Erweiterte Funktionen
Erst zu spät, dann zu früh: Ist die Politik der EZB gescheitert?
25.09.18 13:00
LYNX Broker
Berlin (www.anleihencheck.de) - Alles ist gut, alles läuft genau so, wie geplant und überhaupt gibt es keinen Anlass zur Beunruhigung, so die Experten von LYNX Broker.
Mario Draghi und sein Team würden schon wissen was sie tun. So könnte man die letzte Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank Mitte des Monats zusammenfassen. Draghi habe dort erklärt, dass das Wirtschaftswachstum in der Eurozone auf einem guten Kurs wäre, das Risiko einer Deflation abnehmen würde und daher das Anleihekaufprogramm der EZB zum Ende des Jahres auslaufen könnte. Auch die gefährlich niedrige Kerninflation von nur einem Prozent würde nun langsam aber sicher wieder steigen.
"Das aktuell stark gebremste Wirtschaftswachstum in der Eurozone hat Draghi in seiner Erklärung einfach beiseite gewischt. Seiner Meinung nach handelt es sich dabei um einen kurzfristigen Effekt", erkläre Sascha Sadowski vom Online-Broker LYNX. "Was er dabei völlig ignoriert ist die Tatsache, dass ein großer Teil des Wachstums im Jahr 2017 durch die chinesische Wirtschaftspolitik getrieben wurde und nicht allein durch seine Politik." Tatsächlich habe die chinesische Regierung 2017 damit begonnen, massiv Kredite zu vergeben, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln. "Allein durch seine Größe und die enge globale Verzahnung mit anderen Ländern hat das die gesamte Weltwirtschaft auf rund 5,5 Prozent Wachstum befeuert. Davon hat logischerweise auch die EU profitiert. Doch das ist nicht der Verdienst der EZB", kritisiere Sadowski. Das würde man auch schon an den Zahlen für das laufende Jahr 2018 erkennen. Anfang des Jahres seien die günstigen Kredite der Asiaten immer spärlicher geworden und damit habe sich auch das weltweite Wirtschaftswachstum langsam aber sicher wieder normalisiert. Aktuell liege es bei rund 3,5 Prozent.
"Mario Draghi und die EZB unterschätzen, wie stark das Wachstum ohne den chinesischen Stimulus sinken könnte. Bereits jetzt musste er seine ursprüngliche Einschätzung von einem Plus von 2,3 Prozent auf nur noch zwei Prozent senken. Hinzu kommt, dass das natürlich auf die gesamte Eurozone gerechnet ist und einzelne Länder, allen voran Spanien, Italien oder sogar Frankreich, noch weit unter diesen Zahlen liegen könnten", warne Sadowski. "Zu diesen Problemen kommt, dass Draghis Anleihekäufe der Inflation nicht wie behauptet auf die Sprünge geholfen hat. Alles in allem hat das gesamte Programm lediglich zu Schuldenerleichterungen durch niedrige Zinsen geführt. Die anderen erhofften Effekte blieben weitgehend aus. Daher verwundert es den objektiven Beobachter doch sehr, dass das Programm nun mit einer Erfolgsmeldung zu Grabe getragen werden soll."
Betrachte man das große Ganze, werde man darüber hinaus Parallelen zur Politik der Bank of Japan seit den 1990ern feststellen. Japan habe sich damals durch eine Reihe verspätet begonnener und zu früh beendeter geldpolitischer Maßnahmen in eine Situation mit deutlich zu niedriger Inflation gebracht. Bis heute habe das Land es nicht geschafft aus diesem Kreislauf nachhaltig auszubrechen. "Etwas ganz Ähnliches sehen wir in der Eurozone. Während die FED in den USA bereits Ende 2008, nur wenige Monate nach dem Beginn der Krise, mit einem Anleihekaufprogramm begonnen hatte, dauerte es bis Anfang 2015 bis die EZB ebenfalls entsprechende Maßnahmen ergriff. Das war natürlich viel zu spät und das Resultat sehen wir jetzt. Während die USA ihre Kerninflation stabil um den Zielwert von zwei Prozent halten können, liegt die Eurozone mit nur rund einem Prozent deutlich zu niedrig. In dieser Situation das Anleihekaufprogramm zu beenden und auch noch als Erfolg zu deklarieren ist zumindest bedenklich", fasse der LYNX-Experte zusammen.
