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Euro-Staatsanleihen: Keine Angst vor der Peripherie!


20.03.24 09:50
AllianceBernstein

London (www.anleihencheck.de) - Hohe Staatsschulden als erneutes Risiko bei Peripherieländern der Eurozone? Die Sorgen vor einer erneuten Euro-Krise sind unbegründet, meint John Taylor, Director - Global Multi-Sector bei AllianceBernstein. 

Während der Pandemie sei die Staatsverschuldung stark gestiegen. Laut aktuellen Prognosen dürfte das auch dauerhaft so bleiben. Führe dies zu einem erneuten systemischen Risiko bei den Peripherieländer der Eurozone, ähnlich wie vor der Eurokrise? Die Sorgen seien unbegründet, meine John Taylor, Director - Global Multi-Sector bei AllianceBernstein. Warum er das Umfeld von Euro-Staatsanleihen positiv einschätze und wo er Chancen für Investoren sehe, erkläre er in seinem Marktkommentar.

Die Pandemie-Jahre hätten die Staatsschuldenquoten in ganz Europa in die Höhe getrieben. Dies mache insbesondere Peripherieländer der Eurozone heute wesentlich anfälliger für wirtschaftliche Schocks - eine Spätfolge der dauerhaft rückläufigen Wirtschaftsleistung und der stärker von staatlichen Eingriffen geprägten Fiskalpolitik. Auch wenn sich inzwischen die Schuldenquoten etwas stabilisiert hätten, würden sie laut Prognosen der Europäischen Kommission wohl in den kommenden zwei Jahren nicht nennenswert zurückgehen. Sie würden größtenteils deutlich über dem im Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP) der Europäischen Union festgelegten Grenzwert verharren.

Das klinge zunächst beängstigend und lasse Erinnerungen an die Euro-Krise aufkommen, tatsächlich sei die Situation in den allermeisten der Peripheriestaaten jedoch deutlich positiver. Insgesamt hätten die EU-Peripheriestaaten - Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien - ihre Staatsschuldenquoten seit der Pandemie bereits deutlich reduziert und würden weiterhin Fortschritte machen. Einzig Italien stelle mit einer Schuldenqote von weit über 140 Prozent eine Ausnahme dar. Und auch wenn die Verschuldung weiterhin auf einem hohen Lebel bleiben dürfte, sähen die Wachstumstrends für die europäischen Peripheriestaaten recht günstig aus. In letzter Zeit hätten diese Länder besser als ihre Nachbarn in Nordeuropa abgeschnitten.

Mit ihren stärker auf Dienstleistungen ausgerichteten Volkswirtschaften seien sie weitaus weniger auf Energie und den Welthandel angewiesen als etwa Deutschland und die Niederlande. Diese Entwicklung spiegele sich mittlerweile auch bei der Einstufung der Kreditwürdigkeit der europäischen Peripheriestaaten wider. Portugal sei auf dem besten Weg, ein A-Rating zu erhalten, und auch Griechenland werde von führenden Ratingagenturen seit kurzem wieder als "Investment Grade" eingestuft. Irland nähere sich dem Status "AA", während sich Spanien weiterhin auf einem soliden A-Niveau befinde.

Auch politisch und strukturell sind wir heute in einer anderen Situation als zu Beginn der Eurokrise, so die Experten von AllianceBernstein. Als Reaktion auf die pandemiebedingte Notlage habe die Europäische Kommission die Befugnis erhalten, bestimmten Ländern der Eurozone über die Aufbau- und Resilienzfazilität (2021) sowohl Kredite als auch Finanzhilfen zu gewähren. Das sei der erste Schritt zum Aufbau einer Struktur für die gemeinsame Schuldenaufnahme in der EU gewesen, um den Bedürfnissen einzelner Mitgliedstaaten Rechnung zu tragen und ihre Finanzierungskosten zu senken. Gegenwärtig überarbeite die Europäische Kommission ihren Ansatz zur Steuerung der Staatsverschuldung.

Während die ursprünglichen SWP-Regelungen eine feste Obergrenze für Defizite und Schuldenquoten vorgesehen hätten (die 3% bzw. 60% des jeweiligen BIP nicht hätten übersteigen dürfen), würden die vor kurzem vereinbarten Änderungen einen flexiblen länderspezifischen Ansatz zur Verringerung der Verschuldung ermöglichen. Dieser neue Ansatz werde sowohl die Haushaltsdisziplin stärken als auch zur Eindämmung von Marktverwerfungen beitragen, falls ein Land seine Ziele in einem bestimmten Jahr nicht erreiche - und zwar ohne das Wirtschaftswachstum dieses Landes gravierend zu beeinträchtigen.

Fortschritte gebe es auch bei der Architektur des Bankensystems. Die US-Regionalbankenkrise und der Zusammenbruch der Credit Suisse im vergangenen Jahr hätten zwar kurzfristig Sorgen ausgelöst. Es habe sich jedoch auch gezeigt, dass die Bilanzen der Banken heute wesentlich robuster seien als vor der globalen Finanzkrise. In Europa hätten die 2014 eingeleiteten Reformen der Bankenaufsicht dazu beigetragen, die Überwachung zu verbessern und die Stabilität des Bankensektors zu erhöhen. Höhere Liquiditätsquoten und ein stärkerer allgemeiner Regelungsrahmen hätten dazu beigetragen, eine Ausweitung regionaler Krisen auf globaler Ebene zu verhindern.

Auch wenn sich der systemische Druck im Jahr 2022 erhöht habe, sei diese Phase von relativ kurzer Dauer gewesen. Die Risiken für ein Übergreifen vom Finanzsektor auf die Realwirtschaft seien wesentlich geringer gewesen als bei vergangenen Krisen. Dank der zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen seien auch die ersten Phasen der geldpolitischen Straffung durch die EZB plangemäß verlaufen: Die quantitative Straffung im Rahmen des APP, die im März 2023 begonnen habe, gestalte sich reibungslos, und die Ankündigung, dass das PEPP auslaufe und eingestellt werde, habe die Spreads der Staatsanleihen nicht beeinträchtigt.

Insgesamt könnten Investoren also durchaus optimistisch bei EU-Staatsanleihen sein. Günstigere strukturelle und aufsichtsrechtliche Bedingungen dürften dazu beitragen, einer unverhältnismäßigen Kreditaufnahme entgegenzuwirken und systemische Schocks zu verhindern. Wenn die EZB wie allgemein erwartet im Sommer mit Zinssenkungen beginne, würden sich im Laufe der Zeit die Finanzierungskosten für staatliche Kreditnehmer in der Eurozone weiter verringern würden. Anleger brauchen sich daher von systemischen Bedenken nicht verschrecken lassen, vielmehr sollten sie die positiven Entwicklungen einzelner Emittenten als Chance begreifen, so die Experten von AllianceBernstein. (20.03.2024/alc/a/a)