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FED: Zinssenkung - aus triftigem Grund


12.09.25 15:43
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Bei der Sitzung am 16. und 17. September dürfte das Federal Open Market Committee (FOMC) der US-Notenbank FED den Leitzins senken, so die Hamburg Commercial Bank AG.

Etwa 67% der stimmberechtigten FOMC-Mitglieder hätten in ihren jüngsten öffentlichen Äußerungen eine Lockerung der Geldpolitik angedeutet. Die FED werde diesen Schritt nicht leichtfertig gehen - sondern aus triftigem Grund: Der US-Arbeitsmarkt zeige deutliche Schwächezeichen.

Die aktuelle Spanne der Federal Funds Rate (FFR) liege bei 4,25-4,50%. Die Prognose der Hamburg Commercial Bank sehe bis Jahresende noch insgesamt zwei Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte vor, die sie bei den FOMC-Meetings im September und Dezember verorte.

Die wirtschaftliche Ausgangslage für die FED-Entscheidung:

Die Erzeugerpreisinflation sei im August überraschend zurückgegangen. Sowohl die Gesamt- als auch die Kernrate seien deutlich von 3,1% bzw. 3,4% im Juli auf 2,6% bzw. 2,8% im August (jeweils YoY) gesunken. Diese Zahlen würden zeigen, dass sich der erwartete Preisschub durch die neuen US-Importzölle bislang noch nicht in den Erzeugerpreisen niedergeschlagen habe. Dahingegen sei die Inflation der Verbraucherpreise im August wie erwartet auf 2,9% von 2,7% im Juli geklettert, während die zugehörige Kernrate bei erwarteten 3,1% verharrt habe. Eine deutliche Entspannung mit niedrigeren Inflationsraten sei damit bei den Verbraucherpreisen ausgeblieben.

Entscheidend für die weitere Preisdynamik bleibe die Frage, ob die US-Einfuhrzölle mittelfristig einen persistenten Inflationsschub auslösen würden. Der von der Hamburg Commercial Bank konstruierte Index zur Erfassung zollsensitiver Waren, der rund 16% Gewicht am Warenkorb habe, weise zwar eine relativ niedrige Jahresinflation von 1,8% aus, sei in den vergangenen Monaten jedoch deutlich gestiegen.

Die Wachstumszahlen für das zweite Quartal seien sehr robust ausgefallen: Das Bruttoinlandsprodukt habe annualisiert um 3,3% zugelegt. Zwar sei die heimische Nachfrage mit 1,9% unter dem historischen Durchschnitt geblieben, doch sie zeige weiterhin eine solide Grunddynamik.

Die Lage am Arbeitsmarkt habe sich seit dem Juli-FOMC-Meeting deutlich eingetrübt. Die vielbeachteten Nonfarm Payrolls seien für Mai und Juni spürbar nach unten revidiert worden. Auch die Zahlen für Juli und August seien mit 79.000 bzw. 22.000 neuen Stellen enttäuschend ausgefallen. Die Arbeitslosenquote sei im August auf 4,3% gestiegen, einen Wert den die Hamburg Commercial Bank noch nicht als kritisch einstufe, aber der den allgemeinen negativen Trend bestätige.

Dazu komme noch eine langfristige Revision der Nonfarm Payrolls für den Zeitraum März 2024 bis März 2025. Demnach seien 911.000 Stellen weniger ausgewiesen als zuvor angenommen worden, was einem monatlichen Durchschnitt von nur rund 75.000 neuen Jobs entspreche. Der Arbeitsmarkt zeige damit bereits seit geraumer Zeit eine ausgeprägte Schwäche.