Über die Hintergründe der Draghi-Entscheidung lasse sich nur spekulieren, jedoch schienen politische Faktoren zumindest eine Rolle gespielt zu haben. "Politisch ist für viele europäische Länder mittlerweile das Ende der Fahnenstange erreicht. Eine Fortsetzung der EZB-Politik oder gar weitere Einschnitte lassen sich in hier nicht mehr verkaufen. Allerdings könnte es auch bei einem Ende des Anleihekaufprogramms zu politischem Aufruhr kommen, denn dann könnten die Zinsen in den bislang gestützten Ländern wieder steigen und der Wert der Anleihen im Gegenzug sinken. Bei einer solchen Entwicklung dürften besonders Italien, Portugal und Spanien einen Abfluss der Investorengelder erleben. Deutschland hingegen würde aller Voraussicht nach keine großen Veränderungen feststellen, auch nicht, was die Zinsen angeht. Wir sehen also, dass die Lasten auch nach dem Ende des EZB-Programms äußerst ungleich verteilt sein werden. Das könnte zu Spannungen führen und die Eurozone weiter schwächen", befürchte Sadowski. (25.09.2018/alc/a/a)
Mario Draghi und sein Team würden schon wissen was sie tun. So könnte man die letzte Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank Mitte des Monats zusammenfassen. Draghi habe dort erklärt, dass das Wirtschaftswachstum in der Eurozone auf einem guten Kurs wäre, das Risiko einer Deflation abnehmen würde und daher das Anleihekaufprogramm der EZB zum Ende des Jahres auslaufen könnte. Auch die gefährlich niedrige Kerninflation von nur einem Prozent würde nun langsam aber sicher wieder steigen.
"Mario Draghi und die EZB unterschätzen, wie stark das Wachstum ohne den chinesischen Stimulus sinken könnte. Bereits jetzt musste er seine ursprüngliche Einschätzung von einem Plus von 2,3 Prozent auf nur noch zwei Prozent senken. Hinzu kommt, dass das natürlich auf die gesamte Eurozone gerechnet ist und einzelne Länder, allen voran Spanien, Italien oder sogar Frankreich, noch weit unter diesen Zahlen liegen könnten", warne Sadowski. "Zu diesen Problemen kommt, dass Draghis Anleihekäufe der Inflation nicht wie behauptet auf die Sprünge geholfen hat. Alles in allem hat das gesamte Programm lediglich zu Schuldenerleichterungen durch niedrige Zinsen geführt. Die anderen erhofften Effekte blieben weitgehend aus. Daher verwundert es den objektiven Beobachter doch sehr, dass das Programm nun mit einer Erfolgsmeldung zu Grabe getragen werden soll."
Betrachte man das große Ganze, werde man darüber hinaus Parallelen zur Politik der Bank of Japan seit den 1990ern feststellen. Japan habe sich damals durch eine Reihe verspätet begonnener und zu früh beendeter geldpolitischer Maßnahmen in eine Situation mit deutlich zu niedriger Inflation gebracht. Bis heute habe das Land es nicht geschafft aus diesem Kreislauf nachhaltig auszubrechen. "Etwas ganz Ähnliches sehen wir in der Eurozone. Während die FED in den USA bereits Ende 2008, nur wenige Monate nach dem Beginn der Krise, mit einem Anleihekaufprogramm begonnen hatte, dauerte es bis Anfang 2015 bis die EZB ebenfalls entsprechende Maßnahmen ergriff. Das war natürlich viel zu spät und das Resultat sehen wir jetzt. Während die USA ihre Kerninflation stabil um den Zielwert von zwei Prozent halten können, liegt die Eurozone mit nur rund einem Prozent deutlich zu niedrig. In dieser Situation das Anleihekaufprogramm zu beenden und auch noch als Erfolg zu deklarieren ist zumindest bedenklich", fasse der LYNX-Experte zusammen.
Über die Hintergründe der Draghi-Entscheidung lasse sich nur spekulieren, jedoch schienen politische Faktoren zumindest eine Rolle gespielt zu haben. "Politisch ist für viele europäische Länder mittlerweile das Ende der Fahnenstange erreicht. Eine Fortsetzung der EZB-Politik oder gar weitere Einschnitte lassen sich in hier nicht mehr verkaufen. Allerdings könnte es auch bei einem Ende des Anleihekaufprogramms zu politischem Aufruhr kommen, denn dann könnten die Zinsen in den bislang gestützten Ländern wieder steigen und der Wert der Anleihen im Gegenzug sinken. Bei einer solchen Entwicklung dürften besonders Italien, Portugal und Spanien einen Abfluss der Investorengelder erleben. Deutschland hingegen würde aller Voraussicht nach keine großen Veränderungen feststellen, auch nicht, was die Zinsen angeht. Wir sehen also, dass die Lasten auch nach dem Ende des EZB-Programms äußerst ungleich verteilt sein werden. Das könnte zu Spannungen führen und die Eurozone weiter schwächen", befürchte Sadowski. (25.09.2018/alc/a/a)


