaufen könne, hätten deutsche Bundesanleihen schon immer am ehesten das Limit zuerst erreicht. Jede Abweichung vom Kapitalschlüssel sei eine Quelle von Spannungen mit den "Falken" im EZB-Rat.

Deutschland repräsentiere 18 Prozent des Kapitalschlüssels und habe über 1,3 Billionen Euro in Bundesanleihen ausstehend. Frankreich und Italien hätten jedoch größere ausstehende Schuldenberge und kleinere Beiträge zum Kapitalschlüssel, sodass die Wahrscheinlichkeit geringer sei, dass die Obergrenze pro Emission erreicht werde. In ähnlicher Weise habe Spanien etwa 1 Billion Euro an ausstehenden Staatsanleihen, was in etwa dem Volumen Deutschlands entspreche, aber weniger als die Hälfte des Kaufziels für deutsche Schuldverschreibungen ausmache. Während alle großen europäischen Nationen mehr Schulden zur Bekämpfung der Pandemie ausgeben würden, dürfte ein gemeinsamer Schuldtitel, der die politischen Friktionen des Aufkaufs der Schulden einzelner Länder vermeide, zumindest für eine gewisse Zeit die Kopfschmerzen bei den Diskussionen der EZB beseitigen.

Die Ausgabe gemeinsamer Schulden sei ein Schritt in Richtung einer Steuerunion, den viele weitere steuerlich konservative Länder versucht hätten, zu vermeiden. Trotz der jetzt laut gewordenen Proteste werde es in künftigen EU-Haushalten möglicherweise zu einer stärkeren Inanspruchnahme von Krediten kommen, und man werde sich auf Methoden zur Rückzahlung der Schulden einigen müssen. Die Währungsunion könne in ihrer jetzigen Form - und mit dem häufigen Kitten sich verbreiternder Risse - nur begrenzte Zeit bestehen. Der am wenigsten schmerzhafte Kurs werde kurzfristig immer in Richtung einer stärkeren Integration gehen. Mit der Ausgabe gemeinsamer Schulden überschreite die EU den Rubikon auf einem längerfristigen Weg zu mehr Integration. (28.07.2020/alc/a/a)