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Fixed-Income-Märkte: "Step back" und "Mind the Gap"


22.06.23 09:27
Janus Henderson Investors

London (www.anleihencheck.de) - Der beste Zeitpunkt für den Erwerb festverzinslicher Wertpapiere ist erfahrungsgemäß dann, wenn die Geldpolitik die letzte Zinserhöhung in einem Zinserhöhungszyklus vornimmt. Dies könnte für zinssensitive Bereiche wie Staatsanleihen und Investment-Grade-Unternehmensanleihen in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 ein gutes Zeichen sein, beschreibt Jim Cielinski, Global Head of Fixed Income von Janus Henderson die gegenwärtige Situation der Fixed-Income-Märkte.

Die Märkte für festverzinsliche Wertpapiere hätten sich in den letzten 18 Monaten stark verändert, es sei aber zu bedenken, woher sie kämen. 2022 seien sie verständlicherweise nicht beliebt gewesen, da die konzertierte geldpolitische Straffung der Zentralbanken zu einem starken Renditeanstieg und einem Rückgang der Anleihekurse geführt habe. Heute jedoch sei die Stimmung eine ganz andere.

Die weltweiten Zuflüsse in festverzinsliche Anlagen seien deutlich im positiven Bereich. EPFR Global berichte, dass im bisherigen Jahresverlauf 152 Mrd. US-Dollar in Fixed-Income-Fonds geflossen seien. Der Hauptgrund seien die verfügbaren Erträge: Für einjährige US-Staatsanleihen könnten Renditen von fast 5% erzielt werden, und selbst einjährige deutsche Bundesanleihen würden mit 3,2% rentieren - weit entfernt von den negativen Renditen, die noch im Mai 2022 geboten worden seien.

"Angesichts der unsicheren Wirtschaftsaussichten finden Anleger erneut Gefallen an einer Anlageklasse, die Erträge, relative Kapitalsicherheit und eine potenzielle Diversifizierung von Aktienbeständen bietet", fasse der Anleiheexperte die Stimmungslage zusammen und glaube, dass sich dies fortsetzen werde.

Der Corona-Ausnahmezustand möge vor einiger Zeit geendet haben, aber seine Auswirkungen würden andauern. Erst im ersten Quartal dieses Jahres habe sich China wieder vollständig geöffnet. In vielen Sektoren weltweit seien Einnahmen und Kosten nach wie vor nicht im Gleichgewicht - die Ausgaben für Tourismus und Freizeit würden wieder ansteigen, während die Ausgaben für Waren zurückgehen würden. Die Konjunkturpakete und die während der Pandemie angehäuften Ersparnisse würden gerade erst aufgebraucht. Die Lieferkettenstörungen, die in den letzten Jahren zum Kostenanstieg beigetragen hätten, hätten sich umgekehrt.

Zeitverzögerungen würden die Signale der Leitindikatoren trüben und sich weiterhin auf die Inflationsdaten auswirken. Umgekehrte Renditekurven (Anleihen mit längerer Laufzeit würden weniger als Anleihen mit kürzerer Laufzeit und ähnlicher Bonität rentieren) seien seit jeher ein Signal einer bevorstehenden Rezession. Untersuchungen hätten gezeigt, dass seit 1969 die Zeitspanne zwischen der Inversion der Drei-Monats-/Zehn-Jahres-Renditekurve (an mindestens zehn aufeinander folgenden Handelstagen) und dem Beginn einer Rezession zwischen fünf und 16 Monaten gelegen habe.

In diesem Zyklus dürfte es länger dauern, bis sich der Druck entlade, was auf die extreme Diskrepanz zwischen Nominal- und Realwachstum zurückzuführen sei. Cielinski dazu: "Ja, es gibt eine Verlangsamung, aber das nominale Wachstum wurde durch die höhere Inflation geschönt. Das nominale Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) lag 2021 bei atemberaubenden +10,7% und verlangsamte sich erst 2022 auf +9,2% - zwei der stärksten Werte der letzten vier Jahrzehnte." Oft würden die Gewinner der unvorhergesehenen Inflation übersehen werden - nämlich die Kreditnehmer.

Höhere Zinssätze hätten Finanzierungslücken offenbart. Eine Ironie der jüngsten Bankenturbulenzen bestünde darin, dass die Silicon Valley Bank nicht durch eine Rezession oder eine Konjunkturabschwächung zu Fall gebracht worden wäre, sondern durch eine Kombination aus hohen nicht realisierten Verlusten und der Diskrepanz zwischen dem Tempo, in dem die Bank Finanzmittel habe aufnehmen und den Abhebungen von Einlegern nachkommen können.

Die Turbulenzen dürften die Solidität der Bilanzen und die Finanzierungskosten der Unternehmen ins Rampenlicht gerückt haben. Viele Unternehmen hätten mehrere Anleihen emittiert, die im Laufe der Zeit nacheinander fällig würden. Sie könnten in der Regel einen starken Anstieg der Zinssätze verkraften, da er nur einen kleinen Teil ihrer Schulden betreffe. Besorgniserregend seien Unternehmen mit einem hohen Anteil an variabel verzinsten Anleihen oder hohen Fälligkeiten fester Anleihen, die refinanziert werden müssten, so der Experte. Wer beispielsweise vor einigen Jahren eine Anleihe zu einem Zinssatz von 4% emittiert habe, müsse nun für die Refinanzierung eine Rendite von 9% zahlen. "Zahlungsausfälle werden kommen", warne Cielinski.

"Die Inflation war schon immer der Feind der Anleihen. Da diese Gefahr jedoch allmählich schwindet und die Zinssätze in den kommenden Monaten wahrscheinlich ihren Höchststand erreichen werden, wird Duration immer weniger zu einem Schimpfwort", fasse Jim Cielinski in seinem halbjährlichen Marktbericht zusammen und lege nahe: "Der beste Zeitpunkt für den Erwerb festverzinslicher Wertpapiere ist erfahrungsgemäß dann, wenn die Geldpolitik die letzte Zinserhöhung in einem Zinserhöhungszyklus vornimmt." Dies könnte für zinssensitive Bereiche wie Staatsanleihen und Investment-Grade-Unternehmensanleihen in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 ein gutes Zeichen sein. (22.06.2023/alc/a/a)