FED-Chef Jerome Powell stecke in einer Zwickmühle. Während die Inflation weiterhin deutlich über dem Zielwert von 2% liege und das BIP-Wachstum solide erscheine, deute die Entwicklung am Arbeitsmarkt auf eine Abschwächung der Konjunktur hin. Powell müsse weitere Schritte nun genau abwägen, da weitere Zinssenkungen zwar einerseits den Arbeitsmarkt stützen, aber anderseits auch die Inflation weiter befeuern dürften, die ohnehin wegen der Zölle noch steigen könnte.

Die geldpolitische Debatte werde weiterhin von US-Präsident Donald Trumps massiven Angriffen auf die Unabhängigkeit der FED überschattet. Der Versuch, FED-Gouverneurin Lisa Cook aus dem Amt zu entlassen, sei vorerst gescheitert. Ein Bundesgericht habe die von Trump angestrebte Entlassung blockiert und habe außerdem klargestellt, dass ein Präsident ein FED-Mitglied nur aus "triftigem Grund" ("for cause") entlassen dürfe. Das Gericht habe entschieden, der Cook vorgeworfenen Betrug im Zusammenhang mit Hypothekenverträgen sei allerdings kein "triftiger Grund". Cook habe gegen ihre Amtsenthebung geklagt und vorerst recht erhalten, sodass sie an der Sitzung am 17. September teilnehmen könne. Die US-Regierung habe angekündigt, gegen diese Entscheidung Berufung einzulegen. Der Fall dürfte vor dem Verfassungsgericht landen.

Trump verfolge mit seinem Vorgehen offensichtlich das Ziel, eine Mehrheit im FOMC mit ihm loyalen Personen zu etablieren, um geldpolitische Entscheidungen beeinflussen zu können. Mit einer 4:3-Mehrheit im FED-Direktorium könnte Trump das gesamte FOMC auf seine Seite ziehen. Dies liege daran, dass die Ernennung der zwölf FED-Präsidenten (von denen jeweils fünf stimmberechtigt seien) im März 2026 vom Direktorium genehmigt werden müsse.

Neben den Direktoriumsmitgliedern Michelle Bowman und Christopher Waller, die Hamburg Commercial Bank als klare Trump-Loyalisten sehe, habe Trump mit seinem Wirtschaftsberater Stephen Miran - dessen Bestätigung durch den Senat am 15. September als sehr wahrscheinlich gelte - bereits drei Stimmen im Direktorium. Die Regierung dürfte daher alles daran setzen, Cook doch noch zu entlassen, um noch vor März 2026 die nötige 4:3-Mehrheit im Direktorium zu erlangen.

Als mögliche Nachfolger für den FED-Vorsitz, den aktuell Jerome Powell innehat, habe Trump zuletzt Kevin Hassett, Kevin Warsh und Christopher Waller genannt. Powells Amtszeit als Präsident ende am 15. Mai 2026, seine Amtszeit als Gouverneur aber erst am 31. Januar 2028. Bisher sei unklar, ob Powell anstrebe bis Januar 2028 Mitglied des FOMC zu bleiben. Falls er bereits im Mai 2026 ausscheiden sollte, könnte Trump eine weitere ihm loyale Person ernennen und damit seinen Einfluss auf die FED ausweiten. Umgekehrt könnte ein Scheitern des Rauswurfs von Cook sowie die Entscheidung von Powell als Gouverneur seine Amtszeit auszufüllen, die Unabhängigkeit der FED bewahren. Die Hamburg Commercial Bank gehe mittlerweile jedoch davon aus, dass Trump sich durchsetzen und die FED ab dem nächsten Jahr daher eine inflationäre Geldpolitik betreiben werde.

Der Lieblingszitat der Hamburg Commercial Bank stammte von FED-Chef Jerome Powell aus seiner Rede in Jackson Hole Ende August. Mit dieser Aussage habe er erstmals seine Offenheit für eine Zinssenkung bei der anstehenden Sitzung signalisiert: "Nonetheless, with policy in restrictive territory, the baseline outlook and the shifting balance of risks may warrant adjusting our policy stance." (12.09.2025/alc/a/a